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Das Elternhaus von Berthold Boldes, er selbst in weiß auf dem Arm eines Kindermädchens. Hier lebte die Familie bis zur Zwangsversteigerung des Hauses 1937. Die Geschwister von Berthold emigrierten nach Palästina und England.
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Das Elternhaus von Berthold Boldes, er selbst in weiß auf dem Arm eines Kindermädchens. Hier lebte die Familie bis zur Zwangsversteigerung des Hauses 1937. Die Geschwister von Berthold emigrierten nach Palästina und England.

60 JAHRE DANACH

Die zweite Rettung

Berthold Boldes' Eltern wurden im Konzentrationslager ermordet, wovon er erst nach dem Krieg erfuhr. Berthold wurde mit Hilfe seines Schwagers nach Dänemark in Sicherheit gebracht, im Oktober 1943 aber von den deutschen Besatzern ins KZ Theresienstadt deportiert.

Was mir damals gut tat war die Rede des dänischen Königs an sein Volk: Wir sollten Ruhe bewahren, die politische Hoheit verbleibe bei den Dänen und er habe das letzte Wort. Nur die militärische Besatzung, die müssten wir nun dulden. Dänemark blieb also in Teilen selbstständig bis zum Oktober 1943.

Zuvor war der dänische Widerstand stetig angewachsen. Es gab Sabotage und ähnliches. Die Antwort der Wehrmacht waren Geiselerschießungen von zufällig ausgesuchten Zivilisten. Der Widerstand ging jedoch weiter. Also haben die Deutschen schließlich die dänische Regierung und den König auch politisch entmachtet. Die gesamte dänische Polizei wurde verhaftet und die meisten ins KZ Neuengamme deportiert. Dadurch fielen den Deutschen die gesamten Akten der Polizei in die Hände. Hitler hatte mir ja die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Also war ich bei der dänischen Fremdenpolizei als Staatenloser registriert. Das war unser großer Nachteil, als die Deutschen im Oktober mit den Judenrazzien anfingen. Vorher hatten sie schon verlangt, dass wir mit Judensternen rumlaufen sollten. Da hat der König widersprochen und gesagt: "Wenn Ihr das erzwingt, dann trage ich den ersten Stern." Das hat er auch gemacht.

Der Befehl lautete: Geld, Schmuck und Uhren ins KZ mitbringen

Dann kam die Nacht vom 5. auf den 6. Oktober. Ich wurde von meinem Bauernhof abgeholt und auf einen offenen Lastwagen verfrachtet, bewacht von Militär mit Maschinenpistolen. Ich durfte nur einen kleinen Koffer packen, aber sie befahlen mir ausdrücklich, alles an Geld, Schmuck, Uhren mitzunehmen. Das war ein Befehl! Aber Kleidung, nur das Nötigste. Wir sind dann nach Vejle auf die deutsche Feldgendarmerie gebracht worden und wurden dort festgehalten bis nachmittags um 3 Uhr. Plötzlich gingen die Sirenen los: Fliegeralarm. Das war zu der Zeit ganz ungewöhnlich, doch wir hatten eine kleine Hoffnung: Wenn Vejle bombardiert würde, vielleicht können wir dann fliehen? Doch es kamen keine Flugzeuge. Die SS hatte den Fliegeralarm ausgelöst, damit die Straßen leer waren. Und auf diesen menschenleeren Straßen hat man uns dann zum Bahnhof gebracht und in einen Zug mit lauter Viehwaggons gesperrt. Wir wussten nicht genau, wohin es gehen sollte, doch wir ahnten: jetzt geht es ins KZ. Nach drei Nächten und vier Tagen kamen wir in Theresienstadt an. Das war der 9. Oktober 1943.

Nach 18 Monaten im Lager erhielten wir Skandinavier ein Schreiben vom Lagerältesten, darin stand, ich lese es mal vor:

"Es wird Ihnen mitgeteilt, daß Sie in die voraussichtlich noch heute von Theresienstadt abgehende Reisegruppe eingeteilt wurden. Sie werden daher ersucht, sich zuverlässig unter Mitnahme Ihres Gepäcks im Gebäude Bäckergasse 2 noch heute, Freitag, den 13.4.45 beginnend ab 20 Uhr bis längstens 22 Uhr einzufinden."

Darüber steht meine Anschrift im Lager; eine Zahl, das war meine Gefangenennummer, Jahrgang 1923 und Seestraße 2, das war ein Haus, wo alle wohnten, die mit Pferden zu tun hatten.

Wo es hingehen sollte, stand ja nicht drin. Da haben wir gedacht, jetzt sind wir an der Reihe. Dann waren wir in dieser Kaserne eingesperrt, gegenüber von den Eisenbahnschienen, dort wo immer die Transporte abgingen. Und wir hatten Angst, waren unruhig und nervös, aber es passierte nichts. Am Morgen war immer noch nichts. Wir bekamen unsere tägliche Brotration, sogar eine bessere als sonst. Erst nachmittags gegen zwei Uhr rief einer von uns: "Kuckt mal alle aus dem Fenster!" Wir sahen raus, und da standen elf weiße Omnibusse mit rotem Kreuz. Da kam in uns eine ganz helle Hoffnung auf, dass wir nicht nach Auschwitz gehen würden. Das war - ja ich weiß nicht, das kann ich gar nicht ausdrücken.

Wir waren etwa 450 Leute und wurden auf die elf Rot-Kreuz-Omnibusse verteilt. In jedem Bus saß ein SS-Mann mit Maschinenpistole, aber es waren zwei Chauffeure in jedem Bus. Und die waren Schweden. Die sagten gleich zu uns auf schwedisch: "Habt keine Angst. Jetzt seid Ihr auf schwedischem Boden. Der hier ist nur zum Schein da und froh, dass Ihr ihm nichts tut." Der hat das ja nicht verstanden, der Deutsche.

Dann ging es ab aus Theresienstadt, nachmittags gegen drei Uhr. Und da sehe ich Menschen, alle die Alten, die nicht arbeiteten, die liefen hinter unseren Bussen her. Wir fuhren ja ganz langsam raus. Die wussten natürlich, für uns scheint es in die Freiheit zu gehen, und sie selbst wussten ja noch nicht, wann der Krieg zu Ende sein würde. Davon war noch nichts zu bemerken. Das war fürchterlich, diese Leute zu sehen, wie die uns nachgeschaut haben. Obwohl wir selbst glücklich waren.

Rückweg nach Dänemark durchdas zerstörte Deutschland

Von Theresienstadt sollte unsere Reiseroute durch Berlin durchgehen, aber wir schafften es nicht mehr durchzukommen bevor es dunkel wurde. Man wusste, dass Berlin jede Nacht bombardiert wurde, die Chauffeure erzählten uns das. So sind wir in einen Wald vor Berlin gefahren und haben dort die ganze Nacht gestanden. Dann kamen die Bomben. Wir waren vielleicht 10 bis 15 Kilometer von Berlin entfernt und unsere Busse sind bei jeder Bombe 10, 20 Zentimeter hochgehüpft. Das war unglaublich. Wir dachten: Mensch, Theresienstadt haben wir überlebt und müssen vielleicht hier unser Leben lassen? Mein Gott, wurde da bombardiert. Innerlich hat es uns gefreut, aber wir waren schon wieder ängstlich, wieder ängstlich.

Am nächsten Morgen ging es dann nach Berlin rein und alle Straßen lagen voller Mauerschutt. Dann ging es ruck zuck über Flensburg nach Dänemark, das ja immer noch von den Deutschen besetzt war. Plötzlich standen die Dänen an der Straße mit der dänischen Fahne in der Hand und schrieen ununterbrochen Hurra. Die warfen Lebensmittel und Schokolade zu uns rein. Das war, als wenn Du neu geboren wirst. Auf Fünen in Odense haben wir in einer alten Schule übernachtet. Das waren die ersten Betten nach 18 Monaten. Wir schliefen wie die Murmeltiere und am Morgen gab es ein richtiges Frühstück, Haferflocken und so was. Die hatten ja Angst, dass wir das nicht vertragen. Wir hatten Hunger auf ganz was anderes.

In Kopenhagen war am Hafen alles vom deutschen Militär abgeriegelt. Kein Däne durfte uns begrüßen. Wir wurden auf ein Schiff verladen und ab nach Schweden. Da kamen wir erst mal in Quarantäne und wurden ärztlich untersucht, Blutproben und alles. Wir hofften derweil nur auf eine Portion Fleisch, auf Beefsteak, aber es gab nur gekochten Fisch. Doch wir konnten das auch verstehen, obwohl wir 18 Monaten nur von Beefsteak gesprochen hatten. Das war am 15. April.

Umarmungen von dänischen Widerstandskämpfern

Am 5. Mai hörten wir, dass sich die Deutschen in Dänemark ergeben hatten. Aber wir wurden noch nicht entlassen. Als wir dann endlich rauskamen, erhielten wir Taschengeld, damit wir die Reise nach Dänemark selbstständig machen konnten.

In Kopenhagen hatte ich dann ein Erlebnis, das ich auch nie vergessen werde. Auf dem Rathausplatz gab es Zeitungskioske, bei denen man auch telefonieren konnte. Gezahlt wurde bei den Zeitungsverkäufern. Von dort hatte ich meine allerersten Pflegeeltern angerufen. Die wohnten ja bei Kopenhagen, und ich fragte, ob ich kommen könne. Die haben sich gefreut, dass ich überhaupt noch am Leben war, und natürlich sollte ich kommen. "Nimm Dir ein Taxi. Wir bezahlen, wenn Du ankommst."

Ich wollte also das Gespräch bezahlen, doch die Frau am Kiosk ließ mich warten. Die verkaufte weiter ihre Zeitungen, und immer, wenn ich sagte: "Jetzt bin ich doch dran", hieß es: "Noch einen Moment." Auf einmal gehen die Türen auf und Leute vom dänischen Widerstand in Uniform und mit Waffen kommen rein. "Wer sind Sie? Haben Sie Papiere?" Ich habe ihnen erklärt, warum ich keine Papiere hatte. "Können Sie das beweisen?" Da habe ich ihnen meine Papiere aus Theresienstadt gezeigt. Die umarmten mich sogar: "Entschuldigen Sie, aber wir müssen hier wachsam sein. Viele Deutsche haben die Uniform ausgezogen und sind in Zivil noch in Dänemark. Und die Zeitungsfrau hier sagte uns, hier steht ein Mann, der spricht Dänisch mit Akzent." Dann fragten die mich, wo ich hinwolle. Ich sagte, ich will eine Taxe nach da und da. Sagten die: "Kommt gar nicht in Frage. Wir fahren Sie hin." Das war ein wirklich schönes Erlebnis.

Im Nachhinein ist mir klar, dass über uns, den dänischen Lagerinsassen, die ganze Zeit eine schützende Hand war, so dass wir nicht nach Auschwitz kamen. Ich weiß nicht woher die kam, vom dänischen König vielleicht, aber das hat uns gerettet.

Einmal waren wir schon in einen Transport eingereiht. Doch dann hieß es plötzlich: "Die Dänen, die dürfen nicht mit."

Dass ich mich im übrigen immer wieder im Lager freiwillig gemeldet habe, hat auch einen Grund. Ich dachte, je mehr ich arbeite und je müder ich abends auf die Pritsche falle, umso weniger Zeit habe ich zum Nachdenken. Mein Grundsatz war: Je mehr du arbeitest, je weniger grübelst du über dein Schicksal nach. Da hatte ich gar keine Zeit mehr, an die Situation zu denken, an die Gefahr, in der ich mich in Wirklichkeit befand. Ich glaube, das hat mir auch geholfen, die Zeit im Lager besser zu überstehen. Ich hatte mich buchstäblich rausarbeiten wollen. Obwohl über dem Lager stand: "Arbeit macht frei". Damit hat das nichts zu tun.

Insgesamt aber war mein persönliches Glück, zu diesem dänischen Transport gehört zu haben. Denn ich und die 20 anderen von der Jugend-Aliyah waren ja gar keine dänischen Staatsbürger. Doch wir kamen mit dem dänischen Transport und wurden deshalb auch mit befreit. Da haben wir den Dänen sehr viel zu verdanken.

Und jetzt Schluss damit!

Berthold Boldes, Vejle/Dänemark

Serie: Das Tagebuch, FR-Leserinnen und Leser berichten 60 Jahre danach

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