+
Die Zahl der Unfalltoten steigt in Deutschland. Viele Raser aus dem Ausland nutzen das Fehlen eines Tempolimits auf unseren Autobahnen. Trotzdem gibt es keine Diskussion über eine Höchstgeschwindigkeit.

Immer mehr Verkehrstote

Kein Tempolimit – bleibt Deutschland das Land der Raser?

Seit 2013 steigt die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland wieder. Zudem entdecken immer mehr Raser deutsche Autobahnen für ihre illegalen Autorennen. Dennoch hört man wenig über die Einführung eines Tempolimits. Doch die Befürworter mehren sich und haben gute Gründe.

Von René Kohlenberg

#bigimage[0]

Im Jahr 2013 kamen 3339 Menschen auf deutschen Straßen ums Leben, 2014 waren es 3377 und 2015 wird die Zahl nochmals höher liegen. Trotzdem scheint das Tempolimit auf deutschen Straßen unantastbar. Während in allen übrigen Industriestaaten längst eine Geschwindigkeitsgrenze eingeführt wurde, darf in Deutschland – zumindest stellenweise – munter gerast werden.

Das lockt Raser aus dem In- und Ausland an. 2015 hat die Polizei mehrere Dutzend Anzeigen wegen Beteiligung an illegalen Rennen auf Autobahnen erstattet. Zur Nationalität der Fahrer oder zur Aufklärungsrate könne man nichts Genaues sagen, erklärt ein Sprecher des Innenministeriums von Baden-Württemberg. Die Behörden unterschieden bei den Rennen jedoch zwischen spontanen Aktionen und Verabredungen mit hohem Organisationsgrad.

#gallery[0]

Doch der Bund hält nichts von dem Vorstoß aus Süddeutschland. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) schrieb in einem Brief an die Landesregierung, dass ein generelles Tempolimit auf Autobahnen nur der Bundesverkehrsminister mit der Zustimmung des Bundesrates erlassen könne. „Vor diesem Hintergrund sehe ich für die von Ihnen geplanten Modellversuche keine Rechtsgrundlage. Ich bitte daher, von diesem Ansinnen Abstand zu nehmen.“

#bigimage[1]

Die Argumente der Tempolimits-Gegner

Auch der ADAC hält wenig von einer generellen Geschwindigkeitsobergrenze. Der Autoclub merkt an, dass gerade die Autobahnen die sichersten Straßen in Deutschland seien. Bei lediglich sechs Prozent der Autobahn-Unfälle würde es zu Personenschäden kommen. Viel gefährlicher seien die Landstraßen – und dort gelte bereits ein Tempolimit.

Die Statistik aus dem Jahr 2013 spricht dagegen eine andere Sprache: Zwar sank die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland um 260, die Zahl der Todesopfer auf deutschen Autobahnen stieg jedoch um 8,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

#gallery[1]

Der ADAC ist dennoch gegen ein generelles Tempolimit: „Wir sprechen uns dafür aus, dass man die Geschwindigkeitsgrenze flexibel gestaltet. Der ADAC ist für eine situationsgerechte Geschwindigkeit“, erklärt ADAC-Sprecherin Diana Sprung.

Constantin Hack vom Auto Club Europa (ACE) bläst ins selbe Horn: „Unsere Studie kommt zum Ergebnis: Der flächendeckende Einsatz von Verkehrsbeeinflussungsanlagen mit variablen Geschwindigkeitsanzeigen in Kombination mit einer abgestimmten Verkehrsüberwachung ist eine effektive Maßnahme zur weiteren Senkung des bereits geringen Unfallrisikos auf Autobahnen, zur Verbesserung der Ökobilanz, zur Reduktion des volkswirtschaftlichen Schadens durch Staus und zur Senkung lärmbedingter negativer Einflüsse auf die Gesundheit.“

#bigimage[2]

Sind Raser durch Tempolimits zu stoppen?

Das mangelnde Tempolimit bleibt jedoch ein Magnet für Raser aus dem Ausland. Eine verbindliche Höchstgeschwindigkeit könnte den Anreiz nehmen. Doch auch das sieht der ACE anders. Raserei fange nicht bei einem bestimmten Tempolimit an, sondern beschreibt (bewusst) unangepasst Geschwindigkeit, so ACE-Sprecher Hack. „Dabei kommt es auf Autobahnen gerade bei niedrigeren Geschwindigkeiten zu einer Häufung schwerer Unfälle.“ Dies lasse sich auf das erhöhtes Unfallrisiko bei dichtem Verkehr sowie in Baustellenbereichen zurückführen.

Rund ein Drittel aller polizeilich registrierten Unfälle auf Autobahnen außerhalb von Baustellen würde sich in Streckenabschnitten mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung ereignen. „Dieser Anteil entspricht dem Anteil aller Streckenabschnitte mit Geschwindigkeitsbegrenzung. Eine erhöhte Unfallgefahr auf Streckenabschnitten ohne Geschwindigkeitsbegrenzung ist damit nicht nachweisbar“, argumentiert Hack.

Auch die Unfallursache Geschwindigkeit zeige hier keine Auffälligkeiten. „In allen Bereichen ist die Geschwindigkeit, beziehungsweise die nicht angepasste Geschwindigkeit, für 40 bis 50 Prozent aller Unfälle ursächlich.“

#bigimage[3]

#article[all]

Das sind die Gründe für eine Höchstgeschwindigkeit

Bund, ADAC und ACE stellen sich gegen ein Tempolimit. Auch die Deutsche Verkehrswacht e.V erklärt. „Dort wo es Gefahrenstellen gibt, gibt es bereits Tempolimits. Wir fordern kein generelle Höchstgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen“, so Pressesprecherin Hannelore Herlan. Die Autohersteller haben ohnehin kein Interesse an einer weiteren Reglementierung ihrer Käuferschaft. Gibt es gar keine Befürworter? Doch! Der ökologische Verkehrsclub VCD setzt sich seit Jahren für eine Obergrenze auf Autobahnen ein.

Dafür nennt er mehrere Gründe: „Erstens aufgrund des Klimaschutzes: Mit einem Tempolimit von 120 km/h ließen sich jährlich rund 3,4 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Zweitens verringern niedrige Geschwindigkeiten die Unfallgefahr. Jährlich hunderte Tote und Schwerverletzte auf Autobahnen könnten durch ein Tempolimit vermieden werden“, erklärt Simon Hüther vom VCD. Viele Unfälle würden erst gar nicht entstehen, da sich der Bremsweg durch geringere Geschwindigkeiten verkürze.

„Drittens entstehen mit Tempolimits weniger Staus, denn eine wichtige Ursache für Staus sind hohe Geschwindigkeitsunterschiede auf Autobahnen. Und viertens verliert die Automobilindustrie mit Tempolimits einen Grund, immer schnellere und schwerere Autos zu produzieren. Technische Forschung würde dann auf umweltfreundlichere Modelle konzentriert.“

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat e.V. (DVR) räumte immerhin ein, dass er für eine offene Diskussion ist, befürchtet jedoch, dass diese in Deutschland zu emotional geführt werde. Eine wirkliche Forderung nach einem Tempolimit gibt es auch vom DVR nicht. Dies wundert kaum, da der Verein zu großen Teilen mit Bundesgeldern finanziert wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion