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„Stoppt den Genozid“, fordern diese Menschen in Nantes – und ja, sie meinen damit das Impfen. Foto: Gomis/afp
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„Stoppt den Genozid“, fordern diese Menschen in Nantes – und ja, sie meinen damit das Impfen.

Proteste in Frankreich

Corona-Beschränkungen in Frankreich: Zwischen Impfskepsis und Antisemitismus

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Macrons Pläne für einen Gesundheitspass spalten Frankreich. Zulauf für die Proteste kommt vor allem aus den Süden und aus der Peripherie.

Paris/Nantes - Im ersten Jahr der Coronapandemie hatten sich noch viele gewundert: Während in Deutschland die „Querdenker“ mobilisierten, gab es in Frankreich, dem Land des permanenten Protestes und der tief verankerten Impfskepsis, nur wenige Anti-Impfdemos. Erst die Ankündigung eines „Gesundheitspasses“ durch Präsident Emmanuel Macron zündete im Juli den Funken. In diesem Dokument werden Impfstatus, Genesenen-Nachweis und Testergebnisse vermerkt. Seither gehen jedes Wochenende rund 200-000 Impf- und Passgegner:innen – die Beteiligung stagniert auf hohem Niveau – in vielen Städten auf die Straße, um „Freiheit!“ zu skandieren. Konkret wenden sie sich auch gegen Einzelvorschriften wie etwa die Pflicht für Wirt:innen, sogar auf Terrassen einen Gesundheitspass zu verlangen.

„Liberté“ ist der einzige verbindende Slogan einer sonst sehr zusammengewürfelten Bewegung. Immer wieder gibt es offenen Zoff in der Menge. In Paris werden auch an diesem Samstag getrennte Umzüge organisiert. Die politischen Differenzen sind zu groß.

Impfgegner-Proteste in Frankreich: Nähe zu Gelbwesten und Hang zu Corona-Paranoia

Auffällig ist die soziologische Nähe der Impf(pass)gegner:innen zu den Gelbwesten. Viele stammen aus verarmten oder peripheren Gebieten namentlich der südlichen Landeshälfte – von der Côte d’Azur über die Provence bis in die Pyrenäen. Dort begegnet man allem, was aus Paris kommt, prinzipiell abweisend. So liegt im Midi auch die Impfrate bedeutend tiefer. Sie zeugt von einer tiefen Angst der Französinnen und Franzosen vor dem Impfen. Während man in der Hauptstadt stolz ist auf die Errungenschaften Pasteurs, erinnert man sich im Süden zuerst an die zahlreichen Medizinskandale (HIV-Blut, Mediator), die viele Menschenleben gekostet hatten.

Manche schüren dieses Misstrauen, bis daraus Paranoia wird. Und Antisemitismus. Während eines Umzugs in Besançon wandte sich Mitte August ein Transparent gegen den „Genozid der Goyim“ (Nichtjuden). Andernorts stecken sich Demonstranten den gelben Judenstern an, um sich als Verfolgte zu geben.

Offener Judenhass in Frankreich: Protestierende suchen Drahtzieher hinter Coronakrise

Beliebt ist die verklausulierte Frage: „Wer?“ Ein pensionierter General und Le-Penist hatte am französischen Fernsehen insinuiert, hinter der Covid-Krise und der Impflobby steckten die Juden. Er sprach zwar nur von „einer Gemeinschaft, die Sie kennen“, als ihn ein Journalist darauf ansprach und wiederholt fragte: „Mais qui?“ – wer denn? Die ehemalige Le-Pen-Gefolgsfrau Cassandre Fristot führte dann aber in Metz ein Transparent mit, auf dem die Frage „mais qui?“ von den Namen jüdischer Franzosen umgeben war: Ex-Premier Laurent Fabius, TV-Besitzer Patrick Drahi, George Soros, Regierungssprecher Gabriel Attal, Philosoph Bernard-Henri Lévy, um nur ein paar zu nennen. Fristot muss Mitte September wegen Anstachelung zum Judenhass vor Gericht. Die Frage „mais qui?“ hat sich in den sozialen Medien und bei Impfgegner:innen aber bereits als Chiffre für die angeblichen Drahtzieher:innen hinter der Covid-Krise etabliert.

Macrons Name fand sich – vielleicht wegen seiner früheren Tätigkeit für die Bank Rothschild – ebenfalls auf dem Plakat. Er bildet für die heterogenen Impfgegner:innen einen noch stärkeren Kitt als der Antisemitismus. Bei den Demos und in den sozialen Medien brandet dem Präsidenten regelrechter Hass entgegen.

Gesundheitspass als Mittel gegen die Corona-Pandemie: Macrons Vorstoß spaltet Frankreich

An sich könnte er darüber hinwegsehen: Seit ein paar Monaten schlägt er sich an der Covid-Front besser als im vergangenen Jahr, seine Umfragewerte steigen wieder. Gut ein halbes Jahr vor den nächsten Präsidentschaftswahlen ist das nicht unerheblich. Aber es ist auch trügerisch. Selbst die Macron-Fans müssen zugeben, dass der abgehoben agierende Präsident die Nation mit dem Gesundheitspass weiter gespalten hat.

Zwar dürfte er sich dank der schweigenden Mehrheit im Land gegen die „Anti-Vaccin“ durchsetzen. Neue politische Scherben und zwei unversöhnliche Lager wären aber unvermeidlich. Zahlreiche ehemalige Macron-Wähler:innen von 2017 dürften sich fragen, ob sie ihm bei Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühling nochmals die Stimme geben wollen, wenn sie damit riskieren, dass Frankreich damit noch ganz auseinanderfällt. (Stefan Brändle)

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