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Zwölf Fragen an 2023: So kommen wir aus dem Krisenmodus heraus

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Von: Tanja Kokoska, Hanning Voigts, Martin Benninghoff, Baha Kirlidokme, Pitt v. Bebenburg, Anne Lemhöfer, Tatjana Coerschulte, Michael Hesse, Ruth Herberg, Karin Dalka, Stephan Kaufmann, Friederike Meier

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Mal sehen, was das Jahr 2023 zu bieten hat.
Mal sehen, was das Jahr 2023 zu bieten hat. © fr

Mit dem Jahreswechsel kommt der Rückblick und damit auch der Ausblick auf das anstehende Jahr - zwölf Fragen 2023.

Frankfurt - Wo immer es sich hinzuschauen lohnt, scheint die Krise schon dagewesen zu sein. Seit 2019 überwölbt die weltweite Corona-Pandemie praktisch alle Angelegenheiten. Wer nicht krankgeworden ist, musste sich mit Homeoffice herumschlagen und nebenbei die Kinder betreuen. Oder auf Pflegestationen mitanschauen, wie Ältere ihre Verwandten nicht mehr sehen durften. Als diese Krise langsam abflaute, machte Putins Krieg in der Ukraine zunichte, was wieder gedieh, vor allem den mentalen Wiederaufschwung. Wie die Menschen darauf reagieren, ist unterschiedlich, mit Trübsinn oder einem Jetzt-erst-recht-Trotz, besonders pessimistisch oder betont optimistisch. Sie alle eint, dass die Verunsicherung das Denken bestimmt, auf die eine oder andere Weise kommen sie nicht mehr heraus aus dem gedanklichen Tunnel – und aus dem Krisenmodus der zurückliegenden Jahre.

Die Frage ist, ob 2023 nicht das Jahr sein kann, die Dinge neu und unabhängiger zu denken. Ja, es ist richtig: Weder der Klimawandel noch Corona und Kriege wie jener in der Ukraine werden verschwunden sein, vor allem das Leid der Menschen in den Kriegsgebieten als auch das derer, die angesichts der gestiegenen Preise hierzulande in tiefere Armut rutschen, sind nicht wegzudiskutieren oder sich – wie bei „Alice im Wunderland“ – einfach wegzuwünschen. Aber darum geht es ja auch nicht. Vielmehr geht es darum, Gestaltungsmacht zurückzugewinnen, wo die Ohnmacht zuletzt regiert hat – in der Politik wie im persönlichen Leben.

Wie geht es 2023 weiter? Krisenerleben ist wie eine innere Leere

Der Wiener Neurologe und Psychiater Viktor Frankl – ein Jude, der Auschwitz überlebt hat – hat diese Zusammenhänge vor Jahrzehnten treffend und klarsichtig beschrieben. Sein Hinweis: Der Mensch sei nicht nur „in seiner vielfältigen Gebundenheit“ zu sehen, sondern der Geist sei auch frei gegenüber der Natur (und den gesellschaftlichen Umständen).

Frankl beschrieb das Krisenerleben der Menschen der Zwischenkriegszeit und der späteren Nachkriegszeit als innere Leere, als Gefühl erlebter Sinnlosigkeit der eigenen Existenz, verbunden mit dem Verlust von Instinkt und Geborgenheit, der dann wiederum durch übersteigerte Tradition, Abgrenzung und Intoleranz kompensiert wird. Kommt einem bekannt vor? Tja, der Befund des 1997 verstorbenen Wissenschaftlers liest sich wie eine Diagnose der Gegenwart, in der die Demokratie – trotz großen Wohlstands im globalen Norden – von mehreren Seiten, vom Rechtsextremismus, Populismus, den Verschwörungslügen, unter Beschuss steht.

Was ist 2023 zu tun? Kann der Mensch sich vom Krisenmodus lösen?

Was tun? Kann Zuversicht, ein Sich-Unabhängig-Machen vom steten Krisenmodus dazu beitragen, dass sich Menschen in ihrem Denken wieder befreien? Frankl würde wohl sagen: Lasst es darauf ankommen – auf einen Versuch. Wie sollte man dem widerstehen, zumal zu Jahresbeginn, wenn der Schalter auf Neubeginn umgelegt wird und man von Katerstimmung genug hat?

