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Ökonom im Interview: „Wüssten die Menschen, was den Enkelkindern bevorsteht, würde das keiner wollen“

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Von: Sven Trautwein

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Auf diesem von Eric Kiehn zur Verfügung gestellten Foto wirft ein Starrflügler Wasser auf das Clear Fire. Ein Haus wurde durch den Waldbrand im Landesinneren Alaskas zerstört, während die meisten Menschen, die evakuiert werden mussten, in ihren Häusern Schutz suchen.
Ein Löschflugzeug wirft Wasser auf einen Waldbrand in Alaska. © Alaska Division of Forestry/AP/Eric Kiehn/dpa

Während vielerorts die Temperaturen auf 40 Grad steigen, machen sich Wissenschaftler Sorgen um kommende Generationen. So wie Ökonom Klaus Wiegandt in seinem Buch „3 Grad mehr“.

Berlin - Es ist kein leichtes Buch, das man einfach so weglesen kann. „3 Grad mehr“ versammelt renommierte Wissenschaftler mit einem klaren Bekenntnis: Gelingt es uns nicht, den Anstieg der Erderwärmung innerhalb kurzer Zeit massiv zu begrenzen, sieht die Zukunft für unsere Kinder und Enkelkinder düster aus. Herausgeber von „3 Grad mehr“ ist der Ökonom Klaus Wiegandt, er beantwortet im exklusiven Interview mit uns die wichtigsten Fragen.

Herr Wiegandt, ist „3 Grad mehr“ Ihr wichtigstes Buch?

„3 Grad mehr“ ist absolut das wichtigste Buch. Wenn wir das Problem der Erderwärmung nicht in den Griff bekommen, ist die Zukunft so grausam, dass es nicht unseren Kindern und Enkelkindern gegenüber zu verantworten ist. Die Gesellschaft muss wachgerüttelt werden. Wüssten die Menschen, was den Enkelkindern bevorsteht, würde das keiner wollen.

Haben wir als Gesellschaft das Wort „Klimakrise“ noch nicht verinnerlicht?

Nein, wir haben es nicht verinnerlicht. Die Menschen müssen es in der Mehrheit begreifen, wie ernst die Lage ist, damit die Politik wirklich handelt. Die Medien haben in den vergangenen 25 Jahren gebetsmühlenartig erklärt, der Eisbär stürbe aus, in Bangladesch würden Gebiete überflutet und hierzulande stiege der Meeresspiegel um 35 Zentimeter. Das ist aber nicht der Fall. Die Szenarien sehen viel schlimmer aus: 3 Grad mehr bedeutet ein Anstieg der Temperatur um mindestens 6 Grad auf dem Land. Das führt zu Klimaflüchtlingen, Ernteausfällen und Schäden von rund 7 Billionen US-Dollar pro Jahr. Das kann doch niemand in dieser Form wollen.

Was sind die größten gesamtgesellschaftlichen Aufgaben, vor denen wir stehen?

Die Menschen müssen sich von der Vorstellung verabschieden, dass es nur weit entfernte Regionen trifft. Bangladesch oder der Eisbär mögen weit weg sein. Aber das ist ein Irrglaube. Es betrifft uns alles. Direkt vor der Haustür. Tun wir jetzt nichts und machen wir so weiter wie bisher, wird dies schwerwiegende Folgen für alle nachfolgenden Generationen haben.

Kippunkte der Klimakrise: Ökonom Wiegandt sieht Abholzung des Regenwaldes als „größtes Problem“

Klaus Wiegandt - Herausgeber von dem Sachbuch „3 Grad mehr“ warnt vor der Erderwärmung
Ökonom Klaus Wiegandt warnt vor der Erderwärmung © Anne Wiegandt

Sind wir bereits an einem Kipppunkt angelangt?

Nein, noch sind wir nicht an einem Kipppunkt angelangt. Wir haben alles noch in der Hand. Es mag sein, dass dieser Punkt bei einigen Ökosystemen, beispielsweise den Korallenriffen, schon überschritten ist, jedoch lässt sich noch gut gegensteuern. Das größte Problem stellt die Abholzung des Regenwaldes dar. Hier liegt nach wissenschaftlichen Aussagen der Kipppunkt bei einer Abholzung von 20 bis 30 Prozent. Hier sind wir schon bei 20 Prozent angekommen. Ein Prozent mehr kann alles über den Haufen werfen. Mit riesigen Veränderungen für die gesamte Weltbevölkerung. Hören wir auf, den Regenwald abzuholzen, wo wir Palmöl-Plantagen, Soja ernten und Edelhölzer verkaufen, könnten wir jährlich fünf Milliarden Tonnen CO2 einsparen.

Welche Lösungsansätze gibt es?

Als Erstes sollte die Abholzung des Regenwaldes gestoppt werden. Der britische Ökonom Nicholas Stern hat errechnet, dass wir als Untergrenze zwei Prozent des Weltsozialprodukts in den Klimaschutz stecken müssen. Das sind rund 1,6 Billionen US-Dollar pro Jahr. Diese Summe geben wir weltweit für das Militär aus. Hier muss gehandelt und umgeschichtet werden. Diese zwei Prozent der Weltgemeinschaft sind gut angelegt und hochrentabel. Jeder, der sich für Ökonomie interessiert, kann sich leicht ausrechnen, was das bedeutet. Mit dem Geld sind unter anderem die Entwicklungsländer zu unterstützen, damit sie ein nachhaltiges Energiesystem aufbauen können. Erneuerbare Energien sind das Ziel, nicht Kohlekraftwerke, die derzeit von China den ärmsten Ländern günstig angeboten werden. Dann haben wir eine Chance.

Cover zum Sachbuch „3 Grad mehr“ von Klaus Wiegandt (Hrsg.)
Klaus Wiegandt (Hrsg.): „3 Grad mehr“ © oekom Verlag

Das Buch „3 Grad mehr“ ist ein eindrücklicher und wichtiger Sammelband, die Auswirkungen der Klimakrise besser einordnen und verstehen zu können. Hier geht es zum Buchtipp.

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