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Für Japan eine Sensation: Shinjiro Koizumi hilft Gattin Christel Takigawa bei der Kinderbetreuung.

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Zwei Wochen Elternzeit - für Japan eine Sensation

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Japans Umweltminister ist Vater geworden und geht einen ungewöhnlichen Weg. Das macht ihn in seiner Heimat zu einem modernen Mann.

Die Notiz, die vergangene Woche durch Japans Nachrichtenagenturen ging, hätte auch als Scherz durchgehen können: „Koizumi wird in Vaterschaftsurlaub gehen.“ Ein Emporkömmling der konservativen Regierungspartei und Sohn eines ehemaligen Premierministers will seinem Job fernbleiben, damit er sich um die Familie kümmern kann? Dann sagte er auch noch: „Die Zahl Offizieller, die in Elternzeit gehen, wird nicht steigen, solange die Regierung nicht bloß Regulierungen des Arbeitsmarkts ändert, sondern auch die Arbeitsatmosphäre.“ Daher gehe er, Japans Umweltminister, nun mit gutem Beispiel voran.

Ein Toppolitiker geht in Elternzeit. In den meisten Ländern der Welt wäre dies der Rede wert. In Japan, wo Staat und Gesellschaft das Kinderkriegen bisher kaum unterstützen, ist es eine Sensation. Zwar werde Shinjiro Koizumi seine „öffentlichen Pflichten und das Krisenmanagement priorisieren“ und „wichtige öffentliche Aktivitäten“ wie Kabinettsversammlungen nicht auslassen, wie er nun doch noch betonte. Einiges werde er zudem vom Homeoffice und durch Telearbeit erledigen. Dennoch: In seinem Land könnte Shinjiro Koizumi für einen Ruck sorgen.

Seit langem plagt Japan noch mehr als andere Industriestaaten eine ungleiche Behandlung der Geschlechter. Bei internationalen Vergleichen in diesem Bereich landet das Land ständig auf hinteren Rängen. Der Gender Gap Report des World Economic Forums etwa, der den Zugang zu Lebensbereichen wie Politik, Arbeitsmarkt, Bildung und Gesundheit für Männer und Frauen analysiert, stuft Japan von insgesamt 153 Ländern auf Platz 121 ein – direkt hinter den Vereinigten Arabischen Emiraten und Benin.

Es ist ein Problem, das man in Japan mittlerweile erkannt hat. Denn Frauen sind in der Regel zwar ähnlich gut ausgebildet wie Männer. Weil auf dem Arbeitsmarkt eine Schwangerschaft aber bisher wie ein Karriere-Aus wirkt, schrecken viele Frauen vor dem Kinderkriegen zurück. Auch deshalb ist Japans Geburtenrate noch etwas niedriger als die in Deutschland. Die Bevölkerung schrumpft seit Jahren, was auf dem Arbeitsmarkt mittlerweile zu erheblichen Engpässen führt.

Um eine familienfreundlichere Arbeitswelt zu schaffen, hat sich Japans Regierung über die vergangenen Jahre in Reformen versucht, doch die Auswirkungen bleiben spärlich. Obwohl angestellte Väter gesetzlichen Anspruch auf Elternzeit hätten, machen nur sechs Prozent davon Gebrauch. Von dieser Minderheit wiederum verlässt ein Drittel ihren Arbeitsplatz für nicht einmal fünf Tage. Umfragen zeigen dagegen, dass knapp acht von zehn japanischen Vätern gern Elternzeit nehmen würden. Meist sei es der Arbeitgeber, der diesen Plan am Ende doch zunichtemache.

Als Chef des Umweltministeriums kann Shinjiro Koizumi darüber selbst entscheiden. Es ist nicht das erste Mal, dass der 38-Jährige, der mit der im Land bekannten TV-Moderatorin Christel Takigawa verheiratet ist, mit forschen Entschlüssen oder Meinungen auffällt. So ließ Koizumi – entgegen der Meinung des atomenergiefreundlichen Premierministers Shinzo Abe – etwa verlautbaren, er würde am liebsten alle Atomreaktoren in Japan abreißen. Angesichts der Atomkatastrophe von Fukushima von 2011 ließ diese bei der Bevölkerung populäre Meinung aufhorchen. Nun will der drittjüngste Minister in Japans Nachkriegsgeschichte die Familienpolitik modernisieren.

Dabei ist Shinjiro Koizumi streng genommen nicht sonderlich fortschrittlich. Angesichts der schon seit Jahrzehnten niedrigen Geburtenrate und der noch immer langsam voranschreitenden Aufweichung traditioneller Geschlechterrollen sprach die Regierung, der er selbst angehört, im vergangenen Monat eine Empfehlung an alle männlichen Beamten aus: Diese mögen doch zumindest für einen Monat in Elternzeit gehen. Koizumi aber will nur zwei Wochen lang mit seinem Sohn daheimbleiben, also nur knapp die Hälfte der von ihm mitempfohlenen Dauer. Statt ihn für seinen Mut zu loben, könnte er in Japan also auch kritisiert werden.

Aber der Entschluss Koizumis sorgt auch deshalb für positive Überraschung, weil in der Riege etablierter Politiker ganz andere Töne an der Tagesordnung sind. Insbesondere seine konservative Liberaldemokratische Partei (LDP) ist immer wieder mit rückwärtsgewandten Haltungen aufgefallen. Im November 2017 wurde im LDP-dominierten Stadtrat von Kumamoto im Südwesten des Landes eine Abgeordnete der Kammer verwiesen, weil sie in der Plenarsitzung ihr sieben Monate altes Kind gestillt hatte. Ein Jahr später warf man dieselbe Politikerin erneut raus, weil sie einen Hustenbonbon lutschte, während sie sprach. Kritiker witterten eine Kampagne, um diese Frau und weitere, die Elternschaft und Politik vereinbaren wollen, einfach rauszuekeln.

Eine solche Interpretation ist in Japan auch nicht weit hergeholt. Im Sommer 2014 unterbrachen Abgeordnete der LDP in Tokios Metropolparlament die Rede einer Abgeordneten, die die Regierung zu mehr familienpolitischer Unterstützung aufforderte. Von den Rängen erklangen daraufhin Sprüche wie: „Sie sollten schnellstmöglich heiraten!“ Ein anderer fragte lauthals, ob sie denn keine Kinder kriegen könne, woraufhin Gelächter ausbrach. Der Vorfall wurde zwar verurteilt, war aber auch nicht einzigartig. Selbst frühere Bürgermeister von Tokio haben unverblümt offenbart, dass sie die Rolle der Frau auf Familientätigkeiten reduziert sehen wollen. Was umgekehrt heißt: Männer haben im Haushalt nichts zu suchen.

Diese weiterhin etablierte Sichtweise fordert Shinjiro Koizumi nun heraus. Und während einige Kritiker dieser Tage äußerten, der Umweltminister solle sich doch lieber um die Umwelt kümmern, zeigt eine Umfrage, dass die Mehrheit der Japaner hinter Koizumis Entscheidung steht. Den Mann, den viele in den nächsten Jahren als aussichtsreichen Kandidaten auf den Posten des Premierministers sehen, dürfte dadurch noch etwas beliebter geworden sein. Und das trotz nur zwei Wochen Vaterschaftsurlaub.

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