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Hexenkinder in Afrika: Klimawandel, Krankheiten, Kostenanstieg: Warum Kinder in Ländern wie Benin, Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo willkürlich als Sündenböcke für Krisen herhalten müssen

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Kinshasa (ots) - Das Ausbleiben der Ernte, der Tod eines Familienmitglieds oder ansteigende Preise: "Geschieht im Ort etwas Negatives, macht man sich auf die Suche nach einem Schuldigen für die Misere. Hierzulande sind es häufig Kinder, die als Hexer:innen stigmatisiert werden", erklärt Armand Tchoffouo, Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Demokratischen Republik Kongo.

"Denn Kinder sind leider die leichtesten Opfer!" Pro Jahr werden etwa ein- bis zweitausend Kinder in der DRC der Hexerei bezichtigt, verfolgt und bestraft.

Hexenkinder auf den Straßen von Kinshasa

Die grausamen Folgen dieser falschen Verurteilung: Sie werden aus ihrer Familie verstoßen, von selbst ernannten Heilern teils brutalen "Teufelsaustreibungen" unterzogen oder von "Fixern" getötet. Die meisten landen auf der Straße und kämpfen dort sich selbst überlassen ums Überleben und dagegen, Opfer von Gewalt, Missbrauch und Menschenhandel zu werden. Von den rund 50.000 Minderjährigen, die in der Demokratischen Republik Kongo auf der Straße leben, befindet sich etwa die Hälfte in der Landeshauptstadt Kinshasa. "Dem Aberglauben der Menschen ist geschuldet, dass über 70 Prozent der Straßenkinder als Hexer:innen gelten und geächtet werden", sagt Tchoffouo.

(Aber)Glaube an Hexerei ist meist echt

Dabei sei es wichtig, zu verstehen, dass viele Kongolesen tatsächlich an Hexenkraft und schwarze Magie glauben. Sprich: "Die Eltern, die ihr Kind aus dem Haus werfen, sind wirklich davon überzeugt, dass eine böse Macht das Handeln ihres Kindes übernommen habe und diese unberechenbare Gefahr beseitigt werden müsse", erklärt Tchoffouo. Deswegen schickten sie es zu einem Heiler, der quasi als Exorzist fungieren solle. Aber es bliebe laut Tchoffouo natürlich nicht aus, dass es mittlerweile immer mehr Priester und Propheten gäbe, die mit ihren Heilmethoden eine Menge Geld verdienten. "Mal ganz abgesehen davon, dass ihre Vorgehensweise häufig brutal und unmenschlich ist: Die Kinder werden mit Feuer, Schlägen oder Nahrungsentzug 'gereinigt'." Jedes Jahr sterben Kinder bei diesen Ritualen, obwohl die Rechtslage eindeutig ist.

Die Gesetzeslage in der DRC

Das Gesetz zum Schutz von Kindern in der Demokratischen Republik Kongo betrachtet Kinder, die der Hexerei beschuldigt werden, als Kinder in einer schwierigen Situation und gewährt ihnen besonderen Schutz und sieht eine Freiheitsstrafe der die Täter von ein bis drei Jahren sowie eine Geldstrafe von bis zu einer Million Kongo-Franc (entspricht rund 470 Euro) vor. "Um die Praxis der Kinderhexenverfolgung tatsächlich zu beseitigen, müssen die Rechtsvorschriften viel strenger kontrolliert und befolgt werden durch die zuständigen Behörden", fordert Tchoffouo.

Auslöser der Problematik: Armut, Krisen und Konflikte

Die eigentlichen Gründe für die Probleme in afrikanischen Ländern wie Benin, Togo, Nigeria oder der Demokratischen Republik Kongo, in denen diese Art der Hexenverfolgung noch immer praktiziert wird, sind aber keine bösen Mächte in Kinderkörpern, sondern andere Faktoren: Vor allem Armut und gewaltsame Konflikte belasten die Bevölkerung. Allen voran die Demokratische Republik Kongo, dem dritt-ärmsten Land der Welt, in dem 77 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben und Kämpfe (momentan verstärkt im Osten des Landes) und Gewalt zum Alltag gehören.

Aber auch durch den Klimawandel geförderte Dürren und damit verursachter Nahrungsmangel oder die Covid-Pandemie verschlimmern die gesellschaftlichen Missstände. "So entsteht teilweise aus purer Verzweiflung der Vorwurf, ein Kind sei ein(e) Hexe(r). Dadurch kann sich die Gemeinde auf diesen Sündenbock stürzen, anstatt der traurigen Realität ins Auge zu blicken", sagt Tchoffouo. "Manchmal ist es auch der pure Neid - beispielsweise eines Nachbars -, der einem anderen seinen Besitz, zum Beispiel ein Auto, nicht gönnt, und dessen Familie dann mit Hexerei in Verbindung bringt."

Rufmord, Folter, Verbannung

Solche Art von Rufmord entstehe auch häufig, wenn ein Kind behindert oder mit einer "Abnormalität" zur Welt käme. So werden Albino-Kinder oder Zwillingsgeburten häufig als "Früchte des Bösen" verteufelt. Manchmal reiche schon ein Zahn, der an der falschen Stelle im Mund wachse, als "Beweis" aus. Fakt sei laut Tchoffouo, wenn "die Leute einen Grund für die Verurteilung finden wollen, dann finden sie auch einen." Aber selbst, wenn die Akteure aus tatsächlicher Angst vor schwarzer Magie agieren und wirklich glauben, im Sinne der Gemeinschaft zu handeln, ändere das nichts daran, dass dem beschuldigten Kind schweres Leid zugefügt werde und "Kindergrundrechte verletzt werden!" sagt Tchoffouo.

Im besten Fall werde es auf harmlose Weise von einem Heiler "gereinigt". In der Regel sei aber ein grausames Ritual die Folge, das einer Kindesfolter gleiche; oder der Verstoß aus der Familie sowie Gemeinschaft und damit der Beginn des gefährlichen Lebens auf der Straße. Ein Großteil der Straßenkinder ist täglich Gewalt, Missbrauch und Verschleppung ausgesetzt. Um zu überleben, leisten sie gefährliche Kinderarbeit oder (zwangs)prostituieren sich. Viele greifen zu Drogen, um ihr Leid für einen Moment zu vergessen.

Kinderrechte in der DRC schützen

Kinder haben ein Recht auf Schutz vor Gewalt, Sicherheit und Gesundheit. Kinder mit einer Behinderung haben zudem das Recht auf eine besondere Fürsorge und Förderung. "Diese und weitere Kinderrechte werden bei der 'Hexenjagd', unter anderem durch psychische und physische Gewalt gebrochen. Die beschuldigten Kinder sind ihr Leben lang stigmatisiert", sagt Boris Breyer, Pressesprecher der SOS-Kinderdörfer weltweit. Deswegen helfen die SOS-Kinderdörfer in verschiedenen afrikanischen Ländern den sogenannten "Hexenkindern". Mitarbeiter der Hilfsorganisation nehmen verstoßene Minderjährige auf, kümmern sich um Straßenkinder und betreiben Aufklärungsarbeit, um den lebensbedrohlichen Aberglauben und die damit verbundenen Praktiken zu beenden.

Pressekontakt:
Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:

Boris Breyer
Pressesprecher
SOS-Kinderdörfer weltweit
Tel.: 0160 - 984 723 45
E-Mail:
boris.breyer@sos-kd.org
www.sos-kinderdoerfer.de

Weiteres Material:
www.presseportal.de

Quelle: SOS-Kinderdörfer weltweit

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