Nehmen wir es als Anreiz, für uns selbst und für die Politik. Die Ampel-Koalition wollte 2022 „mehr Fortschritt wagen“, so ist ihr Koalitionsvertrag überschrieben. Klingt gut, ist aber mächtig unter die Räder des Krieges und in die Mühlen der Pandemie geraten. Doch der Reparaturbetrieb zur Bewältigung der Krisen ist kein Ort zum Wohlfühlen, nicht geeignet als Dauerzustand. „Sicherheit und Freiheit bedingen einander“, heißt es im Koalitionsvertrag. In der Krise stand die Sicherheit im Zentrum aller Bemühungen – allen voran die Energiesicherheit. Doch wie steht es um Freiheit, die, sofern sozial abgesichert, schöpferische Kräfte freisetzt und die Gesellschaft nach vorne denkt? Ist es nicht der beste Neujahrsvorsatz, sich auch hier aus der Umklammerung der Krisen zu lösen?

Krisenmodus oder Freiheit in 2023? Alles eine Frage der Perspektive

Die Bundesregierung hat mit der Reform des Einwanderungsrechts einen ersten zaghaften Schritt unternommen, genau dies zu tun. Niemand soll in der Krise einschlafen, im Fachkräftemangel aufwachen und dann so tun, als hätte man von nichts gewusst! Die gesellschaftspolitische Liberalisierung, die unter Rot-Grün vor mehr als 20 Jahren angeschoben wurde, kennt zudem noch viele weitere unaufgeräumte Baustellen: etwa die Gleichstellung der Geschlechter, das Selbstverständnis als Einwanderungsland, die Familienpolitik. Auch in technologisch-ökonomischer Hinsicht muss an diesem Deutschland noch kreativ gebaut werden, wenn man nur an die Digitalisierung oder die Umstellung auf E-Mobilität denkt, bei der das Land seinem eigenen Selbstverständnis nach Jahre zurückhängt.

Oder klingt das wieder zu viel nach Krise? Stimmt, ist aber nicht so gemeint. Denn im Mittelpunkt steht dann das Schöpferische, nicht das Reparierende. Es ist also auch eine Frage der Perspektive – Krisenmodus oder Freiheit. Das eine ist 2022, das andere 2023.

Fragen an 2023 Nummer 1: Wie klappt Klimaschutz?

Strom und Wärme aus Erneuerbaren, weniger Autos, mehr öffentlicher Verkehr, weniger Fleisch, mehr Gemüse: Das sind einige der offensichtlichen Schritte, die Politik und Bürger:innen hin zu mehr Klimaschutz gehen müssen. Doch es muss sich noch mehr verändern. Denn unsere ganze Gesellschaft ist auf Gas, Kohle und Öl gebaut. Zum Beispiel das Bundesberggesetz: Es ermöglicht Enteignungen für den Abbau von Kohle, wenn das dem „Wohle der Allgemeinheit“ dient. Ein Widerspruch in sich angesichts der Klima-Krise? Nicht für das Gesetz. Oder unser Steuersystem: Zwar erwähnt die Bundesregierung die sozial-ökologische Marktwirtschaft im Koalitionsvertrag, doch unternimmt sie bisher wenig, um das Finanzsystem ökologischer zu machen.

Das Forum sozial-ökologische Marktwirtschaft kommt in einer Analyse zu dem Ergebnis, dass die Einnahmen aus Umweltsteuern zwischen 2003 und 2022 sanken, von 9,5 auf 6,2 Prozent. Der Staat subventioniert die fossile Vergangenheit zudem mit zweistelligen Milliardenbeträgen jährlich. Oder unser Wirtschaftssystem: Preise sprechen nicht die ökologische Wahrheit. Es spricht vieles dafür, dass immerwährendes Wirtschaftswachstum nicht mit einem endlichen Planeten zusammenpasst. Es braucht also Konzepte für eine Klimapolitik, die nicht nur an der Oberfläche kratzt. Zum Beispiel dafür, wie die Wirtschaft so schrumpfen kann, dass die Grundbedürfnisse der Menschen auf dieser Welt weiterhin erfüllt sind. (Friederike Meier)

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Fragen an 2023 Nummer 2: Kriegen wir das Schmieröl aus dem Kopf?

Für einen Hinweis auf die Mobilität der Zukunft braucht man keine Glaskugel. Ein Blick auf die deutschen Straßen genügt, um zu sehen, was sich ändern wird, weil es sich ändern muss: Autos, wohin man schaut. Sie schaden dem Klima, der Luft, der Gesundheit und stehlen parkend vor allem in Städten wertvollen Platz für Mensch und Natur. Deswegen reicht es nicht, sie alle mit E- oder Wasserstoffantrieb auszustatten. Die Zahl der Autos muss vor allem in urbanen Regionen auf einen Bruchteil sinken. Wie gut, dass es clevere Menschen gibt, die nach Alternativen suchen, mögen Sie jetzt denken. Was wurde uns schon alles präsentiert an visionären Ideen: Flugtaxis sollen Menschen auf kürzeren Strecken von A nach B fliegen, der Hyperloop sie mit Hochgeschwindigkeit zu weiter entfernten Zielen bringen.

Und vielleicht schaffen in Städten doch noch die E-Roller den Durchbruch als Verkehrsmittel, anstatt nur Spaßmobil zu sein? Leider wird das alles so schnell nichts. Und ein nennenswerter Ausbau des Nahverkehrs stockt, ganz zu schweigen von der Frage, wer die Tausenden Busse und Bahnen fahren soll. Macht aber nichts. Denn das einfachste, grünste und für alle erschwingliche Fortbewegungsmittel ist längst da, erprobt und für alltagstauglich befunden: die eigenen Füße. Glauben Sie nicht? Nun, der überwiegende Teil der Wege, die der durchschnittliche Mensch an einem durchschnittlichen Tag zurücklegt, ist kürzer als fünf Kilometer – genau die richtige Distanz für einen gepflegten Spaziergang! (Ruth Herberg)

Fragen an 2023 Nummer 3: Was hält uns zusammen?

Erinnern Sie sich, wie gut das tut, Zusammenhalt zu spüren? In der Familie, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, mit Freundinnen und Freunden, bei politischen Demonstrationen, beim Streik? Wer sich daran erinnert, sehnt sich danach, diesen Zusammenhalt wiederherzustellen. Und tut etwas dafür. Es ist nicht so schwierig zusammenzuhalten. Erinnern wir uns an die Feiern, als die Fußballer von Eintracht Frankfurt dieses Jahr den Europapokal gewannen. Eine ganze Stadt war eins. Warum sollte das 2023 nicht auch in anderen Zusammenhängen gelingen?

Mehr als eine Million Menschen aus der Ukraine kamen in diesem Jahr nach Deutschland, ohne dass die Politik Anti-Flüchtlings-Debatten vom Zaun brach. Zehntausende wurden privat untergebracht. Menschen rückten buchstäblich zusammen. Warum sollte eine solche Solidarität nicht auch in anderen Situationen möglich sein? Die Ausgaben unseres Landes steigen enorm durch den Ukraine-Krieg und die Energiekrise, während die Reichen noch reicher werden. Warum sollten sie nicht das Ihre für den Zusammenhalt tun, indem sie sich mit einer Vermögensteuer oder -abgabe beteiligen? Offiziell sind rund 30 Millionen Menschen in Deutschland ehrenamtlich engagiert. Im Sport, in der Kultur, in der Nachbarschaftshilfe, bei den Tafeln. Das tut auch ihnen selbst gut. Gemeinsame Visionen erleichtern den Zusammenhalt, sie geben ihm eine Grundlage. Wenn wir ein Land der Solidarität werden wollen, kann das gelingen. (Pitt von Bebenburg)

Fragen an 2023 Nummer 4: Wie geht Frieden?

Ehrliche Antwort: keine Ahnung. Im Ukraine-Krieg hat der Frieden derzeit keine Chance. Weil beide Seiten nicht verhandeln wollen, solange sie sich noch militärstrategische Vorteile versprechen. Weil der Aggressor immer brutaler wird und die Ukraine kämpfen muss, wenn sie als Staat überleben will. Weil die jeweiligen Verbündeten die beiden Kriegsparteien so aufrüsten, dass ihnen Waffen und Munition vorerst nicht ausgehen. Wenden wir die Frage zunächst ins Negative: Wie lässt sich der Frieden nicht gewinnen? Das lässt sich eher beantworten – vor allem, wenn wir in langen Linien und global denken.

Frieden geht nicht, wenn wir all unser Wissen und unsere bisherigen Überzeugungen als falsche Gewissheiten über Bord werfen. Wenn wir Friedensappelle und die Forderung nach diplomatischen Initiativen als Spinnerei abtun. Wenn wir die Bundeswehr nicht ausrüsten, sondern aufrüsten. Mit bewaffneten Drohnen, die autonome Kriege wahrscheinlicher machen, und neuen Atombombern. Wenn wir wieder ein globales Wettrüsten zulassen, das die Menschheit an den Rand des Abgrunds bringt. Wie Frieden geht? Eine gute Friedenspolitik ist etwa Klimapolitik. Auch Entwicklungspolitik, faire Handelspolitik und eine Sicherheitspolitik, die sich auf Rüstungskontrolle und Kooperation fokussiert. Nicht zu vergessen eine feministische Außenpolitik. Dazu steht Intelligentes im Koalitionsvertrag der Ampel. Es gibt keine schnelle Lösung für den Ukraine-Konflikt. Aber viele Möglichkeiten, gut zu regieren. Der Zeitpunkt dafür ist jetzt. (Karin Dalka)

Fragen an 2023 Nummer 5: Wann sind wir endlich genug gewachsen?

Regierungen wollen Wirtschaftswachstum, weil daran die Prosperität des Standortes hängt. Die Eigentümer:innen der Unternehmen wollen Wachstum, weil daran ihre eigene Prosperität hängt. Von beiden ist daher nicht mehr zu erwarten als der löbliche Versuch, die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts umweltverträglich zu gestalten, und man fragt sich: Was wird geopfert, wenn das nicht klappt? Das Wachstum ja eher nicht. Da also die „Entscheider“ genannten Personen nicht Willens oder in der Lage sind, tiefgreifende Veränderungen am System vorzunehmen, muss der Rest der Gesellschaft sich in die zentralen Entscheidungsstrukturen einbinden. Und hier fällt auf, das inmitten der Demokratie die Wirtschaft gelenkt wird von kleinen Diktaturen, den „Unternehmen“, wo die Chefs allein und nach ihren Maßstäben regieren.

Die Sozialwissenschaftlerin Isabelle Ferreras sieht Unternehmen als „politische Einheiten“, die in Privatbesitz sind und die es daher zu demokratisieren gilt. Zu diesem Zweck sollten Unternehmen nicht nur von den Kapitalinvestoren gesteuert werden, sondern gleichberechtigt auch von den „Arbeitsinvestoren“, also den Beschäftigten. Beide zusammen bilden die Generalversammlung, die den Vorstand wählt, bestehend aus zwei Kammern: den Vertretern der Eigentümer:innen und denen der Arbeit. Beide können Beschlüsse zwar blockieren, müssen aber gleichzeitig sehen, wie sie das Geschäft auf regeneratives Wirtschaften umstellen – Hand in Hand. Wenn das keine Vision ist! (Stephan Kaufmann)

Fragen an 2023 Nummer 6: Wo bleibt das Dach über dem Kopf?

Die Wohnungsfrage treibt nicht nur um, sie treibt in den Wahnsinn. Dem kann jeder Mensch zustimmen, der 2022 auf Wohnungssuche war. Oder zumindest jeder mit einem normalen Einkommen. Vor allem mit Volontärsgehalt läuft die Suche eher besch... Die Mieten steigen, die Reallöhne entwickeln sich entgegengesetzt. Der Neubau stockt, der Leerstand wird nicht effektiv bekämpft. Menschen landen in diesem „Schweinesystem“, wie die 68er den Kapitalismus nannten, immer noch auf der Straße. Was muss 2023 passieren, um endlich bezahlbaren Wohnraum für alle zu garantieren?

Antwort A: die Revolution. Doch damit der Verfassungsschutz nicht die FR-Redaktionsräume stürmt, geht die Empfehlung natürlich zu Antwort B: Bodenreform und Enteignung. Berlin hat’s vorgemacht. Also irgendwie. Fast. Dort hat eine Mehrheit der Bürger:innen für die Vergesellschaftung der Unternehmen „Deutsche Wohnen“ oder „Vonovia“ gestimmt. Die Landesregierung tut sich mit der Umsetzung allerdings schwer. Gegner:innen der Pläne meinen, dass durch Enteignungen auch nicht mehr Wohnungen gebaut würden. Das ist aber auch gar nicht das Ziel. Sondern die Bezahlbarkeit von bestehendem Wohnraum und die Bekämpfung von spekulativem Leerstand. Aber 2023 wird sicher das Jahr, in dem alle verstehen, dass diese Utopie realistischer ist, als darauf zu hoffen, dass der freie Markt den Wohnraum endlich bedarfsgerecht verteilt. Manchmal muss es wohl erst besch... werden, bevor es gut wird. (Baha Kirlidokme)

In Frankfurt steigen die Mieten trotz Krisen immer weiter. Nun wird auch das Heizen extrem teuer. Viele fürchten, sich die Wohnung nicht mehr leisten zu können.

