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Zweifel am Mobbing-Motiv

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Von: Andreas Förster

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Die Frage nach dem Warum beschäftigte auch am Tag nach der Tat die Menschen.
Die Frage nach dem Warum beschäftigte auch am Tag nach der Tat die Menschen. © rtr

Für die Münchner Ermittler ist der Fall klar: Der Amokläufer von München wurde gemobbt und sann auf Rache. Ein Anwalt der Hinterbliebenen bezweifelt diese Lesart und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft.

Nach dem Abschluss der Ermittlungen zum Amoklauf in München hat ein Anwalt von Hinterbliebenen Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft erhoben. Offenbar hätten die Behörden eine Reihe von Indizien, die aus seiner Sicht für einen rechtsextremen oder rassistischen Hintergrund der Tat sprechen, gezielt außer Acht gelassen, sagte der Münchner Anwalt Yavuz Narin. „Das mag auch der Grund dafür sein, dass meinen Mandanten seit mehreren Monaten deren gesetzlich geregeltes Recht auf Akteneinsicht verweigert wird.“ Narin vertritt vier Familien aus der Türkei und Griechenland, die ihre Angehörigen durch die Mordtat verloren haben.

Am Abend des 22. Juli 2016 hatte der 18-jährige David S. in einem Schnellrestaurant und im Olympia-Einkaufszentrum von München neun Menschen erschossen, bevor er sich selbst richtete. Die Opfer – Türken, Griechen und ein Kosovo-Albaner – waren fast ausschließlich Jugendliche.

Am vergangenen Freitag hatte die Staatsanwaltschaft das Ergebnis ihrer Ermittlungen vorgestellt. Demnach soll David S. nicht aus politischen Motiven, sondern aus Hass getötet haben, weil ihn Mitschüler jahrelang gemobbt hatten. Da diese Mitschüler überwiegend Südosteuropäer waren, habe er seine Opfer nach ähnlichen äußerlichen Merkmalen ausgesucht, so die Ermittler.

Anwalt Narin findet diese Begründung hanebüchen, wie er sagt. „Offenbar möchten Staatsanwaltschaft und Polizei die Schuld bei den Opfern suchen, offenbar sollen auf abwegige Art politische Motive ausgeschlossen werden“, sagt der Anwalt, der auch Nebenklagevertreter im Münchner NSU-Prozess ist. „Das erinnert mich sehr an die Ermittlungen zur Ceska-Mordserie. Da haben die bayerischen Behörden ja auch keine rassistischen Hintergründe erkennen wollen und stattdessen unter dem Stichwort ‚Dönermorde‘ jahrelang eine falsche Spur ins türkische kriminelle Milieu verfolgt.“

Dabei deuten aus seiner Sicht mehrere Indizien im Münchner Fall auf ein rechtes Motiv des Täters hin. So habe der Täter David S. nicht nur gezielt Ausländer als Opfer ausgewählt, sondern sich auch während der Tat rassistisch geäußert, sagt Narin. Auch gebe es Medienberichte, wonach S. ein Hitler-Verehrer gewesen sei und sich selbst als „stolzer Arier“ bezeichnet haben soll. Schließlich sei auffällig, dass die Tat am Jahrestag der von dem norwegischen Rechtsextremisten Anders Breivik 2011 verübten Anschläge stattgefunden hat, denen damals 77 Menschen zum Opfer fielen. Das Datum – so vermutet es Anwalt Narin – sei von David S. gezielt gewählt worden, hätten sich doch in seiner Wohnung Bücher und Unterlagen gefunden, die sich mit Breivik befassen. Außerdem soll S. – wie Breivik – ein „Manifest“ hinterlassen haben, in dem er seine Tat rechtfertigt.

„Von alldem wissen wir aber nur aus den Medien, auch den genauen Inhalt dieses Manifestes kennen meine Mandanten nicht, weil uns bislang keine Einsicht in die Ermittlungsunterlagen gewährt wurde“, kritisiert Narin. Am 30. November 2016 hatte der Anwalt erstmals einen Antrag auf Akteneinsicht bei der Münchner Staatsanwaltschaft gestellt. Dieser wie auch folgende Schreiben, in denen das Recht der Hinterbliebenen auf Akteneinsicht eingefordert wurde, seien entweder unbeantwortet geblieben oder mit Ausflüchten beantwortet worden, sagt Narin. „Wir sind von der Staatsanwaltschaft angelogen und getäuscht worden“, kritisiert er und zieht erneut eine Parallele zum NSU-Fall: „Auch hier werden den Hinterbliebenen ihre gesetzlichen Rechte verweigert, auch hier werden sie von Informationen abgeschnitten.“

Narin fordert daher, dass die Staatsanwaltschaft nun endlich alle Ermittlungsakten vorlegt. „Angesichts der fragwürdigen Tradition dieser Behörden werden wir ganz sorgfältig prüfen müssen, ob die Ermittler wirklich alle möglichen Hintergründe der Tat gründlich untersucht haben und ob auch hier wieder – wie im NSU-Verfahren – politisch Einfluss genommen wurde auf das Ergebnis der Ermittlungen“, sagt der Anwalt.

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