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Die Studierenden sollen arbeiten nicht nur mit Modellen, sondern auch mit Patienten.

Online-Hochschule

Digitales Medizinstudium stößt auf Kritik

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Eine neue private Online-Hochschule kooperiert mit der größten deutschen Krankenhauskette bei der Arztausbildung. Solche Anbieter sollten die Bundesländer strikter kontrollieren, mahnt ein Experte der Frankfurter Uniklinik.

Seit Jahren übersteigt in Deutschland die Nachfrage nach Medizinstudienplätzen das Angebot. Momentan haben vor allem Bewerber mit überdurchschnittlich guten Abiturnoten eine Chance, einen der rund 11 000 zulassungsbeschränkten Studienplätze an einer staatlichen Hochschule zu ergattern. Viele Studieninteressierte weichen daher ins Ausland aus, um lange Wartezeiten zu umgehen.

Doch Josef Pfeilschifter, Dekan des Fachbereichs Medizin der Goethe-Universität in Frankfurt, rät von unseriösen Anbietern ab, die sich auf diesem Markt tummeln. Auch wenn der Arztberuf für viele junge Menschen ein großer Traum sei, warnt der Professor für Pharmakologie und Toxikologie vor dem Geschäftsmodell vieler Privatunis aus Nachbarländern wie Österreich, Luxemburg, Ungarn oder Bulgarien, die Studierende damit anlocken, dass sie dort auch ohne überdurchschnittliche gute Abiturnoten Medizin studieren können. Damit wird der in Deutschland eingeführte Numerus clausus (NC) umgangen. 

Den Anbietern gehe es dabei vor allem um „Cash“, so Pfeilschifter, der zudem dem Vorstand des Universitätsklinikums Frankfurt angehört. Mediziner bekommen von diesen ausländischen Universitäten häufig dubiose Jobangebote – etwa Professorenstellen ohne Vorweis einer Habilitation wie sie in Deutschland erforderlich ist. Um solche fragwürdigen Entwicklungen zu unterbinden, fordert Pfeilschifter, dass die Bundesländer ihre Kontroll- und Aufsichtspflicht strikter als bisher anwenden.

Als „Gipfel der Unseriosität“ bezeichnet Pfeilschifter auf Anfrage der Frankfurter Rundschau ein neues digitales Studienmodell aus Malta: die akademische Plattform EDU. Die Gründer bieten ab November einen Bachelor of Medicine an. Das Ziel: In Lerngruppen soll angehenden Humanmedizinern Fachwissen anhand von digitalem Unterricht vermittelt werden. Klassische Vorlesungen der Humanmedizin, wie Universitäten sie abhalten, sind an der privaten Online-Hochschule Digital Education Holding (DEH) hingegen nicht geplant.

Das praktische Training, unerlässlich für spätere Ärzte, findet nicht wie sonst üblich an einem der 33 deutschen Universitätskliniken statt, sondern an Krankenhäusern einer privaten Krankenhauskette an sieben Standorten in Deutschland – unter anderem in Berlin-Buch, Erfurt, Krefeld, Oberhausen und Wiesbaden. 

„Diesem Studienmodell fehlt fast komplett der Forschungsbereich, der aber für die Wissenschaft der Medizin neben Lehre und Krankenversorgung eine essentielle Säule darstellt“, kritisiert Pfeilschifter. Zugleich hebt er im Gespräch mit der FR die Bedeutung der universitären Lehre und den damit verbundenen Kontakt zu Kollegen hervor. Mittlerweile sei auch die anfängliche Euphorie, Mediziner mit Onlinekursen zu schulen, verflogen. Die so genannten Moocs würden in den USA nach Ausfallquoten von bis zu 90 Prozent nun wieder abgebaut, berichtet er.

Ganz anders sieht das Andreas Hoeft, Sprecher der Gründungsfakultät der EDU. Zusammen mit privaten Investoren hat er eine eigene akademische Plattform auf Malta gegründet, um den Medizinernachwuchs auszubilden. Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Bonn trägt seit mehreren Jahren die Idee in sich, ein digitales Medizinstudium anzubieten. „Mit Interesse habe ich beobachtet, wie sehr elektronische Medien das Studium meiner drei Söhne verändert haben“, berichtet Hoeft. 

