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Kann man Oma zwingen, den Lappen abzugeben?

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Nicht alle Senioren können ihre Fahrtauglichkeit richtig einschätzen.
Nicht alle Senioren können ihre Fahrtauglichkeit richtig einschätzen. © dpa

Viel jüngere Autofahrer schimpfen über ältere Menschen am Steuer. Tatsächlich lässt im Alter die Seh- und Reaktionsfähigkeit nach. Doch wann ist man wirklich zu alten fürs Autofahren? Und kann man Senioren zwingen, den Führerschein abzugeben?

Gerda Böseler hat ihren Führerschein freiwillig abgegeben. Dafür darf die Rentnerin zwei Monate umsonst mit Bus und Bahn fahren. „Der alte Lappen lag sowieso nur noch herum, da konnte ich ihn auch eintauschen“, sagt sie. Die 82-jährige Dortmunderin hat sich im Mai freiwillig von ihrem Führerschein getrennt und die Fahrerlaubnis gegen Tickets für den Nahverkehr getauscht.

Unter dem Titel „Senioren tauschen Führerschein gegen Monatstickets“ unterstützen die Stadtwerke Dortmund ältere Menschen, die dem Lappen freiwillig Lebewohl sagen. Andere Städte in Nordrhein-Westfalen bieten ähnliche Aktionen an. So können auch Senioren in Essen, Münster und Rheine ihre Fahrerlaubnis gegen Tickets für Bus und Bahn tauschen.

„Senioren sind keine Risikogruppe“

Franz Kannenberg vom Dortmunder Seniorenbeirat hält die Tausch-Aktion für eine gute Idee. „Jeder Senior, der nicht mehr sicher am Verkehr teilnehmen kann, sollte freiwillig den Führerschein abgeben“, meint er. Die Möglichkeit, die Fahrerlaubnis gegen ein Ticket zu tauschen, sei da ein guter Anreiz. Für eine besondere Risikogruppe hält er ältere Autofahrer jedoch nicht.

Nina Vogt von der Dortmunder Polizei gibt ihm recht. Zwar sei es nicht von der Hand zu weisen, dass die körperlichen und geistigen Fähigkeiten einiger Senioren nachlassen, über einen Kamm scheren dürfe man die älteren Verkehrsteilnehmer jedoch nicht. „Es gibt die 65-Jährige, die nicht mehr so gut sieht oder hört und es gibt den 80-Jährigen, der noch topfit ist und seit 60 Jahren sicher Auto fährt“, erklärt Vogt.

Die Fakten: Laut Statistischem Bundesamt trugen 67 Prozent der über 64-jährigen Autofahrer, die in einen Unfall verwickelt waren, die Hauptschuld. Bei den über 75-Jährigen waren es sogar drei von vier. Fakt ist jedoch auch, dass die Unfallgefahr vor allem bei den 18- bis 25-Jährigen besonders hoch ist.

Behörde darf den Führerschein entziehen

Doch nicht alle Senioren zeigen sich einsichtig. Ein Fall des Düsseldorfer Verwaltungsgerichts (Az. 4 L 484/15) zeigt, dass im Notfall auch die Führerscheinbehörde den Lappen einziehen darf. Ein 95-Jähriger wollte rückwärts aus einer Parktasche fahren. Nach eigenen Angaben verwechselte er dabei die Pedale und beschleunigte ruckartig in die falsche Richtung. Dabei setzte er seinen Wagen an einen Baum, seine Frau auf dem Beifahrersitz verletzte sich leicht am Bein.

Die Führerscheinbehörde ordnete daraufhin eine Fahrt mit einem Gutachter an. Dieser beurteilte den betagten Fahrer als verkehrsuntauglich. Der Mann musste deshalb seinen Führerschein abgeben, womit er jedoch nicht einverstanden war. Das Verwaltungsgericht Düsseldorf gab der Behörde recht. „Sie muss einem Fahrer die Fahrerlaubnis entziehen, wenn seine Fahrweise andere Verkehrsteilnehmer gefährdet", erklärt Rechtsanwalt Frank Böckhaus von der Deutschen Anwaltshotline.

Eingriff in die Lebensführung

Der Rentner habe während der 30-minütigen Fahrt mehrfach gravierend gegen zahlreiche Verkehrsregeln verstoßen und mit seinem Verhalten andere Fahrer behindert. Hohes Alter allein sei sicher kein Grund, dass jemand nicht mehr fahren dürfe. Die nicht bestandene Fahrprüfung allerdings schon.

Dem Mann das Autofahren zu verbieten sei zwar ein großer Eingriff in die private Lebensführung, der weitreichende Folgen haben könne, so das Gericht. In diesem Fall stelle der Fahrer aber ein erhebliches Risiko für den öffentlichen Straßenverkehr dar, was diese Maßnahme rechtfertige.

Sehtest, Fitness-Check und kognitives Training

Mit Denksportaufgaben können sich ältere Menschen auch für den Straßenverkehr fit halten. Kognitives Training kann etwa dazu beitragen, dass Senioren die Zeichen anderer Verkehrsteilnehmer schneller und besser deuten können. Darauf weist die Deutsche Verkehrswacht hin. Sich den Einkaufszettel einprägen oder Telefonnummern auswendig lernen sind etwa gute Übungen.

Der ADAC bietet ein Pkw-Senioren-Training an, bei dem die Fahrer auf einem abgesperrten Gelände Übungen aus dem klassischen Fahrsicherheitstraining absolvieren. Beim sogenannten „Fahr-Fitness-Check“ können Senioren für 69 Euro (49 ? für Mitglieder) unter Aufsicht eines Fahrlehrers eine Runde in ihrem Auto drehen.

Die Strecke kann vom Fahrlehrer vorgeschlagen wie auch vom Autofahrer bestimmt werden. Nach der Fahrt muss sich der „Schüler“ selbst einschätzen – der Fahrlehrer gibt eine Empfehlung ab. Doch: „Die Mehrzahl derer, die zu uns kommt, kann noch gut fahren. Die 10 bis 15 Prozent, die wir eigentlich erreichen müssten, erreicht man eben leider nicht“, sagt Klaus-Ulrich Hähle, Gruppenleiter Verkehr des ADAC Berlin Brandenburg.

„Kaum jemand zweifelt an seinen Fahrkünsten“

Und genau dort liegt das Problem. Es gibt kaum jemanden, der ganz von alleine an seinen Fahrkünsten zweifelt. „Von circa zehn angesprochenen Senioren sagen in der Regel neun, dass sie keinen Fahr-Fitness-Check brauchen und noch gut fahren“, so Hähle.

Der ADAC empfiehlt daher: „Die Familie sollte es einem sagen. Ehepartner oder auch die eigenen Kinder und Enkel, die oft mitfahren, sollten den Fahrer darauf hinweisen, wenn ihnen etwas auffällt. Wir appellieren an das private Umfeld, aufmerksam zu sein.“

ADAC fordert: Alle zwei Jahre zum Sehtest!

Trotz aller Statistiken und Studien: Es scheint schwierig, einen konkreten Zeitpunkt zu nennen, ab wann Senioren das Auto stehen lassen sollten. „Es gibt keine Altersgrenze. Man muss es am allgemeinen Gesundheitszustand festmachen. Es gibt 65-Jährige, die schlechter fahren als so mancher 80-Jährige“, so der ADAC-Experte.

Wichtig sei, dass Autofahrer ab 40 alle zwei Jahre, ab 50 am besten jedes Jahr einen Sehtest machen und „natürlich sollten Leute, die Sehschwierigkeiten haben und teilweise verschwommen sehen einen Augenarzt aufsuchen“, rät Hähle. Der Zentralverband der Augenoptiker (ZVA) fordert schon länger die Einführung eines verpflichtenden, regelmäßigen und altersunabhängigen Wiederholungssehtests für alle Führerschein-Besitzer. (mit Material der dpa und Ampnet)

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