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Das alljährliche Silvesterfeuerwerk belastet die Luft schwer mit Feinstaub.

Silvester-Feuerwerk

Bleibende Erinnerungen der unschönen Art

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Ärzte warnen: Feuerwerkskörper können zu schweren Verletzungen führen, der in die Luft geschossene Feinstaub belastet die Atemwege.

Alle Jahre wieder warnen Mediziner vor den gesundheitlichen Gefahren des Silvesterfeuerwerks. Und diese sind vielfältiger Natur, reichen von Brandwunden, Knalltrauma bis hin zu Atembeschwerden. Besonders häufig kommt es durch den Umgang mit Böllern und Raketen zu Verletzungen der Hände. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie und der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie versorgen allein die Ärzte im Unfallkrankenhaus Berlin in einer Silvesternacht durchschnittlich 50 Verletzungen, die durch Feuerwerkskörper verursacht werden. „Die Patienten kommen mit abgetrennten Fingern, Verbrennungen, Frakturen und Weichteilverletzungen an den Händen“ sagt Andreas Eisenschenk, Leiter der Abteilung für Hand-, Replantations- und Mikrochirurgie am Unfallkrankenhaus Berlin und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie. 

Immer seien auch schwere Verletzungen darunter, die etwa davon herrührten, dass Feuerwerkskörper explodieren, die direkt am Körper getragen werden. Selbst wenn die Patienten sofort ärztlich versorgt würden und beispielsweise einen abgetrennten Finger wieder angenäht bekämen, müssten sie „mit bleibenden Einschränkungen“ rechnen, sagt der Mediziner. 

Die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie und der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie geben deshalb Tipps, wie ein folgenschweres Jahresende zu vermeiden ist. Sie raten, nur solche Feuerwerkskörper zu nutzen, die nicht in der Hand gezündet werden müssen – und vor allem nur geprüfte Produkte mit entsprechenden Kennzeichnungen. Konkret sind das die Prüfnummer des Bundesamtes für Materialprüfung (BAM) und das CE-Zeichen. Auf keinen Fall solle man manipulierte, selbst hergestellte oder illegale Böller verwenden. 

Grundsätzlich müsse man sich an die Gebrauchsanweisung halten. Am besten sollten Feuerwerkskörper in sicherem Abstand gelagert werden, man dürfe sie keinesfalls am Köper tragen (etwa in die Manteltasche stecken). Nicht explodierte Böller dürften nicht noch einmal gezündet werden. Am besten sollte man sie sofort entsorgen, das schütze auch Kinder und Jugendliche, die Blindgänger sammeln und noch einmal zünden. Für beide seien Böller grundsätzlich tabu, gerade Jugendliche erlitten besonders häufig schwere Verletzungen durch Feuerwerkskörper. Auch wer Alkohol konsumiert habe, sollte die Finger von der Knallerei lassen.

Ereigne sich dennoch ein Unfall, bei dem die Hand verletzt werde, so sollten Betroffene schnellstmöglich eine Klinik mit ausgewiesener Handchirurgie aufsuchen, raten die Experten. Das gelte auch für scheinbar harmlose Verletzungen, etwa leichtere Verbrennungen, die ohne korrekte Behandlung langfristige Folgen haben können. 

In Deutschland gibt es 44 Kliniken, die als Hand-Trauma-Zentrum auf die Behandlung schwerer Handverletzungen spezialisiert sind. Bis die Klinik erreicht ist, sollte die Hand so steril wie möglich verbunden werden. „Falls Finger abgetrennt wurden, dürfen diese auf keinen Fall durch Eis gekühlt werden, das Wiederannähen wird damit unmöglich“, warnt die Fachgesellschaft. 

Ebenfalls relativ häufig kommt es zu Verletzungen der Augen. Rund 60 Prozent der Patienten sind 25 Jahre oder jünger, fast 40 Prozent sind Kinder oder Jugendliche unter 18. Das hat eine 2018 vorgestellte Umfrage der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft an deutschen Augenkliniken ergeben. Jeder vierte Patient hatte eine schwere Verletzung erlitten, die stationär oder in einer Notoperation behandelt werden musste. Dazu zählen Prellungen oder Risse im Augapfel, oft kombiniert mit Lid- und Oberflächenverletzungen. Jedes zehnte Feuerwerksopfer müsse mit einer Folgeoperation, einer Sehminderung oder sogar dauerhafter Erblindung rechnen. Als „alarmierend“ bezeichnet Ameli Gabel-Pfisterer, Augenärztin am Ernst von Bergmann-Klinikum in Postdam, den hohen Anteil an „unbeteiligten Passanten und Minderjährigen unter den Verletzten“. Einige Unfallopfer seien sogar mit Feuerwerk- oder Knallkörpern beworden worden.

Während es zu Verletzungen meist kommt, weil jemand selbst oder ein anderer in der Nähe mit Knallkörpern hantiert, kann man sich einem weiteren Risiko durch Feuerwerk auch dann kaum entziehen, wenn man nicht mitten im Getümmel steckt: Es geht um die Belastung durch Feinstaub. Sie erreicht am Neujahrstag in Deutschland regelmäßig Spitzenwerte und macht damit fast ein Fünftel der jährlichen Gesamtmenge durch den Straßenverkehr aus. 

Laut Umweltbundesamt schießen die Deutschen in jeder Silvesternacht rund 5000 Tonnen Feinstaub in die Luft. „Das sind extrem hohe Werte, die die allermeisten Städte an keinem anderen Tag im Jahr erreichen“, sagt Holger Schulz vom Helmholtz Zentrum München für Gesundheit und Umwelt. Laut Gesetz darf der Tagesmittelwert für Feinstaub an jeder Messstelle höchstens 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft betragen – am Neujahrsmorgen 2018 wurde dieser Grenzwert an 32 Stationen um ein Vielfaches überschritten. Wie schnell die Feinstaubbelastung wieder sinkt, hängt vom Wetter ab: Ist es windstill, so kann die verschmutzte Luft mehrere Tage über einer Region hängen und sich in den unteren Schichten der Atmosphäre anreichern.

Dass Feinstaub die Gesundheit belastet, belegen viele Studien. Bereits vor wenigen Wochen hatte sich die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin für strengere Grenzwerte ausgesprochen. Zum Jahresende hin warnen die Lungenärzte nun vor der starken Belastung für die Atemwege (und die Umwelt), die von der beliebten Silvesterknallerei ausgeht.

 Leidtragende seien vor allem kleine Kinder, ältere Menschen und chronisch Kranke. Sie würden Anfang Januar besonders häufig unter Husten und Atembeschwerden leiden und müssten vermehrt mit akuten Problemen in Krankenhäuser eingeliefert werden. Schutzmöglichkeiten gebe es kaum, da gängige Atemschutzmasken die Partikel nur unzureichend herausfiltern könnten. Holger Schulz rät deshalb, sich bevorzugt in dünn besiedelten Gebieten jenseits der großen Städte aufzuhalten. 

 Am sinnvollsten sei es jedoch, privates Feuerwerk stark einzuschränken oder ganz darauf zu verzichten, erklärt Klaus Rabe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin „Raketen und Böller verursachen eine starke Schadstoffbelastung, der sich niemand entziehen kann. Zumindest aus Rücksichtnahme auf weniger gesunde Mitmenschen sollte man den privaten Gebrauch überdenken.“

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