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Viele ältere Menschen schlucken täglich Acetylsalicylsäure, obwohl sie völlig gesund sind. getty

Medizin

Aspirin taugt nicht zur Prophylaxe

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Schutz vor Infarkt und Schlaganfall: Studie zeigt keinen positiven Effekt bei gesunden Senioren.

Eigentlich ist Acetylsalicylsäure, besser bekannt unter dem Produktnamen Aspirin, ein Schmerzmittel. Seit Bayer das Präparat 1899 erstmals auf den Markt brachte, dürften es Milliarden Menschen geschluckt haben, um ihre Pein im Kopf oder an anderen Körperstellen loszuwerden; bis heute zählt Aspirin zu den am meisten verkauften Medikamenten weltweit. Auch Fieber lässt sich damit senken, und bei Rheuma kann das Mittel ebenfalls helfen, da es antientzündlich wirkt. Doch viele greifen auch aus ganz anderen Gründen zu den weißen Tabletten, denn die Acetylsalicylsäure (ASS) kann noch mehr: So wirkt sie dem Zusammenklumpen von Blutplättchen und somit der Entstehung eines Gerinnsels entgegen. Manche Passagiere nehmen ASS deshalb vor einem Langstreckenflug ein, um keine Thrombose zu bekommen.

Aufgrund dieser „blutverdünnenden“ Eigenschaften soll die Acetylsalicylsäure auch helfen, einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall vorzubeugen. Vor allem ältere Menschen schlucken deshalb jeden Tag eine geringe Dosis ASS in der Hoffnung, sich damit vor einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall zu schützen. Empfohlen werden zur Prophylaxe in der Regel 75 bis 100 Milligramm täglich. Viele dieser Menschen nehmen ASS auf diese Weise ein, obwohl sie völlig gesund sind und noch nie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten – also ohne echte medizinische Indikation und oft auch ohne dass sie es von ihrem Arzt verschrieben bekommen haben. Diese Form der Selbstbehandlung ist problemlos möglich, da ASS rezeptfrei in jeder Apotheke erhältlich ist. Übersehen wird bei einer solchen Dauereinnahme allerdings oft, dass die blutverdünnenden Eigenschaften ihren Preis haben: Als Nebenwirkungen kann es zu verstärkten Blutungen kommen, etwa im Magen-Darm-Trakt.

Kritiker einer prophylaktischen Einnahme von Acetylsalicylsäure bei gesunden Menschen bemängeln, es fehlten wissenschaftliche Nachweise dafür, dass der Inhaltsstoff tatsächlich dem ersten Auftreten eines Herzinfarktes oder Schlaganfall vorbeuge. Eine große Studie der Monash University im australischen Melbourne scheint Skeptiker nun zu bestätigen. Die Untersuchung hat den Titel „ASPREE“ („Aspirin in Reducing Events in the Elderlcy“, deutsch: „Aspirin-Einnahme in Hinsicht auf das Vermeiden von Herzinfarkt oder Schlaganfall bei Senioren“). Sie ergab, dass eine tägliche niedrige Dosis von 100 Milligramm Aspirin bei gesunden Menschen über 70 nicht dazu beiträgt, das Risiko eines erstmaligen Herzinfarkts oder Schlaganfalls „in erheblichen Ausmaß“ zu verringern, wie es in einer Mitteilung des Australisch-Neuseeländischen Hochschulverbundes heißt.

Bei der im Jahr 2010 gestarteten Studie arbeiteten australische und US-amerikanische Wissenschaftler zusammen. Über einen Zeitraum von sieben Jahren verglichen  sie die Wirkung einer täglichen Einnahme niedrig dosierten Aspirins mit der eines Placebos. einer Pille ohne Wirkstoff bei mehr als 19 000 Menschen über 70 in Australien und Amerika. Das Ergebnis: Zwischen beiden Gruppen gab es „nur sehr geringfügige Unterschiede“, schreiben die Wissenschaftler.

„Aus dieser komplexen, groß angelegten und durch Placebo-Präparate kontrollierten Studie kann geschlussfolgert werden, dass gesunde, ältere Menschen, die darüber nachdenken, wie sie ihre Gesundheit am besten fördern können, sehr wahrscheinlich keinen Nutzen aus der Aspirin-Einnahme ziehen“, erklärt John McNeill, Studienleiter und Direktor des Department of Epidemiology and Preventive Medicine an der Monash University.

Bestätigt worden sei bei der Studie indes ein erhöhtes Blutungsrisiko: Bei den Teilnehmern, die Aspirin einnahmen, habe es einen leichten Anstieg von 3,8 Prozent bei „ernsten Blutungen“ gegeben. Das bedeute, dass „Millionen von gesunden, älteren Menschen weltweit völlig unnötig“ niedrig dosiertes Aspirin ohne medizinischen Grund einnehmen, folgert McNeill. „Die Studie zeigt, dass es keinen größeren Vorteil gibt, der das möglicherweise erhöhte Blutungsrisiko wettmacht.“ Zwar räumt der Wissenschaftler ein, dass Aspirin „ein sicheres Medikament“ sei, gleichwohl rät er, es „nicht völlig bedenkenlos“ einzunehmen, sondern auf Rat eines Arztes und sich auch an dessen Anweisungen zu halten.

Wichtig ist allerdings eine Unterscheidung: Bei der ASPREE-Studie ging es nur um gesunde Menschen ohne kardiovaskuläre Vorbelastung, die Acetylsalicylsäure rein prophylaktisch einnehmen. Anders sieht es bei Patienten aus, die bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben oder unter Angina Pectoris als Risikofaktor für beide Erkrankungen leiden. Bei dieser Gruppe ist ASS neben anderen blutverdünnenden Mitteln ein etabliertes Medikament, um einen weiteren schweren Ereignis vorzubeugen. Daran ändert auch die aktuelle Studie nichts. Allerdings sollten insgesamt aufgrund der neuen Ergebnisse die „globalen Richtlinien rund um die Aspirin-Verwendung zur Vermeidung von Herzkreislauf-Erkrankungen im Alter überdacht werden“, schlussfolgern die Autoren.

Blickt man auf die letzten Jahrzehnte, so ist die Studienlage zu ASS im Hinblick auf eine vorbeugende Wirkung bei Herzinfarkt und Schlaganfall uneinheitlich. So war es eine US-amerikanische Studie, die 1988 den Hype um Aspirin als Medikament zur Prophylaxe erst auslöste. Damals kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass eine tägliche Einnahme bei gesunden Menschen das Herzinfarktrisiko um 44 Prozent senke.

Erst im Sommer dieses Jahres erschien eine Metaanalyse, für die Wissenschaftler der Universität Oxford neun Studien auswerteten. Dabei wurde die Rolle von ASS als Primärprävention vor einem Herzinfarkt oder Schlaganfall ebenso betrachtet wie die einer Sekundärprävention vor einem wiederholten Herzinfarkt oder Schlaganfall. Bei dieser Studie kam heraus, dass der Effekt vom individuellen Gewicht abhängt. Demnach entfaltet Acetylsalicylsäure in niedriger Dosierung bei Menschen über 70 Kilogramm keine schützende Wirkung im Hinblick auf

Noch nicht im Detail erforscht ist eine mögliche weitere Eigenschaft von Acetylsalicylsäure: In der Wissenschaft wird diskutiert, ob eine Langzeiteinnahme vor Krebs, insbesondere des Darms, schützen kann und ob sie auch die Bildung von Metastasen vorbeugen kann. Denn bei der Verbreitung bösartiger Zellen in andere Körperbereiche spielen die Blutplättchen eine wesentliche Rolle.

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