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Trisomie 21-Untersuchung am Mikroskop.

Trisomie 21

"Empörungsdebatten helfen nicht"

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Peter Dabrock, Vorsitzenden des Deutschen Ethikbeirats, spricht im Interview mit der FR über Bluttests.

Herr Dabrock, am Freitag wollen Abgeordnete mehrerer Parteien ihre kritische Haltung zu vorgeburtlichen Bluttests zum Beispiel auf das Down-Syndrom erläutern. Es geht darum, ob diese Tests von den Kassen bezahlt werden. Haben Sie Verständnis für die Bedenken?
Zunächst einmal muss etwas richtig gestellt werden: Die Abgeordneten sprechen selbst davon, dass es um die Zulassung derartiger Tests gehe. Das führt in die Irre, denn diese Tests sind ja zugelassen. Es geht lediglich um die Frage, ob sie von der gesetzlichen Krankenversicherung regulär erstattet werden. Wie ist die Lage heute? Bei einer Entdeckung von Trisomie 21 mit den herkömmlichen Tests entscheiden sich neun von zehn Frauen oder Paaren dagegen, das Kind auszutragen. Ich bedauere das ausdrücklich. Die Kritiker behaupten nun allerdings, durch die Gentests gebe es einen Dammbruch. Aber man kann ja schlecht sagen, bei der jetzigen Abbruchquote von 90 Prozent sei alles in Ordnung und nun werde durch die Gentests alles dramatisch schlimmer.

Sie sind also dafür, dass diese Tests von den Kassen bezahlt werden?
Wir müssen respektieren, dass Eltern wissen wollen, wie es ihrem Kind geht. Auch wenn es gesellschaftlich nicht mehr erwünscht ist, zu sagen, man wolle kein behindertes Kind: Im tiefsten Innern wünschen sich doch alle Eltern gesunden Nachwuchs. Und ein Gentest hat im Unterschied zu den herkömmlichen Untersuchungsmethoden keine Nebenwirkungen. Es kann ja wohl kein Argument sein, eine Methode deshalb nicht zu erstatten, weil sie – wie die nicht-invasiven Tests – risikoärmer ist. 

Das ist ein sehr technisches Argument. Die Kritiker sprechen von einem Dammbruch, weil sie glauben, dass sich die Einstellung zu Behinderten grundsätzlich ändern werde.
Wie die erwähnte Abbruchquote von 90 Prozent zeigt, haben wir diese pränatale Selektion in unserer Gesellschaft leider bereits. Sie führt aber anderes als behauptet nicht zu einer zunehmenden Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist das gesellschaftliche Klima im Umgang mit Behinderung im Gegenteil deutlich besser, normaler geworden. Menschen mit Behinderung genießen eine hohe Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Bei dieser gewandelten Einstellung muss und kann man ansetzen, damit die pränatale Selektion nicht zu einer gesellschaftlichen Norm wird. Es geht unter anderem um die Frage, wie Behinderte noch besser gefördert und integriert werden können. Empörungsdebatten gegen Gentests helfen niemandem, auch Menschen mit Behinderung nicht.

Wäre ein Verbot nicht dennoch einfacher?
Wir leben in einer wertepluralen Gesellschaft. Auch wenn man die ethischen Probleme sieht, kann der Rechtsstaat nach dem Gleichheitsgrundsatz nicht die eine Art der Pränataldiagnostik erlauben und die andere nicht. 

Entnehme ich daraus, dass Sie auch die geforderte Debatte im Bundestag für überflüssig halten?
Ganz und gar nicht. Im Zentrum dieser Debatte sollte aber nicht die Kostenerstattung stehen, sondern die Frage: Wie wollen wir in unserer Gesellschaft mit Menschen mit Behinderung umgehen? Welche Anerkennung und Lebenschancen wollen wir ihnen und ihren Familien geben? Ich befürchte aber, dass angesichts dieses Vorstoßes andere weitere Debatten aufmachen werden, beispielsweise über die Embryonenforschung, Eizellspende oder Leihmutterschaft. Jeder, der hier einzelne Interessen verfolgt, sollte sich allerdings fragen, ob die gegenwärtige politisch angespannte Lage der richtige Zeitpunkt für Entscheidungen in diesen hochsensiblen Bereichen ist.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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