Fragen an 2023 Nummer 7: Wie werden wir die Nazis los?

In den 1990er-Jahren gab es in der autonomen Szene Berlins einen Liedermacher, der Punksongs mit dem Akkordeon vortrug. „Quetschenpaua“ hieß sein Projekt. Und zur Frage, wie eine bessere Welt aussehen könnte, hat er zeitlose Zeilen gereimt: „Morgen kommt schon die gesellschaftliche Wende / Die Rassisten und Faschisten sind am Ende / Dann ist Schluss mit ihren Propagandalügen / Weil sie von überall eins in die Fresse kriegen“. Nun kann man sehr gute Gründe dagegen vorbringen, politische Ziele mit Gewalt durchzusetzen. Aber eines ist sicher unstrittig: Eine bessere Gesellschaft ist eine Gesellschaft ohne Nazis. Neonazis, „Reichsbürger“, AfD-Politiker:innen, „Identitäre“, Völkische und Rassist:innen braucht niemand.

Es ist ja hinlänglich bekannt, was diese Leute wollen: Diejenigen bedrängen und nach Möglichkeit beseitigen, die nicht in ihr Weltbild passen. Daher meine Utopie: Schöner leben ohne Nazis! Rechte Szenetreffs schließen, die AfD auflösen, rechte Terrorzellen verhaften, Nazis ausgrenzen. Und dann: Rassismus ernsthaft bekämpfen! Betroffenen zuhören, deutsche Geschichte aufarbeiten, das Land vom Straßenschild über die Handelspraxen und Strukturen bis hin zum Kinderbuch dekolonisieren. Nicht mehr so tun, als wären Klimaproteste so schlimm wie Faschos. Alles nur ein Minimalprogramm, ist klar. Aber ein erster Schritt in eine bessere Zukunft. (Hanning Voigts)

Fragen an 2023 Nummer 8: Welcher Geflüchtete darf‘s denn sein?

Die folgenden Redebeiträge sind wörtlich wiedergegeben – fast. Zitat der EU-Kommissarin für Inneres, Ylva Johansson: „Die EU hat den Geflüchteten sofort vorübergehenden Schutz gewährt; einen Status, mit dem sie auch Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Sollten diese Menschen entscheiden, in den Jemen, nach Syrien, Afghanistan, Pakistan, in den Iran oder Irak, nach Nigeria, Äthiopien, Eritrea, Mali, in die Zentralafrikanische Republik, den Kongo, in den Südsudan, nach Somalia, Myanmar oder Kaschmir zurückzukehren, können sie stets auf uns zählen, wenn sie erneut in die EU fliehen müssen.“ Nicolas Schmit, EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration, sagt: „Wir stellen unsere anhaltende Solidarität unter Beweis, indem wir Worten Taten folgen lassen. Dass Millionen von Menschen gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen, ist tragisch. Es ist unsere gemeinsame Pflicht, ihnen so viel Hilfe wie möglich zukommen zu lassen, damit sie sich in der Europäischen Union ein neues Leben aufbauen können.“

Die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, ergänzt: „Wer vor Bomben flieht, ist in Europa willkommen. Wir werden Menschen Schutz bieten, die Zuflucht suchen, und denen helfen, die auf einem sicheren Weg nach Hause zurückkehren möchten.“ Im Original beziehen sich diese Worte ausschließlich – und berechtigt – auf die Ukraine und Geflüchtete von dort. Die Zeit, dass sie tatsächlich auch wie oben zitiert gesprochen werden, wird kommen. Oder? (Tanja Kokoska)

Fragen an 2023 Nummer 9: Wer braucht welche Männer?

Sagen wir, wie es ist: Eines Tages könnte ich ein alter, weißer Mann sein. Nicht heute, nicht morgen, vielleicht übermorgen. Den gesellschaftlichen Wandel als „Zeitgeist“ belächeln, mich über „Wokeness“ aufregen und natürlich übers Gendern, mehr als, sagen wir, über die Ungerechtigkeit in der Welt. Könnte ich. Mache ich aber nicht, voraussichtlich zumindest nicht. Mache ich deshalb nicht nicht, weil ich alles so toll, klug und durchdacht finde, was jüngere Feminist:innen bei Twitter und anderswo erzählen, oder ich pauschal diskriminierende Begriffe wie „alter, weißer Mann“ gut finde. Aber mich regt eben viel mehr auf, was manche Geschlechtsgenossen so verzapfen, tun oder gar anrichten - die Rede ist von „toxischer Männlichkeit“.

Die richtet sich in erster Linie gegen Mädchen und Frauen, erniedrigt sie und endet häufig sogar in Gewalt. Eine übersteigerte, verzerrte Männlichkeitskonstruktion, die letztlich auf ein mangelndes Selbstbild hinweist. Aber was nutzt diese küchenpsychologische Erkenntnis, wenn vornehmlich Frauen sehr konkret darunter leiden, die schnell Schutz brauchen? Für das Verständnis allerdings ist es wichtig zu wissen, dass toxische Männlichkeit auf Erziehungsvorstellungen aufbaut, die auch in weniger gewalttätigen Umfeldern munter verbreitet werden: das „Ideal“ des gefühlskalten Mannes, der Empathie für Schwäche hält - und alles andere für verweichlicht. Übrigens: Auch Frauen können toxisch sein, die solche Jungs erziehen. Können wir das bitte ändern? (Martin Benninghoff)

Fragen an 2023 Nummer 10: Und wer wäscht eigentlich ab?

Vielen Männern soll ja der Gedanke durch den Kopf gehen, dass sie ohne Frauen viel weniger Probleme hätten – im Grunde gar keine. Das ist natürlich ein Irrtum. Ohne Frauen wären die meisten von ihnen nicht befreit, sondern verloren. Beispiel Corona: Nach zwei Jahren mit Homeoffice, Hausunterricht und Kita-Lockdowns ist wissenschaftlich belegt, wer den Pandemie-Alltag geschmissen hat: die Frauen und vor allem die Mütter unter ihnen. Während vielerorts Männer im Homeoffice saßen und ihre Umgebung um Ruhe baten, reduzierten Frauen stillschweigend die Stunden ihrer Erwerbsarbeit, um die Familie organisieren zu können. Was hätten die Männer getan? Mit der rechten Hand den Computer bedient und mit der linken die Spülmaschine ausgeräumt?

Statt aber die Leistung ihrer Frauen anzuerkennen, hat sich eine wachsende Zahl von Männern in diese bequeme Lage eingekuschelt und will, dass es so bleibt. Umfragen zeigen: Jeder vierte Mann findet inzwischen, dass Frauen sich doch bitte um die Familie und die Karriere ihrer Männer kümmern sollten und weniger um ihre eigene. Da ist der Wunsch der Vater des Gedankens, und auch dieser ist – ein Irrtum. Corona ist (vorerst) vorbei, die Wirtschaft schwächelt weniger als befürchtet. Es gibt keinen Grund, um nicht 2023 fröhlich Gleichberechtigung zu üben, und die fängt auch zu Hause an. Was Mütter nicht vergessen sollten, die Söhne erziehen, weil die sonst später ... Sie wissen schon: sich irren. (Tatjana Coerschulte)

Fragen an 2023 Nummer 11: Wo fängt Familie an?

Die Familienbande ist müde. Die meisten Kleinfamilien, egal in welcher Konstellation, ob mit einem oder zwei Elternteilen oder als Patchwork, sitzen in einzelnen Wohnungen oder in einem einzelnen Haus und müssen irgendwie klarkommen: Mit der Vereinbarkeit von Beruf und Kindern, mit der Hausarbeit, mit der Pflege älterer Verwandter, mit dem Marmorkuchen fürs Büfett beim Schulfest. Das schlaucht. Care-Arbeit schlaucht. Alleine Herumwurschteln schlaucht. Muss das so sein? Nein! Wir sollten, wieder mehr in Gemeinschaften zu denken – in Gemeinschaften von Menschen, die nicht zwingend miteinander verwandt sein müssen.

Das berühmte Dorf, das es braucht, um alles hinzubekommen, ist zum Symbol für die Erkenntnis geworden: Familie ist mehr als „nur“ Genetik, die soziale Familie ist das Modell der Zukunft. Und die Dörfer können ja auch moderne Netzwerke sein, die wir knüpfen. Wir brauchen dringend politische Modelle, mit denen gemeinschaftliches, generationsübergreifendes Wohnen staatlich gefördert wird. Solche Ideen gibt es ja immer mehr, das ist gut – aber sie dürfen nicht nur als Luxusprojekte für Besserverdienende bezahlbar sein. Lasst uns gemeinsamer herumwurschteln, das schafft Synergien und bringt Spaß. Lasst die einen Kuchen für alle backen, während die anderen mit den Nachbarskindern spielen oder einer Freundin bei der Steuererklärung helfen. Klar, das klingt utopisch. Na und? Lasst uns 2023 herumspinnen. Zusammen ist man weniger allein. (Anne Lemhöfer)

Fragen an 2023 Nummer 12: Wie wächst Zuversicht?

Was spricht dafür, gerade jetzt ein Optimist zu sein? Die Welt liegt in Schutt und Asche, die Körper der Menschen geschunden, die Seelen aufgeraut. Die Landschaft vom Krieg überzogen. Nein, hier ist nicht die Rede von der Ukraine, sondern von deutschen Landen. Genauer: dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Und am Ende dieses 30 Jahre dauernden Krieges, der diese Lande zwischen 1618 und 1648 heimgesucht hatte, stand eine Philosophie, die optimistischer nicht hätte sein können. Wie kann das sein? Ein gewisser Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) war nicht nur das letzte Universalgenie, das Europa gesehen hat, sondern auch der Begründer jener Lehre, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Natürlich forderte die steile These von Leibniz den Spott anderer Philosophen heraus. Voltaire griff sogleich zur Feder und ließ einen gewissen Candide, den Einfältigen, durch die Welt ziehen, wo ihm wirklich alle nur erkenntlichen Übel ereilten.

Er verlor nicht nur seine Geliebte, seine Familie und auch den von ihm hochverehrten Magister Pangloss, auch er selbst musste mehr als nur Stockhiebe einstecken. Dennoch glaubte er bis ans Ende, in der besten aller möglichen Welten zu leben. Am Ende der Schrift steht die Erkenntnis, man möge sich im eigenen Garten nicht mehr um die Vernünftelei, sondern um das eigene Sein kümmern. Was uns das heute lehrt? Es ist so ein bisschen wie das Spiel von Hase und Igel. Der Igel weiß eine große Sache, der Hase viele kleine. Wir alle sind Hasen; die großen Sache werden vielleicht später einmal die Historikerinnen und Historiker erkennen. Wir aber wissen nicht, welche Kräfte gerade die Weltgeschichte vorantreiben und wohin diese steuert. Die Konflikte, die wir gerade erleben, können aus Ursachen resultieren, die uns heute noch nicht klar sind. Und womöglich steht uns eine viel bessere Zeit bevor, als es sichtbare Gründe für uns gibt, diese anzunehmen. Was wir sehen, ist die Stabilität unserer europäischen Demokratien. Der Krieg im Osten hat Europa zusammenrücken lassen. Die Identität wird durch Angreifer gestärkt, nicht geschwächt. Das kann Folgen für viele autoritäre Staaten haben und ihren Einfluss zurückdrängen. Die vermeintlich europäischen Werte – in Wahrheit sind sie universelle – gelten auch für andere Teile der Welt. Der Aufstand im Iran ist das beste Beispiel hierfür. Die Freiheit, auf die sich die Frauen und mit ihnen viele andere dort berufen, ist überall ein ersehntes Gut. Wir erleben das erstaunliche Erblühen der Wissenschaften, trotz aller sogenannten Querdenker und Esoteriker. Wie wichtig die Impfstoffe für Europa gewesen sind, erleben wir gerade im Kontrast in China. Das soll das effizientere System sein? Von wegen. Man muss dem großen Leibniz nicht folgen und darf über den Spott Voltaires herzlich lachen. Doch die Zeiten sind vielleicht viel bessere, als wir es zu glauben wagen. (Michael Hesse)

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