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Der Autopilot übernimmt, der Fahrer kann sich zurücklehenen. Doch es gibt noch einige Hürden für das autonome Fahren.

Selbstfahrende Autos

Autonomes Fahren – Zukunftsmodell oder Utopie?

Selbstfahrende Autos sind ein Riesen-Thema, auch auf dem Verkehrsgerichtstag (28. bis 30. Januar) in Goslar. Der Bund will schon bald eine erste Teststrecke einrichten. Dabei sind viele Fragen offen. Ist das autonome Fahren ein Zukunftsmodell oder bleibt es Utopie?

Für viele Autofahrer ist es eine echte Horror-Vorstellung: Das Fahrzeug fährt von alleine, die Insassen sind nur noch Gäste, checken Emails und gucken Fernsehen. Gas geben, bremsen, lenken – alles wird vom Autopiloten übernommen. 62 Prozent der Autofahrer in Deutschland sind nicht bereit, das Fahren einem Computer zu überlassen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der „Auto Zeitung“ (Heft 4/2015). Nur 27 Prozent der Befragten sind bereit, sich der neuen Technik anzuvertrauen. Elf Prozent können sich derzeit noch keine Meinung bilden.

Die Autoindustrie arbeitet seit Jahren an Autos, die auch ohne Hilfe ihres Fahrers von A nach B kommen und auch der Internetkonzern Google ist auf diesem Gebiet schon länger sehr fleißig. Technisch ist das längst keine Zukunftsmusik mehr. Von der Serienreife sind komplett selbstfahrende Autos trotzdem noch ein ganzes Stück entfernt. Denn es gibt auch bürokratische Hürden. Der Bund will nun eine erste digitale Teststrecke auf der A9 in Bayern einrichten. Die Industrie freut's.

Bei Schiffen und Mähdreschern klappt es schon

Autopiloten sind in Flugzeugen Standard. Auch in Schiffen übernimmt zumindest außerhalb der Häfen oft der Computer das Ruder. Am Ende geht es auch beim autonom fahrenden Pkw um einen Autopiloten, der das Fahrzeug steuert. Doch der Autoverkehr ist komplex. Auf der Autobahn können die Prototypen der Industrie bereits ohne größere Probleme ohne Eingriffe des Fahrers unterwegs sein. Im Stadtverkehr wird es schon schwieriger.

Halbautomatische Funktionen sind allerdings inzwischen Alltag. Ob Tempomaten, Einparkhilfen, Stauassistenten oder Abstandsregler - viele Funktionen entlasten den Fahrer bereits. Auch etwa Mähdrescher können längst eigenständig über das Feld fahren.

Autopilot soll Unfallzahlen reduzieren

Eins der wichtigsten Argumente ist die Sicherheit. Die meisten Unfälle gehen auf Fahrfehler zurück. Weit oben in der Statistik: zu hohe Geschwindigkeit, zu geringer Abstand oder Abbiegefehler. Automatisch gesteuerte Autos würden solche Fehler minimieren. Denn Risikofreude, Spaß an der Geschwindigkeit und Selbstüberschätzung kennt ein Computer nicht. Er bremst, wenn der Abstand zu gering wird und nimmt anderen nicht aus Unachtsamkeit die Vorfahrt.

Klar ist damit aber auch, der von BMW postulierte Slogan „Freude am Fahren“ gilt nicht länger. Mann oder Frau werden zu weitgehend passiven Insassen degradiert.

Erste selbstfahrende Autos schon in fünf Jahren?

Die Entwicklung ist recht weit fortgeschritten. BMW etwa testet seit Jahren automatisch fahrende Autos, auch auf deutschen Autobahnen. Die Fahrzeuge können auch eigenständig überholen. Solche Tests müssen sich die Hersteller aber von Behörden genehmigen lassen.

Audi ließ jüngst zur US-Technikmesse CES einen Wagen „autonom“ rund 900 Kilometer aus dem Silicon Valley nach Las Vegas fahren. Auch Daimler präsentierte auf der CES seine Vision für ein selbstfahrendes Auto der Zukunft. Der silberne Mercedes-Prototyp fuhr autonom auf die Bühne nach einer Tour durch die Wüste und die Hotel-Meile der Glücksspiel-Stadt.

Der F 015 soll sich laut Mercedes wie ein aufmerksamer Mensch verhalten. Seine LED zeigen Fußgängern, dass sie erkannt worden sind und warnen auch den nachfolgendem Verkehr vor ihnen. Und hat der F 015 den Eindruck, der Fußgänger brauche Unterstützung, dann zeichnet er ihm auch schon einmal per Laser einen virtuellen Zebrastreifen auf den Asphalt, wo er die Straße ungefährdet überqueren kann.

Bei soviel Fortschritt wundert es nicht, dass sich manche Hersteller selbstfahrende Autos zumindest für die Autobahn bereits in fünf bis sieben Jahren vorstellen können.

Das Wiener Übereinkommen steht im Weg

Hier beginnen die Schwierigkeiten jenseits der Technik. Die erste Hürde ist das „Wiener Übereinkommen für den Straßenverkehr“ von 1968, das die Basis für die meisten Verkehrsregelungen ist. Darin gibt es zwar Hinweise zu Zugtieren, aber von selbstfahrenden Autos ist nicht die Rede. Das Abkommen legt zudem fest, dass jedes Auto einen Fahrer braucht, der am Ende verantwortlich ist.

Lennart S. Lutz, Doktorand an der „Forschungsstelle RobotRecht“ der Universität Würzburg, erklärt: „Autonome Fahrzeuge sind aufgrund internationalen Rechts unzulässig und dürften in Deutschland nicht einmal im Wege einer Gesetzesänderung erlaubt werden.“

Die USA hingegen haben das Wiener Abkommen gar nicht erst unterschrieben, Schweden interpretiert es auf seine Weise. So werden in Göteborg ab 2017 rund 100 autonom fahrende Volvos mit staatlicher Unterstützung unterwegs sein. Der Test soll dazu führen, dass es in Schweden in einigen Jahren keine Verkehrstoten mehr gibt, was sich die EU schon bis 2020 zum Ziel gesetzt hat. Ähnliche Projekte stehen in China, Großbritannien, Indien, Russland und Singapur unmittelbar vor der Tür oder sind bereits im Gange.

Eine Black-Box fürs Auto?

Europas größter Versicherer, die Allianz, würde auch selbstfahrende Autos versichern. Allerdings würde sich die Risikoeinschätzung ändern, denn das Risiko verlagere sich vom menschlichen Fehler des Fahrers zum Entwickler der Autopiloten. Allerdings glauben die Versicherer nicht daran, dass es vollständig selbstfahrende Auto geben wird. Ein Fahrer werde auch künftig einen Führerschein brauchen, und das Gefährt im Notfall oder in Situationen wo es nötig ist, kontrollieren zu können.

Das Problem: Solange Mensch und Assistenzsystem sich die Fahraufgabe teilen – wie es zur Zeit noch üblich ist – ist es im Einzelfall unmöglich nachzuvollziehen, wer den Schaden verursacht haben. Lennart Lutz schlägt daher vor: „Abhilfe könnte hier der Unfalldatenspeicher schaffen, eine Black-Box fürs Auto, die bei einem Unfall relevante Daten aufzeichnet und diesen so rekonstruierbar macht.“ (mit Material der dpa und ampnet)

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