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Viele wissen nicht, dass sie gefährdet sind

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Etwa jeder vierte tödliche Unfall auf deutschen Autobahnen wird durch den so genannten Sekundenschlaf verursacht. Der ADAC Hessen-Thüringen will jetzt mit einer neue Broschüre Risikogruppen wachrütteln.

Frankfurt - Gegen 6.50 Uhr startet Martin P. mit einem Reisebus an seinem Heimatort Hennigsdorf, um eine Reisegruppe von der Ostsee abzuholen. Nicht mal eine halbe Stunde später rast er auf der Autobahn 24 bei Kremmen mit dem unbesetzten Reisebus ungebremst in mehrere stehende Fahrzeug, die wegen eines vorangegangenen Unfalls gehalten hatten.

An diesem Sonntagmorgen im Juli 2002 sterben fünf Kinder und eine Erwachsene. Es ist der schwerste Verkehrsunfall in Brandenburg seit der Wende. Die Polizisten ermitteln, dass der Berufskraftfahrer erst 70 Meter nach dem Aufprall mit dem Bremsen begonnen hat. Sie vermuten deshalb den so genannten Sekundenschlaf als Ursache.

Nur ein Beispiel von leider viel zu vielen. In einer Studie des Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin der Uni Tübingen gaben 43 Prozent der befragten Fernfahrer an, im vergangenen Jahr beim Fahren kurz eingenickt zu sein. Für den vorhergehenden Monat gaben dies 25 Prozent der Trucker an. Die Fahrer fühlten sich im Schnitt an einem Tag pro Woche schläfrig. In ihrem gesamten Berufsleben hätten sich durch kurzes Einnicken am Steuer 28 Beinahe-Unfälle verursacht, schätzen die Fahrer.

Das Problem rückt jedoch erst in den letzten Jahren in den Blickpunkt. Die erste gezielte Untersuchung zu dem Thema führte der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) Anfang der 90er Jahre durch. Die Ergebnisse überraschten damals die Wissenschaftler und Verkehrsexperten: Von 204 tödlichen Unfällen, die sich auf Autobahnen in Bayern in einem Jahr ereignet hatten, war fast jeder vierte durch Einschlafen am Steuer verursacht. Was noch erstaunte: Eine große Zahl der Unfallfahrer war tagsüber eingeschlafen. Von tödlichen Unfällen an Autobahnbaustellen ordneten die Forscher gar 70 Prozent dem Schlaf zu.

Viele Fahrer sind sich des Risikos gar nicht bewusst, da sie chronisch an Schlafmangel leiden, mahnt Prof. Jürgen Zulley von der Universität Regensburg. "Rund fünf Millionen Bundesbürger sind behandlungsbedürftig, weil sie extrem schlecht ein- oder durchschlafen oder keinen erholsamen Schlaf finden", sagt der Schlafforscher. Allen voran seien Schichtarbeiter durch Schlafstörungen gefährdet. Aber auch Krankheiten wie Schlafapnoe oder der Einnahme von Medikamenten erhöhten das Risiko. Wer sich tagsüber häufig schlapp und müde fühlt, sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen, rät Zulley. Mit dem ADAC Hessen-Thüringen wird er demnächst eine Broschüre herausgeben, um das Bewusstsein für das Thema zu schärfen. Sebastian Weissgerber

Tipps gegen Übermüdung

Lange Fahrten nach einem anstrengenden Arbeitstag oder zu Zeiten, zu denen man normalerweise schläft, sollten tabu sein. Größere Strecken sollte ein Fahrer nur antreten, wenn er ausgeruht ist und sich fit fühlt.

Mit vollem Bauch fährt es sich nicht gut. Daher leichte und bekömmliche Ernährung bevorzugen.

Kein Alkohol. Wer früh morgens losfährt, sollte am Abend vorher nicht trinken, um Restalkohol zu vermeiden.

Pausen einlegen, vor allem auf mehrstündigen Fahrten. Alle zwei Stunden 10 bis 15 Minuten an der frischen Luft reichen, damit die Konzentration stabil bleibt, der Kreislauf wieder in Gang kommt und die Gelenke beweglich bleiben.

Ein gutes Fahrzeugklima entscheidet übers Wohlbefinden. Gute Belüftung und so wenig wie möglich zu rauchen, sorgen für ausreichende Sauerstoffzufuhr.

Beruhigungsmittel und andere Medikamente können die Fahrfähigkeit einschränken. Arzneimittel können auch eine schlafanstoßende Wirkung haben. Wer unter medikamentöser Behandlung steht, sollte seinen Arzt fragen.

Bei ersten Anzeichen von Schläfrigkeit, wiederholtem Gähnen, schweren Lidern, Augenbrennen, Frösteln, Durst, unregelmäßiger Fahrweise sofort auf den nächsten Parkplatz fahren und sich in der frischen Luft bewegen oder am besten eine Schlafpause einlegen.

Kaffee, Cola, Energy-Drinks und Aufputschmittel überbrücken die Müdigkeit nur kurzfristig. Sie gaukeln Wachheit vor, ohne dass der Körper tatsächlich wach ist.

Die ADAC-Broschüre ist erhältlich beim ADAC Hessen-Thüringen e.V., 60521 Frankfurt am Main, Tel. 0 69 / 66 07 80 18 oder www.adac.de/hessen-thueringen/

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