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Keine Toiletten, kein fließend Wasser: Gegenüber vom Alten Rathaus campieren Dutzende Migranten.

Sarajevo

Zwischenstopp für Migranten

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Der Park im Herzen der Stadt ist zu einem kleinen Flüchtlingslager geworden. Die meisten hier sind Paschtunen aus Pakistan, die weiter in den Norden reisen wollen.

Nachdem es geregnet hat, setzen sie sich auf das Geländer am Fluss Miljacka, um sich in der Sonne zu trocknen. Der Park mit den gelben Stiefmütterchen im Herzen von Sarajevo direkt gegenüber dem Alten Rathaus, der Vijecnica, ist seit ein paar Wochen ein Lager für Migranten auf dem Weg nach Mitteleuropa geworden. Jede Gruppe hat ihren Baum, die Pakistaner schlafen in der Mitte, weil es hier am meisten Platz gibt und sie die größte Gruppe darstellen. Die syrische Familie mit den fünf Kindern lagert ganz vorne, dort wo die Touristen vorbeigehen, um sich die Vijecnica anzusehen. Die meisten der etwa 60 Leute, die hier gestrandet sind, kommen von einem der griechischen Flüchtlingslager von den Inseln.

Viele von ihnen haben dort Monate, manche sogar zwei Jahre verbracht, bis sie sich entschlossen, noch einmal zu versuchen, nach Mitteleuropa zu gelangen. Die allermeisten sind junge Männer. Viele der Paschtunen aus Pakistan wollen nach Italien gelangen und dort untertauchen. Sie wissen, dass sie in Europa keine Chance haben, Asyl zu bekommen. Es sind Arbeitsmigranten, die 2016 aufgebrochen sind und schließlich in Griechenland landeten. Ursprünglich wollten sie alle nach Deutschland. Sie sind auf halbem Weg zu ihrem Ziel stecken geblieben, wollen aber nicht zurück nach Pakistan, bevor sie es nicht versucht haben. Viele können einfach nicht glauben, dass der Traum vom Leben in Deutschland zu Ende sein soll.

Karim, 34, ist mit dem 22-jährigen Akil aus Kaschmir unterwegs. Er hat in den Monaten im griechischen Flüchtlingslager von Akil sogar Urdu gelernt. Die beiden haben vor sechs Tagen in der Nähe des montenegrinischen Pljevlja die Grenze nach Bosnien-Herzegowina überschritten – illegal natürlich. Die meisten hier reisten über Griechenland nach Albanien, von dort nach Montenegro und dann nach Bosnien-Herzegowina. Viele sind tagelang marschiert und, wann immer es möglich war, mit dem Bus gefahren.

In Sarajevo warten sie, bis es Nacht wird und die Schlepper in den Park kommen, um sie dann nach Bihac an der kroatischen Grenze zu bringen. Von Bihac versuchen die Migranten in die EU zu gelangen.

„Wir haben gehört, dass die kroatischen Grenzbeamten sieben Pakistaner geschlagen und ihnen die Handys zertreten haben, als sie an der Grenze aufgehalten wurden“, erzählt Karim. Die kroatischen Beamten gelten als besonders strikt. Möglicherweise wollen die Grenzer auch verhindern, dass man in Österreich oder Deutschland anhand der Handy-daten den Weg der Migranten über Kroatien nachvollziehen kann. Denn dorthin könnten sie laut Dublin-Regeln dann auch wieder zurückgeschickt werden. Karim und Akil sind bereits daran gewöhnt, von der Polizei zurückgedrängt zu werden. „Erst beim vierten Mal ist es mir gelungen in der Nähe von Kontisa an der Grenze zu Albanien, mich durchzuschmuggeln“, erzählt Karim. „Und an der montenegrinisch-bosnischen Grenze wurde ich drei Mal abgefangen.“

Karim ist 2016 aus Pakistan aufgebrochen, er hatte dort zwei Kleider-Geschäfte, die er verkauft hat, um sich auf den Weg zu machen. Sein Freund Akil ist vor 18 Monaten aus Kaschmir weggegangen. Neben der Route über Albanien und Montenegro gibt es noch eine über Serbien, die die Migranten zurzeit nehmen. Sie kommen über Mazedonien nach Zentralserbien, meist über U?ice, und überqueren die bosnische Grenze hinter Mokra Gora, dort wo der Regisseur Emir Kusturica sein Ethno-Dorf gebaut hat.

