Wichtigste Voraussetzung für eine lebensrettende Operation: Ärzte entnehmen ein Spenderherz.
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Wichtigste Voraussetzung für eine lebensrettende Operation: Ärzte entnehmen ein Spenderherz.

Herztransplantation

"Als Chirurg muss ich mich von allem Mystischen lösen"

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Ein Gespräch mit dem Herzspezialisten Manfred Richter über Barnards erste Herztransplantation, was sich seither verändert hat und das einschneidende Erlebnis einer Transplantation.

Herr Richter, Chirurg Christiaan Barnard soll die erste erfolgreiche Transplantation vor 50 Jahren vorher an Hunden geübt haben. Anschließend ein menschliches Herz zu verpflanzen ist ein gewaltiger Schritt. Ging Barnard ein vertretbares Risiko ein – und wäre das heute so noch möglich?
Heute kann man nach einer Operation am Tier glücklicherweise nicht einfach sagen: Das mache ich jetzt auch mal am Menschen. Dem sind ethische Grenzen gesetzt und Kontrollen vorgeschaltet. Damals gab es auch noch nicht unsere heutigen Kriterien für eine Organentnahme. Erst nach Barnard wurde der Hirntod als Todeszeitpunkt festgelegt. Was das Risiko angeht, das Barnard eingegangen ist, so muss man aber auch sehen, dass sein Patient schwerstkrank war. Nur die Verpflanzung ermöglichte ihm überhaupt noch eine Perspektive.

Wie ist aus heutiger Sicht die chirurgische Leistung einzuschätzen?
Die war natürlich bahnbrechend, so wie eigentlich bei jedem chirurgischen Eingriff, der das erste Mal durchgeführt wird. Aber in diesem Fall ging es auch noch um ein ganz besonderes Organ, das Herz, Motor unseres Kreislaufs, das vielen Menschen als Spiegel der Seele gilt, in das sehr viel Mystisches hineinprojiziert wird. Man sollte jedoch wissen, dass Christiaan Barnard die Vorarbeiten von Norman Shumway und Richard Lower von der Stanford University in den USA genutzt hat, wo er selbst eine Zeit lang hospitiert hat. Shumway und Lower waren es eigentlich, die diese Operation entwickelt haben, man spricht deshalb sogar von der Stanford-Technik. Außerdem hat auch Hamilton Naki aus Barnards Team viel zum Erfolg des Eingriffs beigetragen. Doch er war ein schwarzer Südafrikaner, deshalb wurde seine Leistung in Zeiten der Apartheid nicht gewürdigt. Technisch ist die Operation damals sehr gut verlaufen.

Trotzdem starben allerdings in den ersten Jahren damals die meisten Patienten binnen weniger Monate nach der Transplantation.
Das lag daran, dass die Medikamente, die eine Abstoßung des Organs unterdrücken sollten, noch nicht ausgereift waren. Zur Verfügung stand lediglich Cortison, später noch ein Anti-Lymphozyten-Serum. Deshalb überlebten nur 20 Prozent der Transplantierten das erste Jahr. Dass sie ihren Patienten nicht so gut helfen konnten, wie sie es gerne getan hätten, führte auch bei den Ärzten, die sich an so eine Operation wagten, zu großer Frustration. Erst Anfang der 1980er Jahre stand dann mit Ciclosporin ein starkes Immunsuppressivum zur Verfügung, das die Abstoßungsreaktion des Körpers effektiv unterdrückt, vertretbare Nebenwirkungen hat und eine gute Lebensqualität ermöglicht. Mit der Einführung dieses Medikaments ist die Zahl der Transplantationen stark gestiegen – und auch ihr Erfolg. Heute liegt die mittlere Überlebensdauer bei 10,7 Jahren, bei Patienten, die das erste Jahr überstehen, sogar bei 13 Jahren.

