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Ob Mélenchons Anhänger in Frankreich noch eine gemeinsame Zukunft sehen?

Frankreich

Zwischen Macron und Le Pen

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Den Parteien der ausgeschiedenen Kandidaten fehlt vor der Stichwahl in Frankreich jede Orientierung. Und die Orientierungslosigkeit der Politiker weitet sich auf die Wählerschaft aus.

Was eine Parteienlandschaft war, gleicht einem Trümmerfeld. Allenthalben treten Zerfallserscheinungen zutage. Ob konservative „Republikaner“, Sozialisten oder Jean-Luc Mélenchons „Unbeugsames Frankreich“: Alle haben sie nicht nur die erste Runde der Präsidentschaftswahlen verloren, sondern offenbar auch die politische Orientierung.

Tiefe Risse ziehen sich durch die bis zur Wahlniederlage noch halbwegs um Geschlossenheit bemühten politischen Lager. Die scheinbar so leicht zu beantwortende Frage, wie man sich im Stichwahlduell zwischen dem Sozialliberalen Emmanuel Macron und der Rechtspopulistin Marine Le Pen positionieren soll, erweist sich zumal bei „Republikanern“ wie „Sozialisten“ als ideologischer Sprengsatz.

Hier wie da gibt es Bestrebungen, es Macron nachzutun, zur Mitte zu rücken, sich als Verbündeter anzubieten, wenn nicht gar zu desertieren und zu Macrons Bewegung „En Marche!“ (Vorwärts!) überzulaufen. Hier wie da ertönen freilich auch Rufe, sich gegenüber dem Newcomer radikal abzugrenzen, entschlossen nach rechts oder eben links zu rücken.

So hat sich der im Lager der „Republikaner“ noch immer einflussreiche Altpräsident Nicolas Sarkozy am Mittwoch auf die Seite derer geschlagen, die Macron wählen wollen. Es sei ein Schritt, den er aus politischer Verantwortung tue, nicht weil ihn Macrons Projekt überzeuge, stellte er klar. Seine frühere Wohnungsbauministerin Christine Boutin verkündete per Twitter, sie habe sich für ein „revolutionäres Votum“ entschieden und werde Le Pen wählen.

Bei den Sozialisten (PS) geht der Riss am tiefsten. Von Ex-Premier Manuel Valls angeführte Sozialdemokraten reichen Macron freudig die Hand zur Zusammenarbeit. Gefolgsleute des in der ersten Wahlrunde mit 6,4 Prozent abgefertigten Linksaußen Benoît Hamon geißeln dies als Anbiederung und Verrat am linken Ideal. Allenfalls zähneknirschend räumen sie ein, dass an Macron kein Weg vorbei führe, wolle man Le Pen den Weg in den Elysée-Palast verstellen. Gut möglich, dass die PS an diesem Konflikt zerbricht.

Gemeinsam ist den Streitenden aller Lager, dass sie sich bei der Parlamentswahl  Mitte Juni machtvoll zurückmelden und in der Nationalversammlung mitreden wollen – sei es als zu „En Marche!“ übergelaufene Deserteure, als Koalitionspartner Macrons oder in der Opposition.

Während sich freilich sowohl Konservative als auch Sozialisten nicht zum ersten Mal über den Kurs ihrer jeweiligen Partei entzweien, sind die Orientierungsnöte des Linksaußen Mélenchon neu. Gefragt, ob er für die Stichwahl eine Empfehlung zugunsten Macrons oder Le Pen abgebe, hatte der sonst so entschiedene Anführer des „Unbeugsamen Frankreich“ Neutralität geübt, die Frage an die Gefolgschaft weitergereicht: Die Anhänger sollten online entscheiden.

Ein Blick in Mélenchons Programm offenbart den Grund des Zögerns. In der Sache steht der Ex-Sozialist Le Pen näher als Macron. Wie die Rechtspopulistin   zieht er gegen die EU zu Felde, will für sozial Schwache tief in leere Staatskassen greifen.

Am Mittwoch ließ Mélenchon dann durchblicken, dass ihm Le Pens Fremdenfeindlichkeit und Macrons EU-freundliche Haltung doch nicht gleich verdammenswert erscheinen. Er werde nicht offenbaren, wen er wählen werde, sagte Mélenchon. Er empfahl aber auch, „Le Pen keine Stimme zu geben“. Womit sich drei Optionen auftun: zum Zeichen der Unzufriedenheit mit dem Duo Macron – Le Pen einen ungültigen Stimmzettel abgeben, zu Hause bleiben oder Macron wählen.

Die Orientierungslosigkeit der Politiker weitet sich auf die Wählerschaft aus. Meinungsforscher dokumentieren die Zerrissenheit des Anhangs der in der ersten Wahlrunde ausgeschiedenen Kandidaten. So wollen laut einer Umfrage des Instituts Viavoice zwölf Prozent der Wähler Mélenchons für Le Pen stimmen, weitere 30 Prozent sind sich ihrer Entscheidung nicht sicher. Von den Wählern des Konservativen François Fillon tendieren 23 Prozent zu Le Pen, 32 Prozent sind unentschlossen. Nach wie vor prophezeien die Meinungsforscher Macron in der Stichwahl zwar einen klaren Sieg. Sie weisen aber auch darauf hin, dass die ihm vorhergesagten 60 Prozent „eine Momentaufnahme“ seien.

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