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Bei Spekulationsverlusten hilft der Rechtsschutz meist nicht - ein Grund für viele Klagen.

Branche mit Aufpasser

Versicherer mit Beschwerden

Kundenklagen der Assekuranz erreichen im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand mit rund 19.000 Widersprüchen. Ein FR-Gespräch mit Ombudsman Günter Hirsch über die Versicherungsbranche. Von Roland Bunzenthal

Von Roland Bunzenthal

Die Beschwerden von unzufriedenen Kunden der Assekuranz erreichten 2008 mit rund 19.000 Widersprüchen, das sind sieben Prozent mehr als im Vorjahr, einen historischen Höchststand. Dieses hohe Niveau wurde im vergangenen Jahr sogar noch einmal übertroffen. Das berichtet der Chef der unabhängigen Schiedsstelle, Günter Hirsch, im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau und greift damit der Jahresbilanz seiner Stelle vor.

Die Ursachen hierfür sind vielfältig, sagt Hirsch, der, bevor er im April 2008 Ombudsmann der Versicherungswirtschaft wurde, Präsident des Bundesgerichtshofes war. So hätten die im Jahr 2007 hinzugekommenen Zuständigkeiten für Beschwerden gegen selbstständige Versicherungsvermittler und die Erhöhung der Obergrenze für den Streitwert einer Beschwerde, die nicht durch das Gericht, sondern vom Ombudsmann behandelt werden kann, auf 80.000 Euro dazu beigetragen.

Hirsch bekommt in der Schiedsstelle, in der ihm 18 Juristen zuarbeiten, aber auch die Folgen der Krise zu spüren. Die Unternehmen seien nicht mehr so kulant wie noch vor ein paar Jahren, hat er das Gefühl. Dennoch kann er in vielen Fällen einer Beschwerde durch direkten Kontakt zur Versicherungsspitze abhelfen: "Die wenigsten verweigern sich unserem Spruch." Als Faustregel kann gelten, dass in der Sachversicherung gut ein Drittel der Beschwerden zum Erfolg führen, in der Lebens- oder privaten Rentenversicherung sei nur noch jeder sechste Kläger erfolgreich.

Dies hänge mit der mangelnden Transparenz in diesem Zweig zusammen. So könnten sich viele Versicherte nicht erklären, weshalb ihre geschätzte Versicherungssumme zum Vertragsende plötzlich schrumpft. Viele Gesellschaften hätten heute eben Schwierigkeiten, über den Garantiezins hinaus noch große Überschuss- und Schlussbeteiligungen zu erwirtschaften, sagt Hirsch. Die Stille Reserve tendiere bei vielen Gesellschaften gegen Null.

Gerade bei den Lebensversicherungen, dem größten Zweig der Assekuranz, müsse er oft zuerst klären, ob sich eine Beschwerde gegen das Unternehmen oder gegen seinen unabhängigen Vermittler richte. Trifft letzteres zu, bestehe eine völlig andere Rechtslage. Hier bewege sich die Schlichtung im Rahmen eines eigenen Vermittlergesetzes. Bei privatrechtlichen Beschwerden gegen den Versicherer dagegen müsse er selbst die Regeln setzen,

Ein typischer Fall war etwa die Weigerung einer Rechtsschutzversicherung, ihren Kunden bei einer Klage gegen die Pleite-Bank Lehman Brothers zu unterstützen. Spekulationsverluste zu korrigieren, sei nicht Aufgabe des Rechtsschutzes, so Hirsch. Was jedoch als nicht versicherbare Spekulation zu verstehen sei, könne er nur im Einzelfall entscheiden.

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