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Interview mit James A. Sullivan: Über sich und progressive Phantastik

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jessica Bradley

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Der Fantasy Autor James A. Sullivan vor einem Bücherregal
Autor James A. Sullivan © James A. Sullivan

Ich hatte das große Vergnügen auf der FeenCon in Bonn, mit dem Phantastik Autor James A. Sullivan zu plaudern. Wie sein Weg hin zum Autor war aber auch über progressive Phantastik.

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Der Autor James Sullivan bezeichnet sich selbst als Stubenhocker. Dennoch konnte ich ihn am vergangenen Wochenende auf der FeenCon treffen und ihn für unsere Lesenden ein paar Fragen stellen. Da er von sich sagt, das er progressive Phantastik schreibt, wollte ich genauer wissen, um was es sich dabei handelt. Vielen Dank an James Sullivan für dieses Interview.

Was ist progressive Phantastik?

Das was es genau heißt: Phantastik die progressiv ist, im politischen Sinne. Wir meinen das viel breiter, mit wir meine ich die Community, in der ich mich bewege. Es ist also nicht so eine Einzelsache, sondern wir sind eine kleine Bewegung innerhalb der deutschsprachigen Phantastik. Wir hinterfragen Traditionen auf allen Ebenen. Wir fragen uns selbst: Was machen wir? Warum haben wir es bisher so gemacht? Sind die Dinge, die wir hier machen, gut? Sinnvoll? Schaden sie vielleicht? Der Blick liegt natürlich auf Dinge wie Rassismus, Queerfeindlichkeit oder Misogynie. Auf alle Dinge gerichtet, die in der Vergangenheit so gemacht wurden ohne zu hinterfragen oder man es überhaupt gemerkt hat.

Hättest du auch ein Beispiel?

Beispiel wäre jetzt sowas wie bei Horrorfilmen oder generell bei so Action oder Abenteuer, dort schaut man sich die Figuren an, die zuerst sterben. Das sind meistens leider in der Vergangenheit schwarze Figuren oder queere Figuren. Und daher kommen so gewisse Tropes, die einfach, wenn sie immer und immer wieder kommen, super schädlich sind. Wenn sie nur einmal vorkommen würden, würde niemand etwas sagen. Aber es ist schon ein Muster. Weil man das Gefühl hat, dass marginalisierte Figuren entbehrlich sind. Nach dem Motto: Jetzt haben wir es für die Diversität gemacht, sie sind dabei, aber dann lassen wir sie auch wieder los. Solche Dinge kann man hinterfragen. Das machen wir auf allen Ebenen und wir sehen es auch als Weg, in die Zukunft, dass wir sagen, wir belasten uns nicht mehr mit Dingen aus der Vergangenheit, die uns nichts bringen, und in denen wir uns auch nicht mehr ausdrücken können, was wir meinen, wenn wir über die Welt sprechen.  Das ist das Problem bei der Phantastik, dass man meint, es wäre eine Art Eskapismus. Aber eigentlich ist es nur anders, wie wir über die Welt reden. 
Kurzfassung: progressive Phantastik ist, wir reisen mit Gepäck und wir möchten nicht mit Gepäck reisen, das uns belastet. Also lässt man es zurück und reist mit dem Gepäck, was einem noch etwas bringt, auf der Reise. 

Seit wann bist du Autor und wie ist es dazu gekommen?

Das ist eine gute Frage. Die Frage ist, wann überschreitet man die Grenze vom Nicht-Autor zum Autor? Wie viele Autor*innen habe ich mit Rollenspiel angefangen. Der Impuls ist recht nah, sehr früh auch Geschichten zu schreiben. Zu irgendwelchen Charakteren oder zu irgendwelchen Abenteuern, die man in der Runde gespielt hat. So langsam entwickelte sich daraus eine regelmäßige Schreibtätigkeit.
Ich weiß nicht, ob ich mich damals schon als Autor gesehen habe. Aber wenn du dann irgendwann feststellst: oh ich habe einen Roman geschrieben, dann ist klar, du bist im Grunde ein Autor. Du bist noch ein unveröffentlichter Autor, aber ein Autor.

Wie ging es bei dir weiter?

In dieser Phase habe ich Bernhard Hennen kennengelernt. Er wurde im Prinzip eine Art Mentor für mich. Er war sehr angetan von dem, was er da gelesen hat und von ihm habe ich dieses Handwerk ums Schreiben herum gelernt. Wir sind super unterschiedliche Autoren, aber von ihm habe ich gelernt, wie man Exposés schreibt, was ein Agent ist, wie Verlage funktionieren und solche Dinge. Und irgendwann, weil ich sehr gut mit ihm über Literatur sprechen konnte und wir ähnliche Vorstellungen hatten, hat er mich gefragt, ob ich mit ihm ein Roman schreiben will.
Es war in der Prüfungsphase meines Studiums, ich habe Anglistik, Germanistik und allgemeine Sprachwissenschaft studiert. In der Phase, rief Bernhard bei mir an und meinte „Hey, Jamie, hast du Lust einen Roman mit mir zusammen über Elfen zu schreiben?“ Ich war komplett überrascht, dass ich ihm sagte: „Ruf mich in einer Stunde nochmal an, ich muss darüber nachdenken.“ Wie es so ist im Leben, es gibt Situationen, wo du nicht nein sagen kannst. Denn wenn ich an der Stelle nein gesagt hätte, hätte ich nicht erfahren, ob ich das Zeug zum Schriftsteller gehabt hätte, ob ich veröffentlicht hätte, ob ich jetzt hier stehen würde. All das, was jetzt gekommen ist, wäre nicht gekommen, wenn ich damals nein gesagt hätte. Und ich hätte mich immer gefragt: „Was wäre wohl gewesen, hättest du damals ja gesagt?“ Also habe ich ja gesagt und wir haben zusammen den Roman „Die Elfen“ geschrieben. Und das war ein recht großer Erfolg und mein Anfang als veröffentlichter Autor.

Es gab ja den großen Aufschrei bei Twitter, dass du als Co-Autor auf eben diesem Buch nicht mit auf dem Cover erwähnt wirst. Und auch bei der Neuauflage 2021 dein Name nicht zu sehen war. Wie hat sich das für dich angefühlt?

Das ist eine Sache, die von Anfang an klar war, dass ich nicht auf dem Cover stehen würde. Es war aus der Zeit, in der ich noch nicht so sicher war, wie sichtbar ich sein wollte. Insbesondere als Schwarzer Autor. Marginalisierung ist meisten so, dass man sich erstmal schauen muss in welche Räume man sich begibt und wie sichtbar man da sein möchte. Das war für mich genau diese Phase und somit völlig okay nicht auf dem Cover zu sein. Aber mit der Zeit war es dann so, je sichtbarer ich wurde, umso mehr kam diese Frage: „Warum stehst du eigentlich nicht mit auf dem Cover?”

Wie bist du damit umgegangen?

Ich konnte das lange Zeit erklären, indem ich gesagt habe: „Am Anfang haben wir das so festgelegt und der Verlag wollte das auch so. Es war für mich okay und dann sind wir dabei geblieben“. Das war die Antwort. Aber es wurde immer schwerer, diese Sache gut zu beantworten, als Bernhard Hennen mit Robert Corvus die „Die Phileasson Saga“ schrieb und auf dem Cover stand. Da war die Frage nicht mehr „Warum stehst du nicht auf dem Cover“, sondern „Warum steht er bei dem Projekt auf dem Cover und du nicht?“. Ich hatte darauf keine „gute“ Antwort, die die Leute kauften. Und es war dann halt so, dass mit der Prachtausgabe, die 2021 erschien, einen Vorfall gab, bei dem Mitarbeiter*innen des Verlages nicht auf dem Radar hatte, dass ich Co-Autor von „Die Elfen“ bin und jemanden einreden wollte, dass dies nicht der Fall ist.

Welche Konsequenzen ergaben sich daraus?

Das hat dann Wellen geschlagen, sodass auch einige Kolleg*innen von mir, einen offenen Brief an den Heyne geschrieben haben und darum baten, nach so langer Zeit, nachzudenken und mich mit auf Cover zu schreiben. Es gab interne Gespräche, mit Bernhard, der total offen dafür war, und es hat nicht lange gedauert, nicht mal eine Woche und es war klar, wir würden den Vertrag verändern. Irgendwann, wenn die aktuelle Auflage verkauft ist, wird mein Name auf dem Cover stehen.

Was die Lesenden auch immer interessiert ist, die Schreibroutine. Wie sieht deine aus?

(lacht) Wenn man davon reden kann. Ich habe Schreibroutine, aber es ist so, dass sie sich bei jedem neuen Schreibprojekt neu ausrichtet. Ich glaube, das hat viel mit dem Schreibprojekt selbst zu tun und es hat viel mit den Lebensumständen zu tun. Meine Frau und ich haben Kinder und als sie klein waren, war das Schreiben dann zeitlich möglich, wenn sie im Bett waren oder meine Frau und ich uns mit der Betreuung abwechseln.
Danach richtete sich dann die Schreibzeit. Inzwischen ist es so, beide Kinder sind jetzt größer und in der Schule, meine Frau ist losgefahren zur Arbeit und ich sitze um 9 Uhr am Schreibtisch und arbeite. Aber es gibt auch diese Phasen, wo ich erst ab 10 oder 11 Uhr Abends aktiv werde. Dann schreibe ich Nachts und Morgens mache ich E-Mails und solche Sachen. Manchmal bin ich ein Tag-Mensch und bei manchen Projekten bin ich eher ein Nacht-Mensch. Im Augenblick bin ich eher ein Nacht-Mensch. 

Hast du einen Lieblingsort an dem du schreibst?

Ja, absolut! Ich bin ein Befürworter des Schreibens auf der Couch. Ich liebe es, auf der Couch zu schreiben. Ich finde, man sollte sich nicht dafür schämen. Die Couch ist ja normalerweise ein Ort, wo man es sich gemütlich macht und vielleicht auch ein Nickerchen macht. Ich finde, da kann man sehr gut arbeiten, weil vieles beim Schreiben besteht darin in die Luft zu starren und sich Dinge auszumalen. Auf der Couch geht das hervorragend. Ich schreibe manchmal handschriftlich und manchmal mit dem Laptop. Wenn ich mit dem Laptop da liege, sagt meine Frau öfter „bitte denk an deinen Rücken” aber die Couch ist mein Lieblingsort.

Hast du selbst auch Lieblingsautor*innen, die du gerne liest und vielleicht auch eine Art Vorbild für dich ist?

Ja, einer davon ist Samuel R. Delany. Der ist schon älter, der ist jetzt schon ungefähr 80 Jahre alt. Er hat am Anfang Science Fiction geschrieben, später auch ein bisschen Fantasy. Der hat mich immer sehr beeindruckt, weil er auf sehr wenig Raum viel Welt erzeugen konnte. Dann wurden die Geschichten komplexer und größer, aber auch da fand ich es beeindruckend wie dicht die Geschichten waren. Und Vorbild auch, er war einer der ersten Schwarzen Autoren in der Phantastik in den USA.

Hat das Auswirkungen auf dich persönlich?

Ja, ich merke, je weiter ich sozusagen hier in Deutschland komme, fühle ich mich dem auch verbunden, weil ich annehme, dass er ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie ich. Ich bin ja auch einer der wenigen Schwarzen Autoren in der deutschen Phantastik. Mir fallen wirklich nicht viele ein, mir fällt Patricia Eckermann ein und dann hört es schon fast wieder auf. Zumindest in dem Genre. Deshalb habe ich mich nicht nur in Samuel Delanys Texten wiedergefunden, sondern auch in den anderen Schriften, wo er halt über sich und seine Erfahrungen berichtet. Das heißt, bei mir läuft das, eigentlich wie viele deutschsprachige Phantastik Autor*innen, über den Blick in die USA. Das merkt man natürlich schon deutlich, dass die englischsprachige Phantastik schon sehr dominant ist. Dies gilt auch für mich, ich bin ja auch US-Amerikaner.

Was möchtest du deinen Leser*innen gerne mitteilen?

