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Friedrich Merz will CDU-Vorsitzender werden.

Friedrich Merz

Zynischer Finderlohn an Obdachlose

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Der Kandidat auf den CDU-Vorsitz, Friedrich Merz, verliert 2004 sein Notebook mit den Kontaktdaten der gesamten Bundesregierung. Obdachlose finden es und bringen es zur Polizei. Und der Finderlohn?

Die Geschichte klingt wie eine urbane Legende. Ein Spitzenpolitiker verliert am Bahnhof sein Notebook mit den Kontaktdaten der gesamten Bundesregierung darauf. Zwei Obdachlose finden es, tippen darauf herum. Sie sehen Angela Merkels Handynummer und ahnen, wie viel das Gerät wert sein könnte. Dann aber geben sie es bei der Polizei ab. Der Politiker schickt ihnen zum Dank einen Brief. Darin war kein Geld, kein Gesprächsangebot, sondern ein Buch: Der Titel: „Nur wer sich ändert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion – Kursbestimmung für unsere Zukunft“. Darin stand eine Widmung: „Dem ehrlichen Finder“.

„Ende der Wohlstandsillusionen“

Die Geschichte ist keine Legende. Sie stimmt höchstwahrscheinlich. Der Politiker, von dem die Rede ist, heißt Friedrich Merz, er will CDU-Vorsitzender werden. 2004, als er am Taxistand des Berliner Ostbahnhofs sein Notebook verlor, war er stellvertretender Fraktionschef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Das Buch über das „Ende der Wohlstandsillusionen“ stammt aus seiner Feder, es war damals ganz frisch erschienen.

Die Obdachlosen, die sein Notebook fanden und abgaben, heißen Enrico und Micha. 14 Jahre später hat Micha die Stadt verlassen, Enrico aber ist nach wie vor in Berlin und hat ein neues Leben begonnen. „Von ihm dachte ich, der wird demnächst wieder den Weg raus aus der Obdachlosigkeit schaffen“, sagt Jutta Herms, die seine Geschichte mit Merz 2010 in der Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“ aufgeschrieben hat. „Er kam mir helle und aufgeweckt vor“, sagt sie der FR. Ihre Vermutung war richtig: Enrico J. lebt heute nicht mehr auf der Straße, sondern mit seiner Lebensgefährtin in einer Wohnung. Der 53-Jährige arbeitet als Steinsetzer und sagt: „Mir geht's gut.“ Sauer auf Friedrich Merz ist er immer noch, hat er der „taz“ erzählt. „ Das fand ich echt total unverschämt. Ich habe das Buch sofort in die Spree geschmissen. Er wusste ja von der angegebenen Adresse genau, dass ich obdachlos war, doch ihm war das nicht mal einen Cent wert. Richtig scheiße.“

Beim Bundesgrenzschutz am Ostbahnhof, der heutigen Bundespolizei, hinterließen Enrico und Micha die Adresse der Berliner Treberhilfe. Vier Wochen später, beim Grillfest, überreichte ihnen eine Sozialarbeiterin namens Heike das Buch. Die Treberhilfe gibt es nicht mehr, Heike S. arbeitet heute beim Verein Gangway in Berlin. Auch sie erinnert sich noch genau an diese Geschichte, obwohl sie 14 Jahre her ist: „Ich fand das richtig unverschämt“, sagt sie der FR. „ Er hätte einfach mal vorbeikommen und sich ordentlich bedanken können“, beschwert sich Enrico S. in der „taz“. „Immerhin habe ich verhindert, dass geheime Infos über wichtige Politiker in die falschen Hände geraten.“

Auf Anfragen mehrerer Medien möchte sich Merz nicht zu den Vorgängen von 2004 äußern.

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