Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Viele Menschen in Deutschland sind nicht krankenversichert.
+
Viele Menschen in Deutschland sind nicht krankenversichert.

Kolumne

Armutszeugnis

  • Bernd Hontschik
    VonBernd Hontschik
    schließen

Dr. Hontschiks Diagnose: In Deutschland gibt es viele Menschen, die nicht krankenversichert sind. In der „Praxis ohne Grenzen“ werden alle Patienten umsonst behandelt.

Alle Welt kennt Bad Segeberg. Das kleine Städtchen im Norden zwischen der Trave und dem Großen Segeberger See ist nicht wegen seiner Kurkliniken, nicht wegen seines prächtigen Kurhauses, nicht als Heimstatt der europäischen Fledermausnacht berühmt, sondern wegen der Karl-May-Festspiele. Zur Zeit gelangt Bad Segeberg aber wegen der Folgen einer der unzähligen Gesundheitsreformen zu neuer Bekanntheit.

Zu ihrem „Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung“ erklärte die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt im Februar 2007 vor dem Deutschen Bundestag: „Jede und jeder ist künftig gegen das Krankheitsrisiko versichert. Für Menschen ohne Schutz heißt es jetzt: Willkommen in der Solidarität!“ Begeistert rief sie aus, dass sich „die Krankenversicherung wie ein Band um die vielen Eventualitäten des Erwerbsleben herumlegen“ werde. Daraus ist leider nichts geworden. Im Gegenteil. Die neu eingeführte Versicherungspflicht führte nicht zum Schutz der bislang unversicherten Personen, sondern zu deren Insolvenz.

Jetzt waren zwar alle versichert, aber sie konnten es nicht bezahlen, und so verloren sie den Versicherungsschutz wieder. Es entstanden Beitragsrückstände von inzwischen fast drei Milliarden Euro. Statt in den Ruhestand zu gehen, hat Dr. Uwe Denker daher im Jahr 2010 in Bad Segeberg seine „Praxis ohne Grenzen“ eröffnet. Nach 30 Jahren als Hausarzt wusste er allein in seinem Einzugsbereich von 50 Familien, die nicht krankenversichert waren. In seiner „Praxis ohne Grenzen“ werden alle Patienten umsonst behandelt.

Einmal wöchentlich findet eine Sprechstunde für fünf bis zehn Patienten statt, Ärztinnen und Ärzte und medizinisches Assistenzpersonal arbeiten ehrenamtlich, telefonische Beratung findet jeden Tag statt, auch samstags und sonntags. Miete, Versicherungen, Anschaffungen und Medikamente, auch Krankenhausbehandlungen werden durch Spendengelder finanziert. Dr. Denker gewann inzwischen über 70 Ärztinnen und Ärzte zur Mitarbeit in seinem Netzwerk „Gesundheitsforum“.

Seine Initiative hat in neun Städten in Schleswig-Holstein weitere „Praxen ohne Grenzen“ initiiert, wo man den Menschen und ihren Familien beisteht, die das Krankenversicherungssystem ausgespuckt hat. Offiziell ist die Rede von etwa 100 000 Nichtversicherten, aber Dr. Denker kann vorrechnen, dass es etwa 800 000 Betroffene sind. Er hatte Obdachlose, Menschen ohne Papiere und Flüchtlinge in seiner Bad Segeberger „Praxis ohne Grenzen“ erwartet. Es kamen aber viele Mittelständler und Selbstständige zwischen 50 und 60 Jahren.

Die medizinische Grundversorgung müsse für alle gewährleistet sein, Gesundheit sei ein Grundrecht. Dr. Denker fordert eine Grundversicherung für alle, die Aussetzung der Verzinsung von ausstehenden Kassenbeiträgen und eine Notfallversorgung für Nichtversicherte in Praxen und Krankenhäusern.

Bevor ich sein Buch gelesen hatte („Praxis ohne Grenzen – Medizin in einem reichen Land“; edition wartenau 2015; 14,80 Euro), wusste ich schon, dass es Nichtversicherte gibt, aber ich wusste nicht um das gewaltige Ausmaß dieses Problems in Deutschland. Ich dachte, das sei doch eher ein Problem der USA. Ich wusste nicht von den Schwierigkeiten für die Betroffenen, einen Ausweg aus diesem Desaster zu finden.

Die Initiative von Dr. Denker braucht Unterstützung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare