Der SB-Kunde backt, kassiert und bucht selbst

Sie backen ihre Brötchen beim Discounter, checken am Flughafen selber ein und kaufen ihre Fahrkarte im Internet. Die ...

Berlin. Sie backen ihre Brötchen beim Discounter, checken am Flughafen selber ein und kaufen ihre Fahrkarte im Internet. Die Verbraucher müssen immer mehr selber machen.

Die Handels- und Verkehrskonzerne versprechen, dass es beim Bezahlen oder Buchen schneller und bequemer geht. Die Gewerkschaft Verdi fürchtet aber langfristig den massiven Verlust von Arbeitsplätzen. "Man macht das nicht nur, um den Kunden eine Freude zu bereiten", sagt Expertin Erika Ritter.

Gerade im Einzelhandel sind Selbstzahlerkassen ein großes Thema. Die Warenhauskette real hat bereits 70 ihrer bundesweit rund 320 Märkte mit solchen Stationen ausgerüstet. Dort scannen die Kunden ihre Milchtüten oder Kartoffelchips selber ein. Dabei betreut meist noch eine Servicekraft vier dieser Kassen und hilft, wenn es technisch klemmt. Die Metrotochter spricht von "großen Investitionen", nennt aber keine Zahlen.

Die Reaktion auf die "schnelle Überholspur an den Kassen" ist ganz unterschiedlich: "Es gibt mittlerweile regelrechte SB-Fans, die dies als zeitsparende Zahlungsalternative nutzen", erläutert real-Sprecher Markus Jablonski. Darunter seien Technikfreaks, aber auch Büroangestellte, die nur mal kurz in der Mittagspause drei, vier Artikel einkaufen. Andere lehnten das Angebot strikt ab und sagen klar: "Wir wollen doch nicht Eure Arbeit machen".

Der schwedische Möbelkonzern Ikea hat in den vergangenen zwei Jahren fast alle seine 45 Häuser mit SB-Systemen ausgestattet. Der Prozess sei abgeschlossen. In 43 Einrichtungshäusern stehen mittlerweile solche Expresskassen. Nur in zwei Märkten wurden sie nicht aufgestellt, weil dort die Bedingungen ungünstig waren. "Gut 40 Prozent unserer Kunden nutzen das", sagt Sprecher Kai Hartmann. Ziel sei es, auf Kundenspitzen flexibel zu reagieren. Das "eingesparte" Personal werde nun für mehr Service und Beratung eingesetzt. Bediente Kassen werde es auch in Zukunft geben. "Die große Wohnzimmereinrichtung kann eine erfahrene Kassiererin eben immer noch schneller eintippen."

Auch die Post hat die Installation ihrer bundesweit 2500 Packstationen und rund 1000 Packetboxen weitgehend beendet. "Damit wollen wir dem Anspruch gerecht werden, an 24 Stunden und sieben Tagen in der Woche erreichbar zu sein", sagt eine Sprecherin. Vor allem Kunden, die gerne online einkaufen, und kleinere Einzelhändler nutzen die Packstationen, an denen Pakete auch in Empfang genommen werden können. Personal sei damit nicht abgebaut worden.

"Wir sehen diese Systeme nicht als Ersatz des klassischen, persönlichen Bezahlvorgangs, sondern als zusätzlichen Service", heißt es bei Edeka. Genaue Zahlen zu den SB-Kassen gibt die Hamburger Zentrale nicht an. Vor allem im Südwesten hat das Handelsunternehmen noch eine weitere Innovation zu bieten. Dort können schon in 90 Märkten vorher registrierte Kunden per Fingerabdruck zahlen.

Bei Lufthansa nutzt bereits etwa die Hälfte der jährlich rund 56 Millionen Fluggäste den SB-Check-In am Automaten oder über das Internet. Bis 2012 sollen es drei Viertel sein. An weltweit mehr als 600 Automaten an gut 65 Standorten können die Passagiere mittlerweile selber einchecken. Die Airline begründet die vermehrte Automatenaufstellung mit der Platznot auf den Flughäfen. Die Zahl der Mitarbeiter ändere sich dadurch aber nicht.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi fürchtet, dass vor allem im Einzelhandel die ganze SB-Technik eingeführt wird, um Kassierer- Arbeitsplätze irgendwann komplett abzuschaffen. "Auch wenn die Konzerne das abstreiten: Es herrscht ein knallharter Verdrängungswettbewerb. Da wird an allen Kostenschrauben gedreht." Die Kundschaft müsse sich an die Systeme noch gewöhnen. Ihre Technik müsse zudem ausgefeilter werden. "Dann ist das nur eine Frage der Zeit", sagt Handelsexpertin Ritter. (dpa)

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