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Viele Gedenken dem ermordeten Kreml-Kritiker Boris Nemzow.
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Viele Gedenken dem ermordeten Kreml-Kritiker Boris Nemzow.

Mordfall Nemzow

Zweifel an der islamischen Mordversion

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Unter Berufung auf Quellen in der Justiz geht die russische Nachrichtenagentur "Rosbalt" davon aus, der Islam habe im Mordfall Nemzow seine Finger im Spiel. In Tschetschenien sind bereits zwei Tatverdächtige verhaftet worden.

Boris Nemzow starb, weil er den Islam beleidigt habe. Das schreibt die russische Nachrichtenagentur „Rosbalt“ und beruft sich dabei auf eine Quelle in der Justiz. Der tatverdächtige Tschetschene Saur Dadajew habe erklärt, ihm sei im Januar 2015 bekanntgeworden, dass sich Nemzow wiederholt negativ über russische Muslime und den Islam geäußert habe. „Als stark gläubiger Mensch konnte Saur das nicht dulden“, zitiert „Rosbalt“ den Justizangestellten.

Der tschetschenische Republikchef Ramsan Kadyrow stützte die Version eines „islamischen“ Mordmotivs auf Instagram mit warmen Worten für Dadajew: „Alle, die Saur kennen, bestätigen, dass er ein tief gläubiger Mensch ist, und dass er, wie alle Muslime, von der Veröffentlichung der Allah-Karikaturen bei Charlie Hebdo und den Kommentaren, die das befürworteten, erschüttert war.“ Kadyrow bezeichnete den Angeklagten als „wahren Patrioten Russlands“.

Dadajew, der jüngst seinen Dienst als stellvertretender Kommandeur eines tschetschenischen Polizeibataillons quittiert habe, sei für seinen Mut im Kampf gegen Terroristen mehrfach ausgezeichnet worden. „Wir haben gemordet, wir morden, wir werden weiter morden“, fasst der Moskauer Blogger Anton Nosik sarkastisch Kadyrows Instagram-Text zusammen.

Gestern wurden laut „Rosbalt“ in Tschetschenien wieder zwei Verdächtige festgenommen, nach Angaben einer Polizeiquelle unterhielten beide regen Kontakt zu Dadajew. Einer soll der Vetter eines hohen tschetschenischen Sicherheitsbeamten sein.

Nemzow, der Ende Februar nahe des Kremls mit vier Schüssen getötet wurde, hatte im Januar einen Kommentar zu dem Terrorakt gegen die Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo gebloggt und dabei dem Islam „mittelalterliche Inquisition“ vorgeworfen.

Nemzows Äußerungen "kaum wahrgenommen"

Doch auch in Grosny herrschen Zweifel an der islamistisch-kaukasischen Mordversion. „Nemzow war einer der ersten, der Unterschriften gegen den Krieg in Tschetschenien gesammelt hat, um unser Volk zu schützen“, bloggt die tschetschenische Menschenrechtlerin Cheda Saratowa – 1966 trug Nemzow als Gouverneur von Nischni Nowgorod eine Million Unterschriften für einen Friedensschluss zusammen. „Nemzows Äußerung über den Islam im Januar hat kaum jemand wahrgenommen“, sagt der Moskauer Polizeiexperte Ochran Dschemal. „Dieses Motiv wirkt, als solle es von den wirklichen Auftraggebern abzulenken.“

Viel mehr böses Blut als Nemzow erregte im Januar der Aufruf des in der Schweiz lebenden Oppositionellen Michail Chodorkowski, die Zeitungen sollten jetzt erst recht Allah-Karikaturen abdrucken. Kadyrow erklärte Chodorkowski zu seinem „persönlichen Feind“. Außerdem attackierte er Alexei Wenediktow, Chefredakteur des liberalen Radiosenders Echo Moskwy, der in der Diskussion um Charlie viele Islamkritiker zu Wort kommen ließ. Ihm warf Kadyrow vor, „Millionen Muslime ohne Ende mit Schmutz zu überschütten“. Die Behörden müssten den Sender zur Ordnung rufen. „Sonst werden Russlands Muslime die Ausfälle Wenediktows und Co nicht ewig dulden.“

Solche Drohungen äußert Kadyrow seit Jahrzehnten, mehrere Bedrohte wurden umgebracht, etwa die kritische Tschetschenienreporterin Anna Politkowskaja 2006. Kadyrow bestreitet, an irgendwelchen Morden beteiligt zu sein. Aber laut Saratowa gehörte Dadajews Bataillon zu Kadyrows Leibgarde, Experten bezweifeln, der Offizier sei ohne einen Wink von oben auf die Idee gekommen, Nemzow zu töten.

Kadyrows Rückhalt im Kreml scheint die Affäre bisher nicht zu schaden. Gestern wurde ein Erlass Wladimir Putins veröffentlicht, Kadyrow „für seine gewissenhafte Arbeit“ mit dem Ehrenorden auszuzeichnen.

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