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Rund drei Billionen Euro werden Autorin Julia Friedrichs zufolge in den nächsten zehn Jahren ihren Besitzer wechseln. Davon profitiert aber nur ein Bruchteil der Bevölkerung.

Vermögensverteilung

Erbschaften spalten die Gesellschaft

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Großes Erbe – kein Kummer? Mit diesem Vorurteil räumt Journalistin Julia Friedrichs in ihrem Buch „Wir Erben“ auf. Wichtiger ist aber ihr Anstoß für die überfällige Debatte, ob man in einer Gesellschaft für Gerechtigkeit zwischen Erben und Nicht-Erben sorgen muss.

Als ich kürzlich auf einen Artikel von Julia Friedrichs zum Thema „Erben“ im Zeit-Magazin stieß, hatte ich wieder die Klage eines Freundes im Ohr: „Mein Vater verkleckert jetzt im Rentenalter das Erbe seiner Kinder, macht Schulden. Wir werden leer ausgehen, während andere von ihren Eltern mit Häusern und Wertpapieren überhäuft werden.“ Was zu der Frage führt: Wie sehr spaltet das (nicht) geerbte Vermögen unsere Gesellschaft? Eine Problematik, über die öffentlich in Deutschland nur wenig gesprochen wird.

Glücklicherweise hat Journalistin Friedrichs ein feines Gespür für solche Tabu-Themen. Für ihr neues Buch „Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht“ (Berlin Verlag) hat sie sich mit Erben und Erblassern, Wissenschaftlern und Politikern getroffen, Fakten unter die Lupe genommen und die ungleiche Vermögensverteilung von allen Seiten beleuchtet.

Fest steht nach Friedrichs' Recherchen: Zu erben, das hat auch Nachteile. „Viele Erben, die man von außen beneidet, sind nicht glücklich mit dem Geld. Manche haben gemerkt, wie das Geld sie von ihren Freunden trennt, andere beklagen, dass sie ihr Leben lieber selber erarbeitet hätten“, erzählte die Journalistin in einem Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA). Bei wieder anderen sei der Schatten der älteren Generation so groß, dass sie gar nicht frei überlegen könnten, wer sie eigentlich sein wollen. „Und, ganz banal, ein großes Erbe führt oft zu Streit innerhalb der Familien“.

Ungleich verteiltes Vermögen hat Konsequenzen

Menschen, die leer ausgehen oder nur Schulden erben, mögen trotzdem wenig Mitleid mit den finanziell Bessergestellten empfinden, die schließlich nicht selbst für ihr Vermögen ackern mussten. Doch geht es nicht nur um eine Neiddebatte, sondern auch um soziale Gerechtigkeit. Wenn immer mehr leer ausgehen und dadurch auch geringere Chancen auf einen sozialen Aufstieg haben, ist das alles andere als gut für den gesellschaftlichen Frieden, und schadet letzten Endes auch der Wirtschaft.

Gewalttätige Eskalationen wie bei der EZB-Eröffnung in Frankfurt könnten zunehmen – oder möglichweise werden „die Abgehängten in der Erbengesellschaft gar nicht auf die Straße gehen, sondern sich – wie in den Hungerspielen von Panem – noch verbissener in den Konkurrenzkampf stürzen, die Ellenbogen ausfahren und ihr Dasein als Dauerwettbewerb begreifen“, wie Friedrichs mahnt.

Erbschaften und Schenkungen: Schwierige Datenlage

Soziologen rechnen fest mit einer neuen Erbengesellschaft, und das hat statistische Gründe. Um Erbschaftssteuer zu sparen, übertragen offenbar mehr Menschen ihr Vermögen zu Lebzeiten, und die günstigen Verschonungsregeln machen es den Erblassern leicht. Das in Deutschland geschenkte Vermögen verdreifachte sich seit 2009 von 12,9 auf 39,9 Milliarden Euro im Jahr 2013, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen (vor Abzug von Steuerbefreiungen). Der Zuwachs beim geerbten Vermögen war demnach vergleichsweise moderat mit rund 42 Prozent, von 21,5 auf 30,9 Milliarden Euro.

Allerdings sind das nicht die einzigen Summen, die kursieren. Friedrichs zufolge wechseln in Deutschland jedes Jahr sogar rund 250 Milliarden Euro den Besitzer – das entspricht mehr als einem Drittel des Nettovermögens aller Privathaushalte. Diese Zahl beruht auf einer Schätzung des Instituts für Altersvorsorge und der Metastudie einer Eliteuniversität. Im Buch liefert Friedrichs Belege für ihre recherchierten Erbschaftssummen und nennt noch andere Statistiken. Der Leser muss letzten Endes selbst entscheiden, welcher Quelle er Glauben schenkt.

Besser nachvollziehbar ist die ungerechte Verteilung des Erbes: „In Deutschland wohnen nach Schätzungen der Beratungsfirma Capgemini, die den jährlichen World Wealth Report verfasst, mehr als eine Million Millionäre mit einem Gesamtvermögen von 2,7 Billionen Euro“, zitiert Friedrichs aus der Studie. Das Erbe schreibe diese Ungleichheit in die nächste Generation fort: „Über die Hälfte der Menschen wird nichts oder Schulden erben. Aber acht Prozent der Erben, so schätzt der Branchendienst BBE Media in seiner Studie Erbschaften 2011, werden 40 Prozent des Vermögens erhalten.“

Erbschaftsteuer: Wie reagiert die Politik?

Autorin Friedrichs positioniert sich in ihrem Buch klar gegen die vererbte Ungleichheit. Sie zeichnet das unangenehme Bild einer Gesellschaft, in der Aufstieg nicht mehr durch Arbeit möglich wäre, sondern nur noch durch ererbtes Vermögen – angehäuft von früheren Generationen. Viele reiche Erben wollen jedoch teilen, sprechen sich Friedrichs zufolge sogar für eine höhere Erbschaftsteuer aus. Ein Anstoß für unsere Bundesregierung?

Zumindest das Steuerrecht für Firmenerben muss in wichtigen Punkten geändert werden, entschied das Bundesverfassungsgericht im Dezember 2014. Deshalb debattieren Politiker seit Monaten über eine Reform der Erbschaftsteuer: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat im Februar 2015 ein Konzept vorgelegt. Demnach müssten künftig mehr Firmenerben und Unternehmen nachweisen, dass sie die Abgabe nicht verkraften würden – nur dann würden sie vom Fiskus verschont bleiben.

So soll zum Beispiel ab einer Erbschaft oder Schenkung von 20 Millionen Euro auch das Privatvermögen eines Betriebserben herangezogen werden soll, um die Steuerschuld zu begleichen. Von der SPD kam Zustimmung zu den Plänen, doch aus den eigenen Reihen und Teilen der Wirtschaft erntete Schäuble Kritik. Es bleibt also abzuwarten, wie die Gesetzesnovelle umgesetzt wird.

Fazit: Julia Friedrichs hat erneut ein wichtiges Thema aufgegriffen, und sie versteht es auch in ihrem neuen Buch wieder, eigenes Erleben mit Fakten zu verknüpfen. Durch viele persönliche Geschichten gewinnt „Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht“ zusätzlich an Tiefe, und als Leser ist man erleichtert, nicht nur mit Statistiken zugebombt zu werden.

Friedrichs' exzellent recherchiertes Buch beleuchtet mehrere Perspektiven und birgt jede Menge Stoff für eine längst überfällige Debatte, der wir uns alle – ob Erben oder Nicht-Erben – stellen müssen.

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