+
Stolz trägt Klarsfeld das Abzeichen der französichen Ehrenlegion.

Bundespräsidentenwahl

Zwei Wochen Anerkennung für Klarsfeld

  • schließen

Am Mittwoch präsentierte die Linke in Berlin ihre Kandidatin für die Wahl des Bundespräsidenten am 18. März. Und Klarsfeld, die aus Paris angereiste 73-jährige Dame, nutzte die Stunde in der Hauptstadt, um einmal darzulegen, warum sie in das aussichtslose Rennen gegen Joachim Gauck zieht.

Einen Moment lang sieht alles nach Schiffbruch aus. Klaus Ernst, der Linken-Chef, fühlt sich sehr geehrt, „Frau Karlsfeld“ vorstellen zu dürfen. Und seine Co-Vorsitzende Gesine Lötzsch neben ihm begrüßt kurz danach „Renate Klarsfeld“, die in Wahrheit Beate Klarsfeld heißt und über die Pannen der Spitzenlinken souverän und etwas schwerhörig hinweglächelt. Am Mittwoch präsentierte die Linke in Berlin ihre Kandidatin für die Wahl des Bundespräsidenten am 18. März. Und Klarsfeld, die aus Paris angereiste 73-jährige Dame, nutzte die Stunde in der Hauptstadt, um einmal darzulegen, warum sie in das aussichtslose Rennen gegen Joachim Gauck zieht, den Kandidaten von CDU, CSU, FDP, SPD und Grünen.

„Es war eine Ohrfeige für Deutschland“

Natürlich erzählt sie, wie sie damals am 7. November 1968 in Berlin auf einem CDU-Parteitag den damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger ohrfeigte und mit „Nazi, Nazi, Nazi“ beschimpfte. „Es war eine Ohrfeige für Deutschland“, sagt sie. Und weil damals ja auch Sicherheitsbeamte im Saal waren: „Ich setzte mein Leben aufs Spiel.“ Während sie spricht, wird schnell klar, warum sie für die Linke kandidieren will: Es geht ihr um eine Belohnung, um Anerkennung für ein Leben, das sie dem Kampf gegen alte Nazis verschrieben hat. Schließlich waren es sie und ihr Mann Serge, die mit aufwendigen Recherchen und durch ständige Interventionen Mörder wie Klaus Barbie und Kurt Lischka aufspürten und zu Fall brachten.

Weizsäcker drehte sich weg

„Ich habe versucht, eine exemplarische Deutsche zu sein“, sagt Klarsfeld. „Eine gute Deutsche, die im Ausland das Bild Deutschlands verbessert hat.“ Klarsfeld ist in Frankreich und in den USA ausgezeichnet worden. Aber nicht in der BRD, wie sie sagt. Kein Bundesverdienstkreuz, obwohl mehrfach beantragt, zuletzt 2011 von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit. Sie erzählt, wie sie einmal im Pariser Elysee-Palast an der Seite von Staatspräsident François Mitterand stand, der sie dem deutschen Präsidenten Richard von Weizsäcker vorstellte. „Weizsäcker drehte den Kopf weg, gab mir nicht die Hand.“ So seltsam es klingt, aber die Kandidatur ist für die alte Dame aus Frankreich wahrscheinlich die Krönung eines aufreibenden Lebens. Sie hat zwar keine Chance, gewählt zu werden, aber sie erfährt ausgiebig Öffentlichkeit und Anerkennung. Das will sie genießen. „Ich habe als Beate Klarsfeld, als gute Deutsche, meinen Kampf geführt.“

Gesine Lötzsch kann sich eine Frau wie Beate Klarsfeld im Schloss Bellevue vorstellen

Klarsfeld hat also einfach zugegriffen, als sie in Frankreich davon hörte, dass Gesine Lötzsch kürzlich, nachdem Christian Wulff zurückgetreten war, auf einem Linke-Landesparteitag in Brandenburg gerufen hatte, sie könne sich eine Frau wie Beate Klarsfeld im Schloss Bellevue vorstellen. Geklärt war nichts, aber ihr Name war gefallen. Sie schnappte zu, ein Teil der Linken, allen voran Oskar Lafontaine, schnappte ein. Lafontaine, der sonst gerne die Fäden der Partei in Händen hält, erschien auch nicht zur Vorstellung Madame Klarsfelds in Berlin. Begründung: Im Saarland ist Landtagswahlkampf, Lafontaine unabkömmlich. Beate Klarsfeld schert solch Durcheinander wenig. Wozu auch. Die Linke hat ihr, unter welchen Umständen auch immer, zu Auftritten in Deutschland und größtmöglicher Publicity verholfen.

Deutsche Innenpolitik mit ihrer Kleinteiligkeit und Aufgeregtheit interessiert Klarsfeld nicht sonderlich

Vor 52 Jahren verließ sie ihre Geburtsstadt Berlin. Sie ist Deutsch-Französin und Hausfrau, wie sie sagt. „Ehemann Serge, die Kinder, Enkel, zwei Hunde, zwei Katzen.“ Deutsche Innenpolitik mit ihrer Kleinteiligkeit und Aufgeregtheit interessiert sie nicht sonderlich. Dass ihr die Stasi bei der Suche nach Nazis half? „Na und. Das waren historische Akten!“ Dass ihr Sohn Arno für den konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy arbeitet, macht der Linken-Kandidatin noch weniger Probleme. „Wir sind alle für Sarkozy.“ Dass es innerhalb der Linken Probleme mit Israel gibt, die bis in den Antizionismus reichen? „Die Mehrheit der Linken steht hinter Israel“, sagt sie. Der Rest muss sie also nicht interessieren. Sie will ja auch nicht Politik machen in Deutschland. Der Weg ist das Ziel, der Wahltag das Ende. „Serge hat mir einmal gesagt, wenn du alt bist, dann kommt sie.“ Er meinte die vermisste Anerkennung. Jetzt ist ihre Zeit da, gut zwei Wochen wird sie dauern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion