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Annika Büsing „Nordstadt“ – Eine etwas andere Liebesgeschichte

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Von: Sven Trautwein

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Mit ihrem Debütroman legt Annika Büsing einen sprachgewaltigen Roman vor, dem die Liebe zur Sprache auf jeder Seite anzumerken ist. Mein Buchtipp.

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Die Nordstadt ist in Annika Büsings Roman mit selben Titel das Problemviertel. Die Nordstadt mit den abgesägten Kreaturen. Und einem Freibad, in dem die junge Nene als Bademeisterin arbeitet. Viel musste sie sich anhören von den Gästen, viel Anzügliches, kaum etwas Nettes. Als Boris in ihr Leben tritt, scheint plötzlich alles anders und vieles möglich. Wie mag sich die Geschichte zwischen den beiden ungleichen Charakteren entwickeln?

Cover zum Roman „Nordstadt“ von Annika Büsing
Roman „Nordstadt“ von Annika Büsing © Steidl

Im Norden der Stadt hängen die Hoffnungen so tief wie der Novemberhimmel. Wer hier liebt, rechnet nicht mit einem Happy End. Schon gar nicht Nene, Anfang Zwanzig und Bademeisterin, die für das Unglück eine ganz eigene Maßeinheit hat. Ihre Überlebensstrategie: Bahnen ziehen, versuchen zu vergessen, pragmatisch sein. Dann lernt sie im Schwimmbad Boris kennen, der Puma-Augen hat und ihr nicht sofort an die Wäsche will. Boris, der an Kinderlähmung erkrankt war, für den es keine Jobs gibt, nur Schimpfwörter oder Mitleid. Der Schmerzen hat und die Welt mit Verachtung behandelt. Ihr erstes Date wird prompt zum Debakel, aber Nene zeckt sich in Boris‘ Herz, und er sich in ihres. Er kapituliert vor ihrer Direktheit und ihrem Lebenswillen, sie vor seinem Entschluss, sein Mädchen glücklich zu machen.

Steidl

Auch Annika Büsings „Nordstadt“ lebt von der teilweise sehr direkten Sprache. Dies hat mich sehr an Heinz Strunks „Ein Sommer in Niendorf“ erinnert. Dies macht die Hauptfigur Nene, die im Sommer als Bademeisterin arbeitet, sehr authentisch. Als sie Boris kennenlernt, ist sie froh, dass er nicht sofort daran denkt, mit ihr ins Bett zu gehen. Das hat sie schon anders erlebt. Viel zu viel hat sie in ihren jungen Jahren schon erlebt, einiges äußert sie gegenüber Boris, ohne ihn damit aber verschrecken zu wollen.

Es sind nicht zwei perfekte Lebensläufe, die hier zusammenkommen. Nene, in jungen Jahren Opfer einer Vergewaltigung, Boris erkrankte als Kind an Kinderlähmung, weil seine Mutter die Impfung verweigerte. Die Nordstadt ist geprägt von Armut und Zerfall. Das Freibad als Sammelbecken derer, die hier posen wollen und ihre Stärke demonstrieren möchten. Stark sind auch die Vokabeln, die Annika Büsing ihren Figuren in den Mund legt. „Halt die Fresse“ ist noch eine der angenehmeren Formulierungen. Als Leser finde ich mich in dem Buch schnell zurecht. Die Lebensfragmente von Nene und Boris sauge ich nur so auf.

Annika Büsing „Nordstadt“: Mein Fazit

„Nordstadt“, Büsings Debüt, begeistert. Durch die Wortwahl, durch die Charaktere und das etwas ungewohnte Setting. Diese „Nordstadt“ kennen wir alle, egal in welcher Himmelsrichtung sie wirklich liegt. Eine Liebesgeschichte, die nicht ins Schmalzige abdriftet. Mehr davon bitte.

Annika Büsing „Nordstadt“

2022 Steidl

ISBN-13 978-3-96999-064-3

Preis: Hardcover 20 €, E-Book 15,99 €, 128 Seiten (abweichend vom Format) Jetzt bestellen (werblicher Link)

Annika Büsing

Annika Büsing ist als Arbeiterkind im Ruhrgebiet geboren und aufgewachsen, mit einer ausgeprägten Vorliebe für Punkrock und Bücher. Nach dem Abitur schloss sie zunächst eine Ausbildung in einem Verlag ab, entschied sich dann aber, Germanistik und Theologie auf Lehramt zu studieren. „Nordstadt“ ist ihr erster Roman.

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