Das ist eine super schwere Frage! Ich würde einfach sagen: Seid neugierig, hinterfragt euer Leseverhalten und greift auch mal zu Büchern, die ihr normalerweise mal nicht in die Hand nehmen würdet. Zum Beispiel in meinem Fall war es jetzt Nita Tyndall „Who I was with her”, ein Romance Roman, den ich gelesen habe und ihn fantastisch fand. Diese Neugier, neue Dinge auszuprobieren. Aber auch Dinge, die neu erscheinen, aber anders gemacht werden.
Heißt: viele von uns versuchen Leser*innen dort abzuholen, wo sie sich gerade befinden. Und wenn du dich für Drachen oder Vampire interessierst, ist der erste Impuls bei vielen, ach schon wieder Drachen, schon wieder Vampire. Oder bei mir, schon wieder Elfen, aber auch da ist es so, viele von uns versuchen da einen neuen Dreh zu bekommen. Lesende, die schon früh sich für bestimmte Themen interessieren, kann man dort abholen, wenn man die Geschichten anders erzählt, als man es gewohnt ist. So wie ich, der jetzt Elfen neu konzipiert. In der Vergangenheit waren es meistens bei Elfen so angelegt „früher war alles besser”, oder „die Magie schwindet”, „wir trauern dem Vergangenen nach” und bei mir ist es eine progressive Vorstellung. Früher war es nicht gut, die Elfen kommen aus der Sklaverei, sind geflohen und reisen von Welt zu Welt, immer vorwärts und halten die Gemeinschaft zusammen.

Das heißt, wenn man diese Dinge dreht, entstehen ganz andere Geschichten, die vielleicht besser in unsere Zeit passen, als Geschichten, die vorher erzählt wurden. Oder anders gesagt, jede Zeit hat ihre eigenen Geschichten, die in ungewöhnlichen Gewändern daher kommen können, aber auch durchaus in bekannten. Die Gewänder sind ähnlich, nur die Personen, die drin stecken sind, anders. 

Das Cover des Fantasy Romans „Das Erbe der Elfenmagierin“ von James A. Sullivan
Cover „Das Erbe der Elfenmagierin“ James A. Sullivan © Piper Verlag

Sullivans elfischer Protagonist, Ardoas, trägt die Seele und die Erinnerungen der legendären Magierin Naromee in sich – und damit eine schwere Bestimmung: Nur er soll in der Lage sein, seinem Volk die vor langer Zeit gestohlene Seelenmagie zurückzubringen. Helfen soll ihm ein mysteriöses Orakel, das jedoch spurlos verschwunden scheint – und mächtige Feinde sind ihm auf den Fersen. Zahlreiche Gefahren lauern auf dem Weg zum Felsentempel von Beskadur, wo sich Ardoasʼ Schicksal entscheidet.

„Das Erbe der Elfenmagierin“ James A. Sullivan

James A. Sullivan „Das Erbe der Elfenmagierin“

2021 Piper Verlag, ISBN 13-978-3-492-70671-1

Preis: Taschenbuch 16€, EBook 12,99€, Seitenzahl: 448 (abweichend vom Format) Hier bestellen!

Das Cover des fantasy Romans „Das Orakle in der Fremde“ von James A. Sullivan
Cover „Das Orakel in der Fremde“ James A. Sullivan © Piper Verlag

Das Volk der Elfen hat die verzweifelte Suche nach seiner geraubten Seelenmagie beinahe aufgegeben. Noch immer hält der feindliche Magier Erlun das Orakel von Beskadur gefangen. Ardoasʼ Gefährten, die mit dem Verschwinden ihres Anführers ihre größte Hoffnung verloren haben, müssen alles auf eine Karte setzen und sich einer letzten großen Schlacht stellen.

„Das Orakle in der Fremde“ von James A. Sullivan

James A. Sullivan „Das Orakel in der Fremde“

2022, Piper Verlag, ISBN 13-978-3-492-70672-8

Preis: Taschenbuch 17€, EBook 12,99€, Seitenzahl: 432 (abweichend vom Format) Hier bestellen!

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