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Mundial heißt weltumspannend: Teilnehmerinnen am diesjährigen Weltsozialforum in Porto Alegre, das an diesem Sonntag zu Ende geht.
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Mundial heißt weltumspannend: Teilnehmerinnen am diesjährigen Weltsozialforum in Porto Alegre, das an diesem Sonntag zu Ende geht.

Globalisierungskritiker

Zwischen Idealismus und Partystimmung

  • Wolfgang Kunath
    VonWolfgang Kunath
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In Porto Alegre tagen die Globalisierungskritiker. Ihre Bewegung ist in die Jahre gekommen, die neuen Protestbewegungen wie der Arabische Frühling oder Occupy kommen kaum vor.

Man kann sich die Welt natürlich auch zurechtbiegen. „Schutz der Umwelt“, steht auf dem Spruchband, das die Kommunistische Partei Brasiliens zu der Demonstration mitgebracht hat, mit der traditionell das Weltsozialforum der Globalisierungskritiker eröffnet wird. Die Forderung erstaunt wenig – erstaunlich ist bloß, dass die KP es wagt, das Wort Umweltschutz überhaupt noch in den Mund zu nehmen. War es nicht ihr Genosse Aldo Rebelo, heute Sportminister unter Präsidentin Dilma Rousseff, der das neue Waldgesetz verantwortet hat, das ganz im Sinne der Agrarlobby ausgefallen ist? „Völlig falsch!“, schreit einer der Demonstranten, „Aldo hat Kompromisse schließen müssen, so ist das eben in der Demokratie!“ Ach, so soll man das sehen.

Man kann sich die Welt natürlich auch vereinfachen, selbst wenn bei einer so grobkörnigen Abbildung die Debatten ziemlich langweilig werden. Jetzt sind die USA und Europa in der Krise – da triumphiert die lateinamerikanische Linke, die ja stets auch nationalistisch gewesen ist. „Jetzt können sie von uns lernen, weil heute wir die Regierungen haben, die sich um die Völker kümmern“, wettert eine Vertreterin der Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas. Hugo Chávez als Vorbild für Europa? Man erfährt immer noch etwas Neues.

Und man kann die Welt natürlich auch als Spaßveranstaltung ansehen. Im Demonstrationszug in Porto Alegre fährt tatsächlich ein Lastwagen mit, auf der eine Musikgruppe Karnevals-Sambas spielt – womöglich mit politischen Texten, aber die versteht sowieso keiner beim Mittanzen. „Zu viel Party, zu wenig Idealismus“, murrt ein pensionierter Bankbeamter, der dem Zug zuschaut. Er hat in den 80er-Jahren als Studentenführer bei den Demonstrationen mitgemacht, die das Ende der Militärherrschaft besiegelten. Da war von Spaßgesellschaft noch keine Rede.

Nichtigkeiten und Wichtigkeiten

Aber glücklicherweise führt der Treibsand der ideologischen Nichtigkeiten auch jede Menge Goldkörnchen mit sich: Information und Wissen, Nachdenken und Abwägung, Kontakt und Vernetzung. Mehr als 900 Veranstaltungen gibt es binnen sechs Tagen. Zum Beispiel diese über Brasiliens Atompolitik: Das Land baut gerade seinen dritten Reaktor und plant den vierten. Die Öffentlichkeit lässt das erstaunlich kalt: Keine Debatte, keine Proteste – gerade so, als würde eine Bonbonfabrik errichtet. Dass Deutschland – Atomausstieg hin, Atomausstieg her – dieses Geschäft mit einer Exportbürgerschaft in Milliardenhöhe absichern will, weil die deutsche Niederlassung der französischen Atomfirma Areva den Reaktor liefert, ist in Brasilien natürlich eher eine Marginalie.

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat die winzigen Grüppchen der AKW-Gegner zusammengebracht, eine Studie über die Auswirkungen des Uranabbaus finanziert und ein Seminar organisiert, das am Ende rappelvoll ist. Hier entsteht sogar ein intensiver, stiller Moment der Betroffenheit, nämlich als Odesson Alves Ferreira seine Hände zeigt. 1987 fasste er aus Unkenntnis eine winzige Cäsium-137-Kapsel aus einem ausrangierten Bestrahlungsgerät an. Jetzt fehlt ihm ein Zeigefinger, an der anderen Hand hat er eine Geschwulst fast so dick wie der Handteller.

Nichtigkeit und Wichtigkeit haben sich beim Forum immer schon gemischt, ebenso wie das organisatorische Durcheinander seine Folklore ausmachte. Dennoch wirkt das Treffen der alternativen Bewegungen aus aller Welt in diesem Jahr etwas verpeilt, akademisch, steril. Nicht nur, weil es ein sogenanntes thematisches Forum ist und in den Hörsälen der Staatlichen Universität von Porto Alegre stattfindet, so dass viele aus der bunten sozialen Szene gar nicht gekommen sind. Es fehlt mehr. Und Wichtiges.

Die neuen Protestbewegungen – der Arabische Frühling, die „Empörten“ aus Spanien, die Occupy-Wall-Street-Bewegung – sie kommen in Porto Alegre kaum vor. „Sind wir zu behäbig geworden?“, fragt sich Jürgen Riedel vom Evangelischen Entwicklungsdienst, der im Rat des Forums sitzt. „Solche Bewegungen bilden wir doch gar nicht mehr ab.“

Tatsächlich sind die, die sich im Internet zusammenraufen, absichtlich auf eine Struktur verzichten, kaum langfristige Ziele verfolgen und dennoch das zurzeit aktivste Protestpotential weltweit darstellen, schwach vertreten. Die zur Mittagessenszeit angesetzten, nur als „Erzählung und Dialog“ angekündigten Begegnungen mit einigen Aktivisten der Protestbewegungen wirken, als seien sie nur halbherzig ins Programm hineingeschoben worden. Langatmig berichten zwei Vertreter aus Spanien und zwei aus Griechenland, was seit Monaten in der Zeitung steht – von Aussichten, von Zukunft, von Strategien ist erstmal keine Rede.

Der portugiesische Soziologe Boaventura de Sousa Santos, einer der Gründerväter des Forums, sieht die Gefahr, dass „wir ohne Mission dastehen“, wenn das Forum mit den neuen Protest-Trägern nicht ins Gespräch komme. „Sie haben kein Geld, sie haben keine Ziele, sie wissen nur, wogegen sie sind und nicht wofür“, sagt Sousa Santos. „Das Forum könnte ihre Dynamik aufnehmen.“ Aber ist es so einfach? Lassen sich die Probleme der europäischen Krisenopfer wirklich mit denen der 1,3 Milliarden Menschen vergleichen oder gar verbinden, die in absoluter Armut leben und sozusagen die klassischen Objekte der Forums-Debatten sind? Achselzuckend merkt ein Teilnehmer an: „Einer absteigenden Mittelklasse sind die ökologischen Probleme, die uns bewegen, doch egal.“

Was das Forum in dieser Hinsicht bewegt, ist die Vorbereitung auf den Umwelt-Gipfel der Staats- und Regierungschefs Ende Juni in Rio de Janeiro. Die Staaten haben im vergangenen Jahr ihre Vorschläge an die UN geschickt, und die hat daraus einen Entwurf für eine Abschlusserklärung destilliert, bei dem vielen Forumsteilnehmern die Haare zu Berge stehen. Denn anders als bei den freilich auch nicht besonders erfolgreichen Klima-Verhandlungen sieht der Entwurf keinerlei Grenzwerte, keinerlei konkrete Ziele vor.

Nach der Nachhaltigkeit

Dass die Ressourcen immer knapper werden, dass ihre Erschließung immer mehr Geld kostet, dass der Zugriff auf sie immer mehr zu einer Machtfrage wird: nichts davon spiegelt der Entwurf wider. „Grünes Wirtschaften“ heißt sein Schlagwort, aber das, so höhnt ein Forumsteilnehmer, sei nur ein neues Modewort für „Nachhaltigkeit“, das auch keiner mehr hören könne.

Brasilien – als Gastgeber wie als sechstgrößte Wirtschaftsmacht der Welt – wird eine wichtige Rolle auf dem Gipfel spielen. In Porto Alegre hat sich Staatspräsidentin Rousseff immerhin mit dem Internationalen Rat des Forums zusammengesetzt. „Inhaltlich ging sie auf Konfrontationskurs zu uns“, sagt Ratsmitglied Riedel, „sie hat keinen einzigen ökologischen Akzent gesetzt.“ Die Präsidentin argumentiere, sie brauche Wachstum, um sozial umverteilen zu können – „dass ökologisches Umsteuern nicht Minuswachstum bedeutet, versteht sie nicht“. Und das, sagt Riedel kopfschüttelnd, sei schon „beachtlich für eine Staatschefin, deren Land diese Konferenz ausrichtet“.

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