Das heißt, an der chirurgischen Technik hat sich seit Barnard gar nicht so viel geändert?
Sie wurde nur verfeinert. Nach Entfernung des kranken Herzens hat man damals den linken und den rechten Herzvorhof des Spenderorgans in der sogenannten Manschetten-Technik aneinandergenäht. In den letzten 20 Jahren ist man dazu übergegangen, nur noch den linken Vorhof als Manschette zu vernähen, den rechten Vorhof des Spenderherzens hingegen direkt mit der oberen und unteren Hohlvene des Empfängers zu verbinden. Das wird heute so gemacht, weil man gesehen hat, dass es zu anatomischen Verziehungen kommen kann, wenn man auch den rechten Vorhof als Manschette vernäht. Dann werden noch, heute wie damals, zunächst die Lungen- und dann die Hauptschlagader „end to end“ miteinander verbunden. Vor allem ist aber die Betreuung vor und nach der Operation ausgeklügelter geworden – und sie orientiert sich viel stärker am Patienten. Ein ganzes Team von Kardiotechnikern, Herzchirurgen, Anästhesiologen, Pflegepersonal und Physiotherapeuten ist damit beschäftigt. Eine besonders wichtige Rolle spielt auch die langfristige Anbindung an die Transplantationsambulanz und die psychologische Betreuung der Patienten.

Was bedeutet es für einen Menschen, wenn sein Herz ausgetauscht wird?
Eine Herztransplantation ist immer ein sehr einschneidendes Ereignis. Ganz abgeklärt ist da niemand. Doch der Umgang damit ist individuell sehr verschieden. Es gibt Patienten, die intensiv in sich hineinhören und sich fragen, ob sie sich durch das fremde Organ „verändert“ haben. Andere Patienten sagen sich: Das ist nur ein Muskel, der pumpt. Was alle gemein haben, ist eine enorme Dankbarkeit gegenüber dem Spender und seinen Angehörigen. Wichtig ist aber auch, dass die Patienten irgendwann dieses neues Organ als ihr eigenes akzeptieren. Diese Verinnerlichung ist ein Prozess von ganz großer Bedeutung.

Wie geht es Ihnen als Arzt eigentlich, ist das Herz für Sie ein Organ wie jedes andere?
Als Chirurg muss ich mich von allem Mystischen lösen, da denke ich bei einer Operation nicht dran. Uns ist aber sehr wohl bewusst, dass es unsere Patienten oft anders empfinden. Vermutlich würde es uns in dieser Situation genauso gehen. Das ist immerhin das Herz, das den Kreislauf am Leben hält, und natürlich ist es mit Gefühlen besetzt. Man kann sich auch als Arzt nicht völlig davon freimachen, aber man darf eben nicht den Fokus darauf legen. Hinterher, wenn wir mit den Patienten sprechen, wird das aber schon thematisiert.

Ist es operationstechnisch schwieriger, ein Herz zu verpflanzen als vielleicht eine Niere oder Leber?
Grundsätzlich sind es natürlich unterschiedliche Operationen. Letztlich sind es aber besonders die Gefäßnähte, auf die es ankommt. Rein operativ ist eine Herztransplantation ein recht standardisierter Eingriff, der aber verkompliziert werden kann, weil die Herzen der schwer kranken Menschen oft massiv vergrößert und teilweise mehrfach voroperiert sind. Herausfordernd ist auch die Auswahl der Patienten, die Entscheidung, ob jemand für eine Transplantation in Frage kommt.

Wie viele Menschen warten denn in Deutschland auf ein neues Herz, und wie viele können versorgt werden?
Ende 2016 standen rund 700 Menschen auf der Warteliste, im vergangenen Jahr wurden knapp unter 300 Herzen transplantiert.

Was halten Sie von Versuchen, in Schweinen menschliche Organe zu züchten, um dem Mangel an menschlichen Spendern zu begegnen?
Schon vor 20 Jahren kam diese Diskussion auf, doch immer noch sind viele Probleme ungelöst – etwa, dass das Schweinegenom auch Viren enthält, die normalerweise in Schach gehalten werden. Diese könnten möglicherweise aktiv werden, setzt man dieses sogenannte Xenotransplantat einer Immunsuppression aus. Auch das Problem der Speziesschwelle ist längst nicht gelöst. Man wird noch viele Jahre auf menschliche Organe angewiesen sein. Ich hoffe sehr, dass bei der Spendebereitschaft ein gesellschaftlicher Wandel eintritt und sich mehr Menschen für die Organspende aussprechen.

Interview: Pamela Dörhöfer

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