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Aber bitte mit Öko

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Von: Stefan Sauer

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Bundeslandwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich (CSU) prüft auf der Grünen Woche einen bayerischen Radi.
Bundeslandwirtschaftsminister Hans-Peter Friedrich (CSU) prüft auf der Grünen Woche einen bayerischen Radi. © dpa

Bei der weltgrößten Agrar- und Ernährungsmesse in Berlin zeigt sich ein neuer Trend: Immer mehr Verbraucher bevorzugen Lebensmittel aus der Region und sind bereit, dafür zu zahlen – was große deutsche Handelsketten zu nutzen wissen.

Bei der weltgrößten Agrar- und Ernährungsmesse in Berlin zeigt sich ein neuer Trend: Immer mehr Verbraucher bevorzugen Lebensmittel aus der Region und sind bereit, dafür zu zahlen – was große deutsche Handelsketten zu nutzen wissen.

„Lebensmittel aus der Region“ ist ein eigentlich viel zu technischer Begriff. Zu kühl und bürokratisch, um die neue deutsche Leidenschaft für Brot, Obst, Fleisch und Käse aus der Heimat in treffende Worte zu fassen. Es geht beim Essen schließlich nicht allein um Eiweiß, Fett und Kohlehydrate. Sondern auch ums Gemüt, um die Ursprünglichkeit kleiner Wochenmärkte, den Bauernhof mit Stallgeruch und unverfälschte Naturprodukte. Als Gegengewicht zur Globalisierung im Supermarktregal scheinen regionale Lebensmittel auch deshalb vorteilhaft, weil sie Transportwege verkürzen, Energie sparen und die Umwelt schonen. „Regio“ ist Heimat auf dem Teller, gewürzt mit einer Prise Öko.

Viele Menschen sind offenbar bereit, dafür ihr Geld auszugeben, auch wenn es ein bisschen teurer wird. Umfragen zufolge achten mittlerweile drei von vier Verbrauchern beim Supermarkt-Einkauf darauf, dass die Produkte aus dem – wie auch immer definierten – Umland kommen.

In einer Erhebung des Bundes Ökologischer Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) erklärten drei Viertel der Kunden, für Bio-Schweinefleisch mehr zahlen zu wollen, wenn es zusätzlich aus der Region stammte und die Tiere mit regionalen Futtermitteln gemästet wurden. Zwischen 60 und 70 Prozent der Käufer würden auch für Öko-Eier und -Milch aus nahegelegenen Ställen höhere Preise akzeptieren.

Lidl, Edeka und Rewe steigen ins „Regionalfenster“ ein

Noch präzisere Angaben zur „Mehrzahlungsbereitschaft“, so der Terminus in der Marktforschung, lieferte eine Untersuchung des Instituts für Ökologische Agrarwissenschaften an der Universität Kassel. Demnach würden sechs von zehn Verbrauchern für ein Glas Marmelade mindestens 21 Cent mehr zahlen, wenn die Früchte in der Region reiften. 13 Prozent waren gar bereit, mindestens einen Euro draufzulegen.

Ob Leberwurst oder Äpfel: Die große Mehrheit der Verbraucher sagt Ja zu Lebensmitteln aus der näheren Umgebung und zahlt dafür gerne mehr. Mit dem Label „Regional“ lässt sich also Geld verdienen. Und genau dies haben einige der größten deutschen Handelsketten vor: Nach einer Testphase im vergangenen Frühjahr steigen Lidl, Edeka und Rewe pünktlich zum Start der Internationalen Grünen Woche in Berlin in großem Stil in das „Regionalfenster“ ein. Es informiert auf den Verpackungen über die Herkunft der Hauptzutaten und den Herstellungsort des Produkts.

Nicht nur der Bundesverband des deutschen Lebensmittelhandels lobt diese Herkunftskennzeichnung, auch – und das ist keine Selbstverständlichkeit – die Öko-Wirtschaft. „Eine gute Herkunftsbezeichnung ist besser, als ein neues Regio-Label nach dem Vorbild des Biosiegels, weil sich ,regional‘ nun einmal nicht sinnvoll definieren lässt“, sagt BÖLW-Vorstand Jan Plagge. Manche verstünden darunter den Landkreis, andere das Bundesland, dritte bezögen das benachbarte Ausland mit ein. Ein Regio-Label, das an Gebietskörperschaften oder Kilometergrenzen gebunden wäre, würde mehr Verwirrung stiften als Klarheit schaffen.

Wobei dies dringend geboten wäre: Bisher führen manche Hersteller und Händler den Verbraucher mit Produktbezeichnungen gezielt in die Irre, um Originalität und regionale Herkunft vorzutäuschen, wo keine ist. Manche Büsumer Krabbe stammt aus den Niederlanden, es gibt Münchner Weißwurst aus Elmshorn, Sachsen-Milch von bayerischen Kühen und Schwarzwälder Schinken aus niedersächsischer Mast.

Man findet Mühlhäuser Erdbeerkonfitüre aus Mönchengladbach, mit griechischem Schafskäse zubereitete Schwarzwaldcreme und den Wodka „Spirit of Sylt“, der allenfalls zur Verköstigung auf die Insel gelangt. Die Verbraucherzentrale Hessen stellte vor zwei Jahren in Testkäufen fest, dass nur 16 von 50 als regional vermarktete Lebensmittel diesem Anspruch nachvollziehbar und glaubhaft genügten. Die Liste irreführender Produktbezeichnungen ließe sich mithin um einiges verlängern.

Allerdings scheint die Schummelei mittlerweile an Grenzen zu stoßen. Der Widerstand wächst, immer mehr Verbraucher durchschauen irreführende Markennamen und offenkundig falsche Werbeaussagen – zum Beispiel, dass „Wiesenhof“-Hähnchen in ihrem kurzen Leben nie auf einer Wiese waren.

Imageverbesserung tut not

In einer Umfrage unter 30.000 deutschen Haushalten stellte die Gesellschaft für Konsumforschung 2011 fest, dass nur noch 18 Prozent der Verbraucher den Werbebotschaften der Hersteller und Händler glaubten. Ohnehin leidet die Branche unter den zahlreichen Lebensmittelskandalen der vergangenen Jahre – Imageverbesserung tut not.

Hierzu bietet das „Regionalfenster“ eine gute Chance, zumal es von der Kundschaft während der Pilotphase positiv aufgenommen wurde. 80 Prozent der Verbraucher in den Testmärkten befanden, das Fenster sei gut lesbar, verständlich und hinreichend informativ. Neun der 20 beteiligten Supermärkte berichteten über teils sprunghafte Umsatzsteigerungen.

Völlige Klarheit wird das Regionalfenster nicht schaffen. Denn nur die Hauptzutaten, die zusammen mehr als die Hälfte des Produktes ausmachen, müssen zu 100 Prozent aus der angegeben Gegend stammen. Verbraucherzentralen kritisieren dies als unzureichend. Außerdem könnten Unternehmen ohne Probleme ihre irreführenden Reklamestrategien weiter verfolgen, wenn sie sich am Regionalfenster einfach nicht beteiligten.

Sofern sie das durchhalten. Sollten sich die Erfolge aus der Pilotphase flächendeckend in den Edeka-, Rewe und Lidl-Märkten wiederholen, dürften sich bald weitere Handelsketten und Hersteller dem Regionalfenster anschließen. Und damit einen Standard setzen, den zu unterschreiten sich dauerhaft wohl niemand wird leisten können.

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