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Tablette „vor einer Mahlzeit“ einnehmen – Was Beipackzettel-Formulierungen tatsächlich bedeuten

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Von: Romina Kunze

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Eine Person schaut sich im Liegen einen Zettel an. In der anderen Hand hält sie eine Packung mit rot-weißen Kapseln.
Auf schnelle Linderung der Beschwerden dürfen Menschen nicht setzen, die vorab umfangreich die beiliegende Gebrauchsinformation studieren möchten. Denn: Beipackzettel sind alles andere als kurz und prägnant. © Imago

Packungsbeilagen sollen informieren. Das tun sie allerdings selten; denn die dünnen Zettelchen sind wenig nutzerfreundlich. Kritik kommt auch von Fachleuten.

Frankfurt – Morgens, mittags, abends je eine Tablette mit reichlich Wasser zu sich nehmen – so die unmissverständliche Vorgabe von Hausärzten und -ärztinnen für die Einnahme von Medikamenten in der Regel. Zum Glück, möchte man meinen. Denn Hand aufs Herz: Wer kämpft sich heutzutage schon noch tapfer durch die Beipackzettel? Zu unverständlich, zu klein die Schrift und zu viele unnötige Informationen. Von der schier unmöglichen Faltart des dünnen Papierchens ganz zu schweigen.

Was viele bereits aus eigener Erfahrung wissen, bestätigen auch Fachpersonen: Die beigelegten Patienteninformationen sind wenig verbraucherfreundlich und werden daher oft falsch verstanden. „50 Prozent der Patienten und Patientinnen nehmen die Arznei nicht ansatzweise so, wie sie sollen“, sagt Thorsten Lehr, klinischer Pharmazeut an der Universität des Saarlandes, gegenüber spiegel.de. Wer mag es ihnen verdenken. Über die etlichen Fachbegriffen verlieren viele Nutzerinnen und Nutze die Lust sich damit zu beschäftigen. Und die Beilagen verfehlen somit ihren Zweck; nämlich zu informieren.

Beipackzettel sind verwirrend formuliert: Flüssigkeit ist nicht gleich Flüssigkeit

Das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch gefährlich, findet Experte Lehr. Besonders ältere Menschen würden daher unwissentlich Pillen falsch einnehmen, entweder zur falschen Tageszeit oder in Kombination mit anderen Medikamenten, deren Wirkung dadurch beeinträchtigt wird. Oder sie nehmen sie erst gar nicht. Schon bei der Art und Weise der Tabletten-Einnahme könnten Menschen einiges falsch machen. Weil die Nutzungshinweise schwammig formuliert sind, so die Kritik vieler Fachleute.

Die Präparate solle man etwa „auf nüchternen Magen“ und mit „ausreichend Flüssigkeit“ zu sich nehmen. Dass das auf gut Deutsch nichts anderes heißt als: „Vier Stunden vorher nichts essen und nur Wasser trinken, und die Tablette mit nichts anderem als kaltem oder lauwarmen Wasser herunterschlucken“, grenzt schon an Fachwissen. Denn „nüchtern“ wird im Volksmund vorrangig als „nicht alkoholisiert“ verstanden und „Flüssigkeit“ kann schon per Definition sehr viel mehr sein als nur Wasser. Entgegen dem gängigen Gebrauch vieler sollten Tabletten aber auch nicht mit Saft eingenommen werden; sei sie auch noch so bitter. Damit die Tabletten möglichst schnell wirken, gibt es noch einen Geheimtipp, der nicht im Beipackzettel steht. Denn auch die Körperposition ist entscheidend.

Medizinische Fachbegriffe und Formulierungen: Das steht in den Beipackzetteln

Beipackzettel-Testlauf aus dem Saarland zeigt: Es geht auch anders

Gemeinsam mit seinen Studenten und Studentinnen hat Experte Lehr sich Beipackzettel von gängigen und häufig verschriebenen Medikamenten vorgenommen. In einem Test strafften der Dozent und das medizinische Personal in spe die Packungsbeilage, befreiten sie vom Fachchinesisch und übersetzten die Empfehlungen in eine leichter zu verstehenden Sprache. Ein anschließender Test in Apotheken in Saarbrücken und Umgebung ergab, dass Patient:innen mit den neuen Beipackzetteln besser zurechtkämen.

„Fremdwörter können vermieden, wichtige Informationen hervorgehoben werden“, so das Fazit von Lehr. Und zwar ganz ohne, dass europaweite Vorgaben und Gesetze verändert werden. Denn das Problem ist, dass sich Pharma-Konzerne mit den Beipackzetteln auch juristisch absichern wollen und deshalb alle potenziellen Nebenwirkungen auflisten; ob sie wahrscheinlich sind oder nicht. Und: Alle Beipackzettel sollten einem von der Europäischen Arzneimittel-Agentur festgelegten Muster entsprechen. Muster, die eigentlich vereinheitlichen und somit die Nutzung vereinfachen sollten.

Problem mit dem unverständlichen Beipackzettel auch EU bekannt

Immerhin: Rückendeckung bekommen Lehr und Co. bereits aus Brüssel. „Der Beipackzettel muss endlich verständlicher werden“, sagte Peter Liese, Mediziner und Sprecher im Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit im Europäischen Parlament, schon 2017 gegenüber spiegel.de. Konkrete Vorgaben und Änderungen seitens der EU blieben aber bislang aus. Es müsse noch weiter erforscht werden, hieß es schon damals aus EU-Kreisen. (Romina Kunze)

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