Doch die Route über Albanien ist zurzeit die beliebteste. Auch die EU-Grenzschutzmission Frontex berichtet von einem Anstieg. Zwischen Griechenland und Albanien sind demnach im vierten Quartal 2017 um 83 Prozent mehr Migranten registriert worden als im Jahr zuvor. 2424 Personen wurden in diesem Quartal an dieser Grenze aufgegriffen. Zwischen Montenegro und Bosnien-Herzegowina haben die Versuche, illegal die Grenze zu überqueren, sogar um 122 Prozent zugenommen. Die Migranten versuchten „die bestehenden Sicherheitsmaßnahmen zu umgehen“, heißt es im letzten Frontex-Bericht über den Anstieg auf dieser Route.

In Bosnien-Herzegowina geht man sehr gelassen mit den Durchreisenden um. Viele Leute in Sarajevo meinen, man wisse gar nicht so genau, ob es sich um Touristen oder um Migranten handele, die am Abend herumsitzen. Manche der Migranten bleiben; sie schaffen es nicht über die Grenze nach Kroatien. Laut dem Frontex-Bericht stieg die Zahl jener, die sich längere Zeit ohne Papiere in den Balkanstaaten aufhalten, um 57 Prozent an. Insgesamt dürften sich ein paar Hundert Migranten in Bosnien-Herzegowina befinden.

Mittlerweile stehen im Park gegenüber dem Alten Rathaus auch ein paar Zelte, die sie sich gekauft haben. Eine Hilfsorganisation kommt täglich und bringt Wasser, Nahrung, aber auch Hygieneartikel vorbei. Deshalb liegen viele kleine Colgate-Tuben auf den grauen Decken unter dem Baum. Sie leuchten beinahe so kräftig wie die gelben Stiefmütterchen. Ein Problem ist allerdings, dass es hier im Park weder Toiletten noch fließendes Wasser gibt. Einige internationale NGOs haben sich deshalb kürzlich koordiniert, um zu klären, wer für die Sanitäranlagen sorgen soll. Der Park ist für die Migranten nur eine Zwischenstation. Sie registrieren sich alle in Bosnien-Herzegowina bei der Polizei und geben an, um Asyl ansuchen zu wollen – allerdings tun sie dies dann nicht. Nach der Registrierung dürfen sie 15 Tage legal im Land bleiben, keiner will sich auf Dauer dort niederlassen. „Es gibt ja keine Jobs hier“, sagt Karim.

Der bosnische Staat ist auf die Situation schlecht vorbereitet, das Flüchtlingslager in Trnovo ist heillos überfüllt. Aber die jungen Paschtunen wollen ohnehin nicht dorthin, weil es dort kein Handy-signal gibt, erzählen sie. Es fehlt auch an bosnischen Beamten, um die Grenzen zu sichern. Die EU-Grenzmission Frontex hat einige Beamte – unter anderem auf dem Flughafen in Sarajevo – entsandt. Die bosnische Regierung wurde – wie alle anderen Staaten in der Region – jüngst von der EU-Kommission aufgefordert, die Migranten wieder in ihre Herkunftsländer zurückzuschicken, bevor sie weiterwandern.

Doch es ist unklar, wie ein so armes Land wie Bosnien-Herzegowina, das nicht einmal über eigene Flugzeuge verfügt, dies bewerkstelligen soll. Die syrische Familie mit den fünf Kindern, die unter dem ersten Baum im Park in Sarajevo lagert, hat wohl noch die größte Chance, subsidiären Schutz zu bekommen. Sie wartet, bis sie die 400 Euro zusammengesammelt hat, um die Schlepper zu bezahlen. So viel kostet es zurzeit, wenn man ohne Papiere von Bosnien-Herzegowina nach Kroatien gelangen will.

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