Schon jetzt seien in der Lehre, gerade in der Humanmedizin, online Lernplattformen wie Amboss sehr erfolgreich bei der Wissenvermittlung. „Die Durchfallquoten im Staatsexamen sind stark zurückgegangen, denn das digitale Eigenstudium ist sehr effizient“, betont Hoeft. Das Medizinstudium sei zum großen Teil reine Fleißarbeit und bestünde überwiegend darin, sich das erforderliche Fachwissen anzueignen. Digitale Lernmedien und Lehrvideos seien laut Hoeft dafür hervorragend geeignet. Aus seiner Sicht „müssen angehende Ärzte vor allem Intelligenz ,Motivation und soziale Kompetenz mitbringen“. 

Im Gegensatz zu Universitätskliniken, wo auch viel Grundlagenforschung betrieben wird, konzentriere man sich bei EDU auf die klinische Forschung. „Unsere Studierenden sollen lernen, wie man Studien designt, welche Hürden und Anforderungen es gibt und wie man sie interpretiert“, berichtet Hoeft. 

Das wiederum reicht Josef Pfeilschifter, der selbst aktiv auf den Gebieten Krebs, Wundheilung sowie zu Erkrankungen der Haut und der Niere forscht, ganz und gar nicht. „Bei der modernen, auf den einzelnen Patienten zugeschnittenen Krebsmedizin werden beispielsweise nahezu täglich neue Therapieformen entwickelt.“ Das gleiche gelte für die aktuellen Forschungserkenntnisse zur Entstehung von Schlaganfall und Herzinfarkt. In einer zu starken Fokussierung auf das klinische Lernen während der Ausbildung sieht Pfeilschifter einen „Qualitätsmangel“. 

 Andreas Hoeft argumentiert hingegen: „Für die ärztliche Grundausbildung ist es wichtig, das Tagesgeschäft zu kennen und viele Patientenfälle zu sehen.“ An Unikliniken werde hingegen meist „High-End-Medizin“ an schwerstkranken Menschen praktiziert. 

Die private Hochschule kooperiert mit den Helios-Kliniken, Deutschlands größter Krankenhauskette. „Den Helios-Kliniken wird es dabei vor allem um die Rekrutierung ihres Personalstamms gehen“, lautet Pfeilschifters Bewertung dieser Zusammenarbeit.

Mit einer kleinen Gruppe von Bachelor-Studenten werde man im November starten, kündigt Hoeft an. Er kann sich nach der Startphase in Deutschland vorstellen, auch mit Kliniken in Spanien oder Italien zu kooperieren. Und auch die Weltgesundheitsorganisation WHO habe laut Hoeft Interesse geäußert, „wenn wir in Afrika Ärzte ausbilden, da der Bedarf sehr hoch ist“. 

Die Ausbildung zum Medical Doctor an der EDU kostet insgesamt rund 100 000 Euro. Zudem ist bislang nur der Bachelor akkreditiert – aktuell ist damit die weitere Ausbildung zum Medical Doctor zwar geplant, aber noch nicht von den staatlichen Behörden in Malta genehmigt.  In Modulen von jeweils acht Wochen lösen fünf Studierende gemeinsam Aufgaben in der Cyberwelt. Tutoren und Mentoren betreuen jede Fünfer-Gruppe bei fachlichen Fragen. „Das Betreuungsverhältnis sowohl auf der Lernplattform als auch in den Kliniken ist sehr gut“, betont Hoeft. 

Jede Woche müssen die Studierenden Lösungsvorschläge für einen Fall erarbeiten und beispielsweise einen Diagnose- oder Therapievorschlag erstellen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem problemorientierten Lernen. „Die Inhalte orientieren sich an internationalen Standards und werden auf Englisch vermittelt“, sagt der EDU-Sprecher. 

Nach der Theorieschulung geht es im Anschluss für vier Wochen in ein Krankenhaus, um praktische Kenntnisse im erlernten Fachgebiet zu erwerben. „Es gibt eine Checkliste, was die Studenten sehen sollen, praktisch lernen sollen und am Ende jeweils eine kleine praktische Prüfung.“ Aufgrund des Rotationssystems arbeitet somit dauerhaft mindestens ein Student in den Fachabteilungen mit, legt beispielsweise Blutdruckmanschetten an, bereitet die Narkose vor, nimmt die Krankengeschichte auf oder bringt auch mal das Blut ins Labor.

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