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Die Patienten müssen sich Keramikplättchen mit Pflastern auf die Kopfhaut kleben.

Medizin

Ärzte fordern Studie zu Krebstherapie

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Experten sehen bei der Behandlung von Hirntumoren mit Wechselstromhauben noch viele offene Fragen

Glioblastome gehören zu den Krebsarten mit der schlechtesten Prognose. Diese hirneigenen Tumore, die sich möglicherweise aus Stammzellen entwickeln, gelten als besonders bösartig. Rund die Hälfte der Patienten stirbt innerhalb der ersten zwei Jahre nach der Diagnose. Ein besonderes Problem bei diesem aggressiven Krebs sind die unscharfen Grenzen zwischen Tumorgewebe und gesunden Zellen. So kann es denn auch kaum gelingen, neurochirurgisch alle bösartigen Zellen zu entfernen – weshalb eine Operation alleine meist nicht ausreicht. Dem Eingriff schließt sich daher in der Regel eine Behandlung mit einer kombinierten Strahlen- und Chemotherapie an.

Seit einiger Zeit ist noch eine andere Option verfügbar: sogenannte Tumortherapiefelder (TTF), bei der sich die Patienten mit Pflastern Keramikplättchen auf den rasierten Kopf kleben. Sie geben permanent elektrische Wechselfelder ab, welche die Teilung der Krebszellen verhindern, gesunde Neuronen aber nicht schädigen sollen. Über ein Kabel sind die Plättchen mit einem batteriebetriebenen Gerät verbunden, das der Patient in einer Tasche oder einem Rucksack stets mitführen muss. Die Hauben sollten mindestens 18 Stunden am Tag getragen werden.

Der Hersteller Novocure bewirbt sein Produkt damit, dass es bei geringen Nebenwirkungen das Fortschreiten der Erkrankung hinauszögern könne und verweist auf eine Studie, die im vergangenen Frühjahr bei der Jahrestagung der „American Association for Cancer Research“ vorgestellt und vor kurzem im der Fachzeitschrift „JAMA“ veröffentlicht wurde. Demnach sollen Patienten, die mit Tumortherapiefeldern behandelt wurden, einen Überlebensvorteil gegenüber Patienten haben, die lediglich die Standardtherapie erhielten.

Führende Neurologen in Deutschland zeigten sich von Anfang an wenn zwar nicht ablehnend, so aber doch zurückhaltend bis skeptisch gegenüber den neuene Tumortherapiefeldern. Zu ihnen gehört Wolfgang Wick, Ärztlicher Direktor der Neurologischen Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Die Fachgesellschaft fordert jetzt in einer Pressemitteilung eine unabhängige, kontrollierte Studie zu Tumortherapiefeldern – vorher sollte auch nicht über eine allgemeine Kostenerstattung geredet werden.

Die vom Hersteller zitierte Studie hätte bei vielen schwer kranken Patienten neue Hoffnungen geweckt, berichtet Wolfgang Wick: Bei der Anwendung gebe es jedoch „noch einige offene Fragen“: „Sämtliche betroffenen medizinischen Disziplinen in Deutschland arbeiten derzeit an einer gemeinsamen Strategie, um Wissenlücken zu schließen“, sagt der Neurologe: „Dabei gilt es, die möglichen Vorteile der neuen Therapie in die Praxis zu bringen, aber auch, unrealistische Hoffnungen zu vermeiden.“

An der Studie hatten 695 Frauen und Männer mit einem neu diagnostizierten Glioblastom teilgenommen, ein Drittel hatte nach dem Losprinzip die Standardtherapie bekommen, zwei Drittel zusätzlich die Tumortherapiefelder. Diese Patienten sollen im Durchschnitt 20,9 Monate überlebt haben, unter der Standardbehandlung waren es 16 Monate. Betrachte man die Zeit, in der die Krankheit vorübergehend zum Stillstand gebracht wurde, so seien es mit den Tumortherapiefeldern 6,7 Monate und ohne vier Monate gewesen, heißt es in der Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Als Nebenwirkung der Wechselstromhaube hätte die Hälfte der Patienten Hautreizungen festgestellt. „Nicht gemessen wurde jedoch eine mögliche psychische Belastung, die dadurch entstehen könnte, dass die Patienten die mit einem Kabelstrang versorgte Haube dauerhaft auf dem Kopf tragen müssen“, heißt es.

Viele Fachärzte hätten zudem „Zweifel an der Auswahl der Patienten in der aktuellen Studie“ und hielten es für möglich, „dass nicht die Methode selbst, sondern die zusätzliche Betreuung in der Studie die Unterschiede in der Überlebensdauer erklären könnte“, ergänzt der Bochumer Neurologe Uwe Schlegel, einer der federführenden Autoren der Leitlinie „Hirntumoren“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und Mitglied im Beirat der Neuroonkologischen Arbeitsgemeinschaft in der Deutschen Krebsgesellschaft. „Wir sehen in den TTF Potenzial, möglicherweise sind sie eine sinnvolle Behandlungsergänzung“, sagt Uwe Schlegel. Die Nachfrage bei den Patienten selbst schildern die Neurologen als unterschiedlich. In manchen Tumorzentren fragten nur wenige nach den Tumortherapiefeldern, in anderen bis zu 20 Prozent der Patienten. Auch reagierten viele Betroffene zurückhaltend, wenn ihnen erst einmal klar werde, dass auch die Tumortherapiefelder „nur einen in wenigen Monaten zu bemessenden Aufschub der Erkrankung bedeutet und nicht etwa Heilung“, schreibt die DGN in ihrer Mitteilung.

Für das System werde gleichwohl ein „intensives Marketing“ betrieben, sagt Wolfgang Wick. Anträge auf Erstattung der Kosten von monatlich etwa 23.000 Euro pro Patient würden von den Krankenkassen in Deutschland in den meisten Fällen bewilligt. Die Experten der Fachgesellschaft mahnen nun, dass in Deutschland eine weitere kontrollierte Studie durchgeführt werden solle, „bevor über eine allgemeine Kostenerstattung gesprochen werden kann“, so Wolfgang Wick. „Stattdessen erfahren wir von Patienten, dass ihnen zugeraten wird, die Hauben auch dann noch zu tragen, wenn die Krankheit wieder fortschreitet, obwohl ein Nutzen in dieser Phase nicht nachgewiesen ist.“ Eine Empfehlung für die Therapie in den nationalen oder europäischen Leitlinien existiert nicht, sie ist in den europäischen wie auch US-amerikanischen Leitlinien lediglich als eine Option erwähnt.

Neurologen würden Patienten „eine ausführliche und offene Beratung anbieten“, heißt es in der Mitteilung der DGN, „sie akzeptieren und unterstützen die Entscheidung der Patienten“. „Eine eindeutige Empfehlung können wir jedoch nicht abgeben, bevor die positiven Resultate aus der aktuellen, vom Hersteller finanzierten Untersuchung von einer weiteren, unabhängigen Arbeitsgruppe im Vergleich zu einer Placebo-Behandlung bestätigt werden“, sagt Wolfgang Wick.

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