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Nahost-Konflikt

Jüdische und muslimische Menschen in Israel: Brüchiger Frieden

  • Inge Günther
    VonInge Günther
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Jüdische und arabische Israelis tasten sich nach den Tagen der Gewalt in die Normalität zurück. Auch in Lod. Doch die Nerven liegen blank.

Jerusalem - Auffällig ruhig ist es auf den Straßen, eigentlich zu ruhig. In der Altstadt von Lod lassen sich derzeit mehr Trupps der israelischen Grenzpolizei blicken als Einheimische. In schwerer Schutzausrüstung, ein Gewehr im Arm, sind ihre Patrouillen an allen Ecken unterwegs.

An Bushaltestellen, vor dem Markt, auf dem leeren Platz zwischen der Grand Omari Moschee und der Synagoge mit dem roten Ziegeldach vis-à-vis. Dort, wo in der Nacht zum 11. Mai bürgerkriegsähnliche Unruhen ausbrachen. Flammen des Aufruhrs, entfacht an den heiligen Stätten Jerusalems, hochgelodert nach den Angriffen aus und auf Gaza. Von Lod, gelegen neben dem Flughafen Tel Aviv, waren sie alsbald auf andere arabisch-jüdische Städte in Israel übergesprungen. In das benachbarte Ramle, nach Bat Jam, Jaffa, Haifa und Akko.

Von „Alltag“ kann gerade noch keine Rede sein: Israelische Grenzpolizisten bewachen eine Schule in der gemischten Stadt Lod.

Der horrende elftägige Gaza-Krieg ist zwar vorbei. Die Waffenruhe zwischen palästinensischer Hamas und israelischer Armee scheint zu halten. Aber Israels innerer Frieden ist längst nicht wieder hergestellt. Schon gar nicht in Lod, ehemals Lydda, das heftigste Krawalle erlebt hat, voller Zerstörungswut und auch tödlicher Zusammenstöße.

Im Schatten eines Maulbeerbaums neben der Großen Moschee aus dem 13. Jahrhundert hocken ein paar arabische Israelis auf Plastikstühlen und sinnieren, wie es weitergehen soll. „Wir müssen zusammenleben“, meint Issa Jabel (45), ein professioneller Bodybuilder. „Mit den Juden in meiner Nachbarschaft kommen wir auch gut aus. Aber nicht mit denen von drüben.“ Mit einer Kopfbewegung weist er in Richtung eines neuen Wohnkomplexes hundert Meter gegenüber.

„Die sind auf Rache aus“, stimmt Abed zu, ein Kühlschranktechniker mit schmalem Gesicht und Vollbart, der wie so viele in Lod seinen vollen Namen nicht preisgeben möchte.

Israel: Zwei Perspektiven ergeben noch kein ganzes Bild

Seine Familie traue sich aus Angst nach wie vor kaum aus dem Haus. Die Männer zücken Handys mit Videoclips zum Beweis, dass jüdische Ultrarechte und die zu ihrer Unterstützung von außerhalb angerückten, teils bewaffneten Hooligans die Gewalt provoziert hätten. „Schaut her“, sagt Abed, „die Polizei hat sie sogar noch geschützt, als sie uns attackiert haben.“ Genauso erbittert wird später das gegnerische Lager, das sich nur gegen einen arabischen Mob gewehrt haben will, seine Aufnahmen vorzeigen. Zwei Perspektiven, zwei halbe Wahrheiten, die dennoch kein ganzes Bild ergeben.

Fest steht, dass es einen Toten gab, Mussa Hassuna, 32 Jahre alt, der offenbar aus größerer Entfernung von einem jüdischen Israeli erschossen wurde. In den Augen der arabischen Menschen war es Mord, aus Sicht der anderen Seite Notwehr. „Was hatte dieser Mussa mitten in der Nacht auf der Straße zu suchen“, erregt sich ein Regierungsangestellter mit Kippa, der anonym bleiben will. Dem Schützen sei kein Vorwurf zu machen.

Der Familie des arabischen Todesopfers kondoliert haben allerdings auch jüdische Alteingesessene aus Lod. So wie umgekehrt arabische Bekannte zum Haus von Jigal Jehoschua zu Beileidsbesuchen pilgerten.

Der 56-jährige Jude war unversehens auf der Heimfahrt in eine wütende Menge geraten und von einem Stein am Kopf getroffen worden. Er starb nach einigen Tagen im Koma.

Lodarabischer Name: al-Ludd
Fläche10 km²
Bevölkerung75.726 (2019)

Konflikt in Gaza: Alte Wunden wurden wieder aufgerissen

Dass seine Angehörigen einer Organspende zustimmten, hat unter anderen eine Palästinenserin aus Jerusalem gerettet, die eine seiner Nieren erhielt. Zumindest der Wunsch nach friedlicher Koexistenz scheint in Lod überlebt zu haben. Aber alte Wunden sind aufgerissen in dieser uralten Stadt mit wechselvoller jüdisch-christlich-muslimischer Geschichte, aus der im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 rund 50 000 Palästinenser:innen nach einem von jüdischen Milizen verübten Massaker geflohen waren.

Nur etwa eintausend von ihnen sind damals geblieben. In die verlassenen Häuser siedelte der junge Staat Israel eingewanderte orientalische Juden an. Für sie wurden um die Altstadt herum zudem mehrstöckige Billigbauten hochgezogen, von denen heute der schmutzig-braune Putz bröckelt.

Lod ist wahrlich keine noble Adresse. Die Stadt mit ihren fast 80 000 Einwohner:innen ist als Monopol von Drogendealern und gewalttätigen Gangs verschrien. Dessen ungeachtet sind die jüdisch-arabischen Beziehungen über die Jahrzehnte hinweg gewachsen. In seiner Ausbildung zum Rettungssanitäter habe er eh „meist mit Juden zu tun“, meint der 21-jährige Tamer.

„Wir sind gute Freunde, laden uns gegenseitig zu Hochzeiten oder Picknicks ein.“ Heikle Themen wie die Unruhen vermeide man allerdings lieber. „Das Beste wäre“, sagt Tamer, „wenn sich die Lage einfach wieder normalisiert.“ Probleme habe man doch nur mit den jüdischen Nationalreligiösen.

Sie genießen, ähnlich der Westbank-Siedlerschaft, exklusive Protektion seitens der Regierung Benjamin Netanjahu und seinen rechten Gefolgsleuten. Zu ihnen gehört Jair Revivo, Bürgermeister in Lod, der seit einigen Jahren für den Zuzug Nationalgesinnter wirbt, um den arabischen Bevölkerungsanteil unter dreißig Prozent zu halten. Für seine Klientel hat der Likud-Politiker einen Komplex am Rande der Altstadt ausbauen lassen, das Quartier Ramat Eschkol.

Hevi, ein jüdischer Israeli, von Beruf Elektroingenieur, bekennt auch ohne Umschweife, vor vier Jahren „aus ideologischen Gründen“ hergezogen sein.

Was er über die arabische Nachbarschaft denke? „Jeder will seine Ruhe“, erwidert er, während er seine Kinder ins Auto einsteigen lässt. „Aber wir sind realistisch, in dieser Gegend gibt es jede Menge Kriminelle.“ Nicht der einzige Grund, warum man in Ramat Eschkol unter sich bleibt, auch beim Kinderfest auf dem Hof. „Dieses Gebiet ist hundert