+
Die Mercedes-Studie F 015 wurde konsequent für das autonome Fahren konzipiert - alle Mitfahrer können sich gegenübersitzen, wenn der Autopilot das Steuer übernimmt.

CES in Las Vegas

Einsteigen bitte, so fahren wir in Zukunft

Seit Montag läuft die Elektronik-Messe CES in Las Vegas. Ein Muss für Technik-Begeisterte und alle, die wissen wollen, wie wir uns in den kommenden Jahren fortbewegen werden. Einsteigen bitte, so fahren wir in Zukunft.

Am ersten Messetag stand vor allem das vernetzte und selbstfahrende Auto im Mittelpunkt. Volkswagen und Audi stellten ihre Neuheiten ebenso vor, wie Daimler-Chef Dieter Zetsche und Mark Fields, Chef des amerikanischen Autobauers Ford.
Bis zum 9. Januar stehen in Las Vegas neben Autos die Vernetzung aller möglichen elektronischen Geräte, zahlreiche neue mobile Lösungen sowie neue Flachbildfernseher mit verbesserter Bildschirmqualität im Mittelpunkt.

Zurücklehnen, „Jack“ übernimmt

Audi will zur Technik-Messe CESmit einer fast 900 Kilometer langen Tour beweisen, dass selbstfahrende Autos bereit für die Straße sind. Ein mit 20 Sensoren ausgerüstetes Fahrzeug des Modells A7 mit dem Spitznamen „Jack“ fährt in zwei Tagen die Strecke vom Entwicklungslabor im kalifornischen Silicon Valley zur Messestadt Las Vegas.

Bis Sonntagabend Ortszeit legte der Wagen mit US-Journalisten an Bord rund die Hälfte des Weges zurück und kam bis zur kalifornischen Stadt Bakersfield, wie der Leiter von Audis Elektronik-Entwicklung, Ricky Hudi, in Las Vegas sagte.
Die Volkswagen-Tochter hatte bereits auf der vergangenen CES Anfang 2014 ein automatisiertes Audi-Fahrzeug durch Las Vegas fahren lassen und ließ vor wenigen Monaten einen autonomen Sportwagen mit 240 Kilometern pro Stunde über eine Formel-1-Strecke flitzen. Die jetzige Fernfahrt ist jedoch ein Meilenstein für die Entwicklung selbstfahrender Autos.

Am menschlichen Gehirn orientiert

Selbstfahrende und vernetzte Autos stehen dieses Mal noch stärker im Fokus der Elektronik-Show, vor allem deutsche Autohersteller drängen sich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Der Grafik-Spezialist Nvidia bot zum Auftakt der Messe einen Blick hinter die Kulissen. Die US-Firma, die unter anderem eng mit Audi zusammenarbeitet, zeigte einen Computer, der besonders schnell und präzise Objekte in seiner Umgebung erkennen soll. Das System „Nvidia Drive“ unterscheide zum Beispiel zwischen Fußgängern und Radfahrern und könne auch einzelne Automodelle auseinanderhalten, sagte Nvidia-Chef Jen-Hsun Huang. „Das Auto der Zukunft wird von Software bestimmt“, betonte er.

Der Autocomputer ist dafür mit reichlich Rechenleistung ausgestattet und kann gleichzeitig Bilder von bis zu zwölf Kameras verarbeiten. Die Erkennung der Umwelt gilt als eine Schlüssel-Funktion, damit selbstfahrende Autos den Weg in den Alltag finden können. Nvidia spricht von „neuralen Netzen“, die sich bei der Auswertung der Bildinformationen an der Funktionsweise des menschlichen Gehirns orientierten.

Was ein Auto dazulernt, wird auch an andere übertragen. Nvidia demonstrierte auch, wie mit nur vier Kameras, die ein komplettes Panorama-Bild liefern, das automatische Einparken in einem Parkhaus funktionieren kann.

Apps, Kameras und Computer

Nicht alles dreht sich aber in Las Vegas um selbstfahrende Autos. So zeigte die Opel-Mutter General Motors am Sonntag statt eines Roboterwagens die nächste Generation des Elektromobils Chevrolet Volt, zunächst aber ohne nähere Details.

Der französische Elektronik-Anbieter Parrot präsentierte einen Bordcomputer im Autoradio, der auch aktuelle Autos smart machen soll. Das Gerät mit dem Namen RNB6 kann Apps von iPhones und Android-Smartphones auf seinen Bildschirm bringen. Außerdem kann daran eine Cockpit-Kamera angeschlossen werden, die Daten für Fahrassistenz-Systeme liefern soll. Parrot müsse mit dem Konzept allerdings gegen eine harte Konkurrenz von klassischen Autozulieferern antreten, räumte Parrot-Gründer Henri Seydoux ein.

Der Mercedes von Morgen

Daimler lässt keinen Zweifel daran, dass der deutsche Autokonzern es beim selbstfahrenden Auto ernst meint. Die Stuttgarter brachten zur CES in Las Vegas einen von Grund auf neu entwickelten Prototypen mit, der auf autonomes Fahren ausgerichtet ist.
Das von Konzernchef Dieter Zetsche präsentierte Fahrzeug mit der Bezeichnung F015 hat eine futuristische langgezogene Form und einen Innenraum mit drehbaren Vordersitzen. Der silberne Prototyp fuhr am späten Montag (Ortszeit) nach einer Tour durch die Wüste und die Stadt auf die Bühne.

Der Kühlergrill der S-Klasse von übermorgen ist komplett mit blau leuchtenden LEDs bestückt. Das hat mehrere Funktionen. Zum einen kann man an der Anordnung der Lichter erkennen, ob das Auto gerade autonom fährt oder von einem Menschen gesteuert wird.

Zum anderen kann das Fahrzeug damit einem Fußgänger demonstrieren, dass es ihn sieht: Ein kleiner Schwarm leuchtender LEDs kann sich im Einklang mit dem Fußgänger über den Kühlergrill bewegen. Mit einer ähnlichen Anordnung roter LED-Lichter am Heck kann auch dem Fahrzeug dahinter angezeigt werden, dass es vor der Motorhaube gerade Bewegung gibt.

Daimler wolle neue Kommunikationsmöglichkeiten mit der Umgebung, die für das autonome Fahren benötigt werden, etablieren, betonte Zetsche. So könne der Wagen zum Beispiel mit Fußgängern reden, etwa um sie zum Überqueren der Straße aufzurufen.

Zugleich räumte er ein, dass es diverse ungelöste Probleme bei der Regulierung und auch ethischen Fragen gebe: Wie solle sich etwa ein Auto verhalten, wenn ein Unfall nicht mehr zu verhindern sei. „Diese offenen Fragen betreffen die gesamte Industrie und müssen gemeinsam gelöst werden“, sagte Zetsche. Außerdem müsse das autonom fahrende Auto nicht nur technisch machbar, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll sein.

Ein Golf ohne Knöpfe

Volkswagen legt alle Berührungsängste ab und experimentiert auf der Technik-Messe CES mit einem Cockpit voller Touchscreens. Der deutsche Autokonzern präsentierte das Modell Golf R Touch, bei dem drei berührungsempfindliche Bildschirme im Armaturenbrett eingebaut sind. Sie ersetzen dort sämtliche Knöpfe und analoge Anzeigen.

Das Herzstück ist ein Touchscreen zur Steuerung von Unterhaltungsanlage und Bordcomputer mit einer Bildschirmdiagonale von 12,8 Zoll (32,5 cm). Darunter liegt ein kleinerer Bildschirm zur Steuerung von Funktionen wie der Klimaanlage. Er hat eine Diagonale von 8 Zoll (20,3 cm). Die klassischen Zeiger-Anzeigen ersetzt das dritte, 12,3 Zoll große Display.
Touchscreens werden schon lange in Autos eingesetzt. Allerdings sind sie oft deutlich weniger benutzerfreundlich als die Bildschirme von Smartphones und Tablets. So hatte der Elektroauto-Hersteller Tesla mit einem 17 Zoll (gut 43 cm) großen gut funktionierenden Touchscreen in seinem Model S vor ein paar Jahren für Aufsehen gesorgt.

Parken auf Befehl

Doch VW will nicht nur die Bedienbarkeit im Cockpit verbessern, der Fahrer soll auch beim Parken entlastet werden. Statt nur die Parklücke mit Sensoren zu vermessen und dem Fahrer das Lenken abzunehmen, ist die Einparkhilfe des auf der CES gezeigten Elektro-Golf lernfähig und kann sich Rangierfahrten merken.

In einem ersten Schritt kann sich der Fahrer beim „Trained Parking“ so auf der gespeicherten Route von seinem Wagen auf den Parkplatz chauffieren lassen, erklärt VW. In weiteren Entwicklungsstufen soll er aber auch schon vorher aussteigen und das Auto mit dem Mobiltelefon oder einer Smartwatch auf die Stellfläche dirigieren können.

Davon verspricht sich VW nicht nur einen Komfortgewinn: Kombiniert mit induktiven Ladesystemen soll diese Technologie auch die Akzeptanz von Elektrofahrzeugen steigern. Denn in der Vision der Entwickler muss dann niemand mehr Ladekabel anstöpseln, sondern der eGolf fährt alleine ins Parkhaus und kommt zentimetergenau über der kabellosen Ladeplatte zum Stehen.

Es werde Strom!

Toyota stellt seine Patente für Brennstoffzellen-Technologie der Konkurrenz kostenlos zur Verfügung, um den Markt in Bewegung zu bringen. Das Angebot solle für die Einführungszeit des ersten kommerziell vermarkteten Brennstoffzellen-Modells „Mirai“ voraussichtlich bis Ende 2020 gelten, sagte Konzernmanager Bob Carter. Die 170 Patente für Nachfüllstationen will Toyota unbegrenzt gratis nutzen lassen.

Während andere Autobauer in Las Vegas einen Schwerpunkt auf selbstfahrende und vernetzte Autos setzten, beschränkte Toyota die kurze CES-Präsentation fast ausschließlich auf das Brennstoffzellen-Auto. Es kommt in diesem Jahr auf den Markt. Man werde 2015 voraussichtlich nur 700 „Mirai“-Fahrzeuge bauen, sagte Carter. In den 2020er Jahren dürften es „Zehntausende“ jährlich sein.

Toyota arbeitet seit rund 20 Jahren an der Brennstoffzellen-Technologie und nahm dafür hohe Investitionen in Kauf. Im Rest der Branche wird die Technik, bei der Wasserstoff in Strom umgewandelt wird, größtenteils skeptisch gesehen.
Es ist kein Einzelfall, dass ein Unternehmen seine Patente frei nutzen lässt, um einem Markt einen Schub zu geben. Einen ähnlichen Weg ging zum Beispiel auch der Elektroauto-Hersteller Tesla.(mit Material der dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare