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Mit dem Traktor auf dem Testparcours

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Sie scheint aus dem Nichts zu kommen. Ganz plötzlich schnellt eine Fontäne aus Wasser hoch. Der Fahrer des Traktors versucht auszuweichen, bremst. Zu spät.

Von SILKE RUMMEL

Sie scheint aus dem Nichts zu kommen. Ganz plötzlich schnellt eine Fontäne aus Wasser hoch. Der Fahrer des Traktors versucht auszuweichen, bremst. Zu spät. Der Schlepper schlingert samt Anhänger über die Wasserfläche, schlingert mehr, rutscht weg. Der Anhänger sitzt dem Fahrer förmlich im Kreuz, das Gewicht schiebt von hinten. Passieren kann nichts: Traktor und Anhänger haben Stützräder.

Auf nasser Fahrbahn und bei der Vollbremsung darf geschlingert werden. Beim Slalomparcours dürfen die orange-weißen Hütchen ruhig umkippen wie Mensch-ärgere-Dich-nicht-Figuren nach einem verlorenen Spiel. Und dem Mann auf dem schaukelnden Sitz im Fahrzeuginneren darf für einen kurzen Augenblick schon mal vor Schreck das Herz in die Hose rutschen.

Genau dafür sind die heiklen Situationen auf dem ADAC-Testgelände in Hannover-Laatzen da. Hier, wo normalerweise Auto- und Lastwagenfahrer üben, wie sie in gefährlichen Situationen richtig reagieren, probieren sich an diesem Tag zehn Traktorfahrer aus. "Ich werde Sie an der langen Leine lassen", hatte Sicherheitstrainer Frank Lemmer zu Beginn gesagt.

28-Tonner ist ein Leichtgewicht

Der Testwagen ist ein John Deere 6820, 135 PS, Schaltgetriebe, 40 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit. Der Schlepper und sein Kipper bringen zusammen um die 28 Tonnen auf die Waage. Gewissermaßen Leichtgewichte. Nicht selten sind Landwirte mit zwei Anhängern und 40 Tonnen Gewicht unterwegs.

Der Verkehr auf der nahen Autobahn vermengt sich zum gleichförmigen Rauschen. In der Ferne ragt das Erkennungszeichen eines schwedischen Möbelhauses in den zuweilen wolkenbeladenen Himmel. Auf dem Testgelände schauen die zehn Voll- und Nebenerwerbslandwirte, die zum Großteil aus Hessen kommen, auf den grauen Asphalt und auf die Hindernisse, die vor dem Traktor auftauchen.

Pylonen markieren den Slalomparcours. Die paar Meter zwischen den Hütchen müssen für Schlepper und Hänger reichen. "Wer auf die Kegel guckt, der trifft sie auch", sagt Lemmer. Also dorthin gucken, wohin man mit dem Gefährt will. "Ruhig lenken, gleichmäßig durchfahren", sagt Lemmer. Seine Stimme klingt beruhigend. 20 Stundenkilometer soll der Tacho in der ersten Runde zeigen. Frank Lemmers Anweisungen gelangen über das Funkgerät in die Führerkabine des Schleppers. "Das Training ist gut", sagt Hans-Willi Kehm (55). Der Landwirt aus Gedern im Vogelsberg steht am Rand des Parcours. "Es gibt einige Situationen, die man sonst nicht hat." In der zweiten Runde sollen die Pylone mit 28 Stundenkilometern umkurvt werden. Schwerfällig krabbelt die Tachonadel nach oben. Immer wieder kegeln die groben Räder des Traktors die Hütchen weg. "Zwischen Gut und Böse liegen oft nur zwei Kilometer pro Stunde", sagt Lemmer.

Wenn in der Landwirtschaft Unfälle passieren, sind es häufig schlimme Unfälle. Im Jahr 2005 waren an 6771 Unfällen Schlepper beteiligt. Von diesen Unfällen endeten 30 tödlich, hat die Gemeinnützige Haftpflicht Versicherungsanstalt Darmstadt (GHV) ermittelt. Die GHV ist eine hundertprozentige Tochter der Land- und forstwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft (LBG) Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland und besteht seit hundert Jahren. Anlässlich dieses Jubiläums hat die GHV ein Preisausschreiben aarrangiert und in Kooperation mit dem ADAC und der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) die zehn Sicherheitstrainings als Gewinn ausgelobt.

In Gau-Bickelheim, das ist der Ort in Rheinhessen, aus dem Hans-Friedrich Fuhr (62) kommt, sind vor langer Zeit zwei Männer mit ihren Traktoren tödlich verunglückt. Der eine Unfall geschah vor 15 bis 20 Jahren, der andere vor mehr als 30 Jahren. Und doch kann sich Fuhr noch daran erinnern. "Man hat auch gelernt, dass man manche Situationen gar nicht so beherrscht wie man denkt", sagt er.

Der Anhänger schiebt von hinten

"Ich bin quasi auf dem Traktor geboren", sagt Markus Muth (21), gelernter Obstbauer aus dem südhessischen Nieder-Beerbach. Und trotzdem: Eine Situation bleibt ihm unvergesslich. Er fuhr mit dem Schlepper auf der Straße. Es hatte geregnet. Auf dem Hänger hatte er Weizen geladen. Er fuhr einen Hang hinunter, die Ampel zeigte Rot. Die Auflaufbremse des Anhängers war gesperrt. Der Anhänger schob, die rote Ampel kam näher und näher. "Ich hab gebremst und der Traktor ist schneller geworden", sagt Markus Muth, "ein unangehmes Gefühl." Das Training empfindet er als nützlich. "Man kann mal bremsen, ohne Angst zu haben, dass etwas kaputt geht."

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