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Denkmal in DC: Nicht nur am Martin-Luther-King-Day wird an den Bürgerrechtler erinnert.

USA

Zwischen Aufbruch und vererbter Armut

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Ein halbes Jahrhundert nach dem Mord an Martin Luther King sind Afroamerikaner noch immer benachteiligt

MLK, wie Martin Luther King in Amerika kurzerhand genannt wird, ist in der US-Hauptstadt Washington an vielen Orten präsent. Ein halbes Jahrhundert nach dem Mord an dem berühmten Bürgerrechtler zählt sein Denkmal in West Potomac Park zu den beliebten Stationen vieler Touristengruppen. Bekannt ist auch die gleichnamige Hauptverkehrsstraße, die direkt in das historische Zentrum des Stadtteils Anacostia führt. Hier, in Sichtweite des Kapitols, bündeln sich die unterschiedlichsten Entwicklungen in der afroamerikanischen Gemeinde wie unter einem Brennglas.

Da sind die Überreste des einstigen Elendsviertels, das in den zurückliegenden 30 Jahren vor allem mit unzähligen Schießereien und Drogenhandel für Schlagzeilen sorgte, und da sind die vielen Baustellen und frisch sanierten Häuser, die erste Hinweise auf den radikalen Umbruch geben.

„Anacostia ist eine Goldmine“, sagt Stanley Jackson, Chef der „Anacostia Economic Development Corporation“. In dem traditionsreichen Stadtteil, der größtenteils von Afroamerikanern bewohnt wird, herrscht Aufbruchstimmung: Demnächst eröffnen Starbucks, die Chase Bank und andere Firmen ihre erste Filialen östlich des Anacostia-Flusses. Auch steigen die Grundstückspreise jährlich um fast 30 Prozent, da es vor allem die jungen Millennials in das Schwarzenviertel zieht. „Die düstere Zeit in unserer Gemeinde ist vorbei“, sagt Jackson. Ein Boom, der noch an Fahrt gewinnen dürfte, sobald der Amazon-Konzern sein neues „Hauptquartier“ eröffnet, das nur 15 Autominuten von der MLK-Avenue entfernt gebaut wird. Da sich die Grundstücke überwiegend im Besitz von alteingesessenen schwarzen Familien befinden, verändern sich die Vermögensverhältnisse in dem bisher so armen Viertel fast schlagartig.

Die sich aufhellende Stimmung ist aber nicht allein den steigenden Immobilienpreisen geschuldet: Ausgerechnet unter Donald Trump ist die Arbeitslosigkeit unter Afroamerikanern auf ein historisches Tief gesunken. Im Wahlkampf 2016 hatte der damalige Präsidentschaftskandidat mit eigenwilligen Worten um die Stimmen der Schwarzen gebuhlt: „Was habt ihr denn zu verlieren? Schlimmer kann es für euch nicht werden. Dann könnt ihr es auch mit mir versuchen.“

Dass das Urteil über den Präsidenten, der sich gemeinhin als Interessenvertreter der (weißen) Arbeiterschaft gebärdete, in Anacostia recht differenziert ausfällt, liegt jedoch nicht allein in der guten Wirtschaftsentwicklung begründet. Für Aufsehen sorgt hier nicht zuletzt seine Strafrechtsreform. Von den neuen Regelungen, die stärker auf Rehabilitation und niedrigere Haftzeiten setzen, profitieren Afroamerikaner überproportional. So sind knapp 40 Prozent der mehr als zwei Millionen Gefängnisinsassen in den USA schwarz, obwohl Afroamerikaner nur zwölf Prozent der Bevölkerung ausmachen. Barack Obama war mit einem ähnlichen Vorstoß im Kongress gescheitert, und nun ist es überraschenderweise Trump, der vielen Häftlingen und ihren Angehörigen neue Hoffnung gibt.

All die positiven Ansätze können die bestehende Unwucht jedoch nicht ausgleichen. Das lässt sich auch in Washington beobachten. Wie Stephen Glaude von der „Coalition for Nonprofit Housing“-Gesellschaft erklärt, liegt die Armutsquote in Anacostia mit 35 Prozent doppelt so hoch wie in der gesamten Hauptstadt. Die Hintergründe seien hinreichend bekannt: Da die Ausstattung der Schulen zum Teil von der Finanzkraft in der unmittelbaren Nachbarschaft abhängig sei, gebe es eine strukturelle Benachteiligung der schwarzen Schüler. Die schlechten Bildungschancen würden dazu beitragen, dass sich die Armut von einer Generation auf die nächste vererbe.

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