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In Frankreich haben nicht zuletzt Protestaktionen und Demonstration das Thema Femizid - die Ermordung von Frauen, weil sie Frauen sind - verstärkt ins Bewusstsein gerückt.

Femizide in Frankreich

Zwischen Gewalt und Ganztagsjob

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Zwar klappt die Vereinbarkeit von Kind und Karriere für die meisten Französinnen ohne Probleme. Doch es gibt auch häusliche, mitunter tödliche Gewalt gegen Frauen, die Tausende Menschen auf die Straßen treibt. Zwei Pariserinnen berichten.

Mehr als 120 Frauen werden in Frankreich jährlich von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet. Das bedeutet, dass mindestens an jedem dritten Tag ein Mann seine Frau ersticht, erschießt oder erwürgt, weil es Streit gibt oder sie sich trennen will, wie Statistiken des Innenministeriums zeigen. Ein Problem, das Sandrine Bouchait nicht bewusst war – bis zum Morgen des 23. September 2017.

An diesem Tag erhielt Sandrine Bouchait eine Nachricht vom Bruder des Lebensgefährten ihrer Schwester. Diese wohnte mit ihrem Freund und der gemeinsamen Tochter in einem Vorort südwestlich von Paris, nur wenige Kilometer von Bouchait entfernt. In der Wohnung der Familie habe es gebrannt, berichtete der Bruder. Alle drei würden im Krankenhaus behandelt. Mehr habe er nicht erzählt.

Sofort kontaktierte sie die Polizei und fuhr zusammen mit ihrer Mutter aufs zuständige Kommissariat. Die alte Frau musste in einem Wartezimmer Platz nehmen, Bouchait selbst wurde eine halbe Stunde lang vernommen. Dann habe sie gefragt: „Ich verstehe nicht. Hat meine Schwester geschlafen, als das Feuer ausbrach? Warum ist sie nicht geflohen?“ Daraufhin habe man ihr gesagt, dass ihre Schwester von ihrem Partner erst geschlagen, dann mit Benzin übergossen und angezündet wurde. Die damals siebenjährige Tochter habe alles mit angesehen.

Sandrine Bouchait (links) will Familien von Opfern häuslicher Gewalt helfen.

„Erst da habe ich begriffen“, so Bouchait. Sie eilte zu ihrer Mutter und fand diese in Tränen aufgelöst. Nachbarn, die von der Polizei vorgeladen worden waren, hatten bereits berichtet, was passiert war. Die Beamten hätten keinerlei Mitgefühl gezeigt, erinnert sich Bouchait: „Man hat uns verabschiedet, ohne uns irgendwelche Hilfe zu geben. Wir waren vollkommen auf uns allein gestellt.“ Ihre Schwester erlag tags darauf ihren Verletzungen.

Heute berichtet die 45-Jährige mit fester Stimme von den Ereignissen. Sie hat einen Anwalt engagiert, ein vorübergehendes Fürsorgerecht für ihre Nichte erwirkt. Sie hat sich um einen Therapieplatz für sie, sich selbst und ihren zehnjährigen Sohn gekümmert. Im ersten Jahr nach dem Tod ihrer Schwester habe sie funktioniert „wie ein Roboter“. Irgendwann sei sie zusammengebrochen.

Sandrine Bouchait betreut als Tagesmutter Kinder, aber seit vergangenem Sommer ist sie krankgeschrieben. Allerdings kommt sie auch ohne Job nicht zur Ruhe. Zusammen mit anderen Angehörigen von Opfern häuslicher Gewalt hat sie eine Hilfsorganisation für betroffene Familien gegründet, die „Union Nationale des Familles du Féminicide“, kurz UNFF. Als deren Vorsitzende gibt sie inzwischen ein Interview nach dem anderen, das Thema ist derzeit sehr präsent. „Frankreich wacht ein bisschen auf“, sagt Bouchait.

Zwei Jahre nach dem Tod ihrer Schwester wird so gut wie jedes Todesopfer in den Medien vermeldet und auch der Ton der Berichterstattung ist anders geworden. Statt noch wie vor einigen Jahren von „Familiendramen“ zu sprechen, ist das Wort „Femizid“ – laut Weltgesundheitsorganisation die Ermordung einer Frau, weil sie eine Frau ist – inzwischen geläufig. Frankreich liegt mit einer Rate von 0,18 Femiziden pro 100 000 Einwohnern laut Eurostat-Zahlen im europäischen Mittelfeld.*

Das Thema treibt viele um: Im November 2018 demonstrierten Zehntausende gegen sexuelle und sexistische Gewalt. Auch Ende November 2019 gab es einen Marsch, wieder liefen Zehntausende mit. Die Regierung berief einen runden Tisch ein, an dem Politik, Polizei, Angehörige und Hilfsorganisationen zusammenkommen, um darüber zu beraten, wie Gewalt gegen Frauen besser bekämpft werden kann. Außerdem wurden Sofortmaßnahmen angekündigt: 1000 zusätzliche Plätze sollen in Notunterkünften für Frauen geschaffen werden. Zudem sollen die Abläufe bei der Polizei, die Ermittlungen und der Umgang mit Opfern und Angehörigen überprüft werden.

Wie emanzipiert ist Europa?

FR-Reihe in Kooperation mit DEINE KORRESPONDENTIN 

 
Für die Serie „Wie emanzipiert ist Europa?“ arbeitet die Frankfurter Rundschau mit dem Netzwerk „deine-korrespondentin.de“ zusammen. Für das digitaleMagazin, das 2015 von Chefredakteurin Pauline Tillmann gegründet wurde, berichten zehn Korrespondentinnen aus der ganzen Welt über spannende, starke Frauen. Bis Februar werden die Autorinnen alle 14 Tage aus einem anderen europäischen Land über die Situation der Frauen berichten. In der nächsten Folge geht es um den Stand der Emanzipation in Deutschland. 

Doch die Maßnahmen träfen die Falschen, kritisiert Bouchait – nicht die Frauen sollten in Notunterkünfte fliehen müssen, sondern die Männer aus dem gemeinsamen Heim verbannt werden. Und sie dauerten zu lange: Bis die Polizeiarbeit evaluiert sei, würden weitere Frauen sterben. Dabei wüssten Angehörige und Opfer bereits jetzt was schieflaufe.

Sandrine Bouchaits will mit ihrer Hilfsorganisation UNFF die Dinge deshalb selbst in die Hand nehmen und eine Anlaufstelle für Angehörige sein, ein Netzwerk aus Psychologinnen und Anwältinnen aufbauen und sich dafür einsetzen, dass Polizistinnen und Polizisten für den Umgang mit Angehörigen und Opfern sensibilisiert werden. „Für meine Schwester kann ich nichts mehr tun,“ sagt Bouchait, „aber ich kann versuchen, die Zahl der Morde langfristig zu verringern.“ Bei der Bekämpfung der Femizide habe Frankreich noch ein gutes Stück Arbeit vor sich.

Insgesamt rangiert Frankreich laut EU-Gleichberechtigungsindex in puncto Emanzipation von Frauen und Männern auf einem vorderen Platz. Nur Schweden und Dänemark schneiden besser ab. Bei der Verteilung der Machtpositionen liegt es sogar auf Platz zwei – in der Wirtschaft und in Unternehmensvorständen gibt es nirgendwo in Europa mehr mächtige Frauen. Gleichzeitig ist Frankreich mit 1,9 Kindern pro Frau seit Jahren europäischer Spitzenreiter bei der Geburtenrate. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheint also relativ gut zu funktionieren.

Dieser Meinung ist auch Claire Garnier. Die 36-Jährige sitzt in einem Restaurant im lässig-schicken 3. Pariser Arrondissement. Ihr Arbeitgeber, das Picasso-Museum, eines der wichtigsten Kunsthäuser der Stadt, liegt direkt gegenüber. Die zweifache Mutter ist eine von zwei Frauen im vierköpfigen Direktorium. Über ihr stehen nur der Präsident und der Generaldirektor. „Ob ich jemals gezögert habe, Kinder zu kriegen, weil das meine Karriere beeinflussen könnte? Nein“, sagt sie.

Garnier hat erst am Pariser „Institut für politische Studien“ studiert, eine der „Grandes Écoles“ genannten Eliteschmieden des Landes, anschließend Kunstgeschichte an der Pariser Universität Sorbonne. „Meine Freunde erinnern mich oft daran, dass ich gesagt habe, ich wolle Präsidentin des Centre Pompidou werden“, sagt sie. In dem berühmten Pariser Museum arbeitete sie während und nach dem Studium. 2014 folgte sie ihrem damaligen Chef ans Picasso-Museum, hochschwanger mit ihrer ersten Tochter. Etwa drei Monate nach der Geburt begann sie wieder zu arbeiten und wurde zur stellvertretenden Direktorin befördert.

Die Tagesmutter ist „die Stütze unseres Systems“, sagt Claire Garnier.

Im November 2017 wurde ihre zweite Tochter geboren, wenige Monate später kehrte Garnier in ihren Job zurück – so wie beim ersten Mal in Vollzeit. Sein Kind wenige Wochen nach der Geburt in eine Ganztagsbetreuung zu geben, das ist in Frankreich normal und für viele finanziell notwendig. Der Grund: Frauen haben Anspruch auf nur sechs Wochen bezahlten Mutterschutz vor der Geburt und zehn Wochen danach. Väter können elf Tage Sonderurlaub nehmen. Danach können beide zusammen maximal drei Jahre Elternzeit nehmen, allerdings ohne Lohnfortzahlung.

Auch Garniers Lebensgefährte arbeitet 100 Prozent. Er ist als Führungskraft in einer kleinen Firma beschäftigt, in der es schwierig sei, weniger zu arbeiten, sagt Garnier. Sie habe nie daran gedacht, in Teilzeit zu gehen, auch wenn sie zugibt: 2015, das Jahr, in dem ihre erste Tochter gerade geboren war und sie einen neuen Posten antrat, habe sie sich ständig gefühlt „wie im Schleudergang“. Nach der Geburt ihrer zweiten Tochter sei sie wegen stressbedingter Schmerzen mehrere Monate krankgeschrieben gewesen. Dennoch schalte sie nie ab und erlaube sich nicht, mal einen halben Tag frei zu nehmen: „Es gibt einfach immer zu viel zu tun.“

Frauen und Männer – wie sollen sie in Zukunft zusammenleben? Gleichgestellt und ebenbürtig, klar. Aber was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Antworten auf diese Fragen gibt das aktuelle Buch der Frankfurter Rundschau, das aus der FR-Serie „Jahr der Frauen“ entstand. Ein Buch, das sich als Ermunterung versteht für ein Zusammenleben, in dem Frauenfragen als das behandelt werden, was sie sind: Menschheitsfragen, die uns alle angehen.Bascha Mika und Nadja Erb (Hg.): Mut – Für einen Feminismus, der allen gut tut. Societäts-Verlag. 320 S., 18 Euro.

Ihre Töchter sieht sie in der Regel eine Stunde am Tag. Sie werden von halb neun bis halb sieben Uhr abends betreut. Die Vierjährige geht zur Vorschule, wo sie auch nach Unterrichtsschluss bleiben kann. Um die Zweijährige kümmert sich eine Tagesmutter, in Frankreich „Nounou“ genannt. Die meisten Kinder, die in Frankreich nicht von ihren Eltern betreut werden, sind bei einer Tagesmutter untergebracht, am zweithäufigsten in der Krippe. Zwar würden gerne mehr Französinnen ihre Kinder in solche Einrichtungen geben, aber offiziellen Schätzungen zufolge fehlen landesweit mehr als 200.000 Plätze.

Auch Garnier hat für ihre ältere Tochter vergeblich nach einer Krippe gesucht; fand dann die „Nounou“ und ist damit mittlerweile sehr zufrieden. Denn mit diesem Modell sei sie sehr flexibel – „Die Nounou ist die Stütze unseres ganzen Systems.“ Die Familie bezahlt der Tagesmutter, die insgesamt drei Kinder betreut, rund 800 Euro im Monat. Ihre Sozialabgaben zahlt der Staat. Im Nachhinein bekommen Garnier und ihr Partner wiederum den Mindestsatz von 175 Euro zurückerstattet, bedürftige Familien erhalten mehr.

Ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Kinder unter der Woche kaum sehe, habe sie nicht. Claire Garnier sagt: „Ich weiß, dass es Frauen gibt, die es nicht gut finden, dass es jemanden gibt, der sehr viel mehr Zeit mit ihren Kindern verbringt als sie selbst. Aber ich finde es super, dass meine Kinder auch zu anderen Erwachsenen eine feste Bindung haben.“ Ihre Rolle als Mutter mache ihr deshalb keiner streitig.

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