Pandemie

Gefährliche Doppelinfektion mit Corona und Grippe - Experten empfehlen Impfung

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Die kalte Jahreszeit bringt mit der Influenza neue Herausforderungen. Um das Zusammentreffen mit dem Coronavirus abzumildern, raten Experten zur Grippeimpfung.

  • Die Erkältungssaison beginnt mit den kalten Monaten.
  • Zum Jahreswechsel wird auch die nächste Grippewelle kommen.
  • Das Coronavirus könnte sich in diesem Zuge auch stärker verbreiten.

Berlin – Ein Dreivierteljahr ist es her, dass die ersten Berichte über eine „unbekannte Lungenkrankheit“ in China in den Nachrichten auftauchten, anfangs meist als eher untergeordnete Meldung. Damals wusste die Öffentlichkeit noch nicht, welcher Erreger hinter dem mysteriösen Leiden steckt. In der Zwischenzeit ist das Wissen rasant gewachsen, mit einer Geschwindigkeit wie bei kaum einem Pathogen zuvor. Parallel dazu tauchen jedoch immer neue Fragestellungen auf, werden scheinbar gesicherte Erkenntnisse wieder in Frage gestellt. Mit dem Wissen wächst auch die Ahnung vom Ausmaß der Unwissenheit. Das alles bietet Grund genug, nicht nachlässig zu werden im Umgang mit Mundschutz, Abstandhalten und Hygieneregeln. Ob das genügt und wir ausreichend vorbereitet sind, um mit Corona gut durch Herbst und Winter zu kommen, kann aber keineswegs als gesichert gelten.

Gerade mit Blick auf die nahende Erkältungssaison und die ab dem Jahreswechsel zu erwartende Grippewelle erscheint das fraglich. Bald wird es wieder losgehen mit dem Husten und Schniefen allerorten. Wer wird dann unterscheiden können, ob der Sitznachbar in der S-Bahn, die Arbeitskollegin oder der Klassenkamerad sich nur eine harmlose Erkältung oder Covid-19 eingefangen hat? Wie sollen sich Eltern verhalten, wenn die halbe Klasse ihres Kindes erkältet ist; in den Wintermonaten keine Seltenheit. Die Tochter, den Sohn zu Hause lassen, es könnte ja ein Corona-Fall darunter sein?

Schon im nasskalten Spätsommer könnte es bald wieder mit dem Husten und Schniefen losgehen.

Coronavirus könnte sich bei der nächsten Grippewelle stärker verbreiten

Und wie wird es in den Wartezimmern der Hausärzte und der Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten aussehen? Wie sollen sie mit Patienten umgehen, die in den kommenden Monaten wieder in die Praxen drängen mit Beschwerden, die ohne Test nicht zuzuordnen sind? Hier herrscht auch unter Medizinern viel Unsicherheit. Es ist eine der Tücken von Covid-19, dass sich die Infektion mit den gleichen Symptomen wie ein banaler Atemwegsinfekt äußern kann.

Es ist zu befürchten, dass bald nicht nur die gewöhnlichen Erkältungen zunehmen, sondern sich auch das Coronavirus wieder stärker verbreitet. Denn nach aktuellem Wissensstand dürfte Sars-CoV-2 wie die meisten Erreger von Atemwegsinfekten saisonalen Schwankungen unterworfen sein. So scheint das Virus das UV-Licht der Sonne zu scheuen, während ihm kalte und trockene Luft ideale Bedingungen bietet. Auch geht man mittlerweile davon aus, dass die Ansteckung über Aerosole – kleinste Partikel in der Luft – eine größere Rolle spielt als anfangs angenommen. Das könnte in der kalten Jahreszeit unangenehm zum Tragen kommen, wenn sich die Menschen wieder mehr in Innenräumen aufhalten. Hier kann neben Abstand und Maskenpflicht, wo sie denn umzusetzen und zumutbar ist, nur regelmäßiges Lüften helfen.

Coronavirus: Einschätzung der nächsten Grippewelle schwierig

Verschärfen könnte sich die Situation vor allem, wenn sich ab Januar zu Schnupfen, Halsentzündung, Bronchitis und Covid-19 noch die Influenza gesellt. Laut Robert-Koch-Institut infizieren sich jedes Jahr zwischen fünf und 20 Prozent der Bevölkerung. Niemand vermag derzeit einzuschätzen, wie schwer die Grippewelle ausfallen und wie gut die Impfung schützen wird, die wegen der Mutationsfreudigkeit der Influenzaviren jede Saison an die epidemiologische Situation angepasst werden muss.

Entwicklung von Corona in Deutschland

Trotzdem ist die Grippeimpfung in diesem Jahr besonders wichtig. Man kann nur hoffen, dass, wie von der Politik versichert, genug Impfdosen vorhanden sind und diese auch von der Bevölkerung in Anspruch genommen werden. In der schweren Grippesaison 2017/2018 mit vielen Toten hatten sich auch im besonders gefährdeten Personenkreis – wie bei Covid-19 sind das die Älteren und Menschen mit Grunderkrankungen – nur knapp 35 Prozent impfen lassen.

Aber auch für gesunde jüngere Menschen könnte eine Doppelinfektion mit Sars-CoV-2 und dem Influenzavirus gefährlich werden. Skeptiker führten von Beginn der Pandemie an immer gerne das Argument an, Covid-19 sei nicht schlimmer als die Grippe. Ein Vergleich, der falsch ist und zynisch anmutet, weil beide Erkrankungen schlimm verlaufen, zu schweren Komplikationen, Spätfolgen und sogar zum Tod führen können.

Coronavirus: Abstandsregeln könnten auch die Grippe verhindern

Darauf setzen, dass noch während der Grippewelle eine Corona-Impfung zur Verfügung steht, sollte man nicht. Die meisten Experten rechnen damit frühestens im Frühjahr 2021 – wobei noch ungewiss ist, wie zuverlässig und wie lange ein potenzieller Impfstoff vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 schützen kann; möglicherweise bewahrt er nicht sicher vor einer Ansteckung, sondern nur vor einem schweren Verlauf, so wie es auch bei der Influenzaimpfung manchmal der Fall ist.

Erkältung, Grippe und Corona als gleichzeitig auftretende Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen – keine sehr schöne Aussicht. Auf der anderen Seite besteht aber die Hoffnung, dass die Corona-Regeln auch helfen, die klassischen saisonalen Infekte auf Abstand zu halten und es in diesem Winter deshalb insgesamt weniger Kranke gibt als sonst.

Coronavirus, Erkältungen und die Grippe schwer voneinander abzugrenzen

Gleichwohl: Dass ab Herbst mehr Atemwegsinfekte auftreten als im Sommer, dürfte unvermeidlich sein. Und es wird schwer, sie voneinander abzugrenzen – mit allen denkbaren chaotischen Folgen für Quarantäne, Kontaktverfolgung und Schließungen. Deshalb wird sehr wahrscheinlich der Bedarf an Tests weiter steigen.

Wichtig wäre es vor allem, das Personal in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Arztpraxen, Schulen und Kindertagesstätten, vielleicht aber auch in der Gastronomie oder den Supermärkten regelmäßig zu testen. Hier fehlt es bislang an einem verbindlichen Leitfaden– aber auch an Kapazitäten. Schon jetzt kommt kommen Labore und Gesundheitsämter an ihre Grenzen, zuverlässige Schnelltests stehen bislang nicht in der Breite zur Verfügung. (Von Pamela Dörhöfer)

Rubriklistenbild: © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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