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Ein Standbild soll die beiden Tatverdächtigen im Skripal-Fall zeigen. Das Foto wurde von der britischen Polizei zur Verfügung gestellt (Archivbild).

Russland

Zweiter Tatverdächtiger identifiziert

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Beim mutmaßlichen Attentäter im Fall Skripal handelt es sich um Alexander Mischkin. Er soll ebenfalls Agent des Militärgeheimdienstes sein. Der Kreml schweigt zu den Vorwürfen.

Diesmal passen der Vorname und Geburtsdatum: Die britische Recherche-Plattform Bellingcat und die russische Internet-Zeitung The Insider veröffentlichten am Montagabend den Namen des zweiten Tatverdächtigen im Fall Skripal: Bei dem mutmaßlichen Attentäter, der im März unter dem Namen Alexander Petrow nach Großbritannien eingereist war, handelt es sich demnach um Doktor Alexander Mischkin, einen Offizier des Militärgeheimdienstes GRU. Laut Bellingcat wurde er an der Kirow-Militär-Akademie in Sankt Petersburg zum Arzt der Kriegsmarine ausgebildet, erhielt zwischen 2007 und 2010 in Moskau eine zweite Identität als Alexander Petrow, bereiste danach eifrig das Ausland, wie sein mutmaßlicher Komplize, der GRU-Mann Anatoli Tschepiga alias Ruslan Boschirow. Und wie er soll auch Mischkin von Wladimir Putin persönlich als „Held Russlands“ ausgezeichnet worden sein, vermutlich für Einsätze bei der Evakuierung des 2014 gestürzten ukrainischen Staatschefs Viktor Janukowitschs und während der Annexion der Krim.

Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte am Dienstag, man werde sich auf keine Diskussionen mit Medien oder NGOs einlassen. Bellingcat veröffentlichte auch mehrere Passfotos Mischkins, die Aufnahmen vom ihm, beziehungsweise seinem Alias Petrow, von Überwachungskameras am Tatort sowie den Aufnahmen im russischen Fernsehen stark ähneln. Der Kreml-nahe Politologe Alexei Muchin zweifelt allerdings im Gespräch mit der FR an deren Echtheit: „Die angeblichen Passkopien wurden ganz offensichtlich per Fotoshop manipuliert, das Foto dabei auf einen Pass mit Mischkins Daten aufgelegt.“

Bellingcat wird als Quelle in Frage gestellt

Auch der staatliche Nachrichtensender Westi 24 stellte Bellingcat als Quelle infrage: Die Briten stützten ihre journalistischen Ermittlungen immer wieder auf Angaben aus sozialen Netzen und Fotos unbekannter Herkunft. Die Recherchegruppe Bellingcat bezeichnet ihre Methode selbst als „online-investigativ“. Sie wurde vor allem mit Veröffentlichungen zum Abschuss der malaysischen Boeing MH 17 über dem Kriegsgebiet im ostukrainischen Donbass 2014 bekannt. Damals entdeckte Bellingcat im Internet als Erster Fotos des Buk-Raketensystems, der nach Ansicht der Journalisten das Passagierflugzeug beschoss und vorher aus Russland herangeschafft worden war. Eine internationale Ermittlergruppe unter Leitung der niederländischen Staatsanwaltschaft bestätigte diese Version.

Wie damals stützen auch jetzt Recherchen anderer Medien die Ergebnisse Bellingcats. So berichtete am Dienstag die BBC aus dem Dorf Loiga in der nordrussischen Region Archangelsk, wo Mischkin laut Bellingcat 1979 zur Welt kam, aufwuchs und als Jugendlicher den DJ im Jugendklub machte. Der Dorfbewohner Denis Krasnow erkannte gegenüber der BBC Mischkin sowohl auf den umstrittenen Passfotos wie auf britischen Visa-Fotos des angeblichen Petrows. Solche Zeugen hatten zuvor die „New York Times“ und die russische Zeitung „Kommersant“ auch in dem Dorf Beresowka im Amur-Gebiet entdeckt, wo Anatoli Tschepiga seine Kindheit und Jugend verbracht haben soll.

Ein ehemaliger Offizier der Moskauer Polizei sagte der FR, es sei erkennbar, dass Tschepiga und Mischkin mit Boschirow und Petrow identisch sind. „Allerdings ist damit noch nicht bewiesen, dass sie das Nervengift wirklich auf der Türklinke am Haus des russischen Ex-Geheimagenten platziert haben.“ Sie seien an der Tat beteiligt gewesen, aber vielleicht in einer anderen Funktion. Bellingcat verweist auf die Ansicht mehrerer Experten, Mischkins Einsatz sei kein Zufall: „Ein Arzt im Team ist zwingend notwendig, wenn es gilt, das Zielobjekt zu vergiften.“

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