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Jüngere Menschen begegnen Einwanderern offener als die Älteren.

Studie

Die Zweifel bleiben - besonders bei den Älteren

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Eine Mehrheit der Deutschen blickt laut einer Studie skeptisch auf das Thema Zuwanderung. Positiv wirkt vor allem der Zuzug ausländischer Fachkräfte nach Deutschland

Vier Jahre nach dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs beginnen die Deutschen nach Einschätzungen der Bertelsmann-Stiftung, pragmatisch mit Migranten und deren Integration umzugehen. Anders als noch vor zwei Jahren vertritt nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung die Auffassung, die Bundesrepublik habe bei der Aufnahme von Flüchtlingen ihre Belastungsgrenze erreicht. Allerdings finden 52 Prozent, dass es zu viel Einwanderung gibt.

Das sind die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung zur Willkommenskultur, mit der die Bertelsmann-Stiftung das Meinungsforschungsinstitut Kantar Emnid beauftragt hatte. Im April dieses Jahres wurden dafür 2025 deutschsprachige Personen ab 14 Jahren befragt.

Was die Folgen von Einwanderung angeht, scheinen sich die negativen Einschätzungen gegenüber 2017 abzuschwächen. 67 Prozent geben an, Migration mache das Leben in Deutschland interessanter. Der Zuzug ausländischer Fachkräfte sei gut gegen den Fachkräftemangel, meinen 41 Prozent (2017: 33). Ganz anders sieht es dagegen beim Thema Soziales aus: 71 Prozent glauben, der Zuzug aus dem Ausland belaste die Sozialsysteme. Zwei Drittel (69 Prozent) sehen die Gefahr, dass es zu Konflikten zwischen Eingewanderten und Einheimischen kommt.

Den Befragungsergebnissen zufolge wächst mit den unter 30-Jährigen jedoch eine Generation heran, die Einwanderern offener begegnet als die Älteren. Das, so die Studienautoren Ulrich Kober und Orkan Kösemen, hänge allerdings auch damit zusammen, dass der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund bei den 15- bis 30-Jährigen bei rund 30 Prozent liegt – während er bei den Älteren nur rund 20 Prozent beträgt.

Zusätzliche Belastungen des Sozialstaats vermuten 58 Prozent der Jüngeren (Ältere: 74), bei Belastungen des Wohnungsmarktes sind es 47 Prozent (Ältere: 63). Auch die positiven Effekte der Zuwanderung, wie etwa die Unterstützung der einheimischen Wirtschaft, beurteilen die Jüngeren deutlich optimistischer.

Deutliche Unterschiede gibt es nach wie vor auch zwischen Ost und West. Beispielsweise meinen 83 Prozent der Befragten im Osten, Migration belaste den Sozialstaat, während es im Westen 68 Prozent sind. Allerdings ist auch im Osten eine Mehrheit von 55 Prozent der Ansicht, Einwanderung habe einen positiven Effekt auf die Wirtschaft – im Westen sind es 67 Prozent.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Annette Widmann-Mauz (CDU), sieht die Integrationspolitik der Bundesregierung durch die Studie der Bertelsmann-Stiftung bestätigt. „Die Richtung stimmt und macht Mut“, sagte Widmann-Mauz. Einwanderung werde immer stärker als Chance gesehen, vor allem bei jungen Menschen.

Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping schränkte ein, dass der Blick auf die Themen Flucht und Asyl maßgeblich von den Ereignissen der Jahre 2015 und 2016 geprägt sei. „Die Ohnmacht und die Überforderung, mit denen der Bund, die Länder und viele Kommunen in dieser Zeit agierten, hat sich bei vielen Menschen als Kontrollverlust eingeprägt“, so Köpping.

Mehr Gewicht als andere Akteure

Die Bertelsmann-Stiftung hat es sich eigenen Aussagen zufolge zur Aufgabe gemacht, einen Beitrag zur  „Gesellschaftsreform“ zu leisten und Menschen zu befähigen, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Für dieses Ziel hat die Stiftung viel Geld zur Verfügung: Sie hält die Mehrheit der Anteile am Bertelsmann-Konzern, zu dem nicht nur Medienhäuser wie RTL, Penguin und Gruner+Jahr („Stern“) gehören, sondern auch Unternehmen, die in den Bereichen Bildung, IT, Logistik, Finanzen und Gesundheit agieren. Damit ist die Stiftung Mehrheitsbesitzerin eines der größten Medienkonzerne des Landes.

Im vergangenen Jahr machte Bertelsmann einen Gewinn von 1,1 Milliarden Euro. Davon fließt ein großer Teil steuergünstig der Stiftung zu, die damit finanziell verlässlicher aufgestellt ist als die meisten gesellschaftlichen Organisationen. Mit den Einnahmen organisiert die Stiftung zum Beispiel Bildungsprojekte. Der Öffentlichkeit dürfte sie aber vor allem durch die vielen Studien bekannt sein, die sie finanziert. Das alles führt dazu, dass es der Stiftung oft gelingt, die politischen Gesprächsthemen mitzubestimmen – und damit auch dazu, dass sie oft weit mehr Gewicht in der Debatte hat als andere Akteure. (db/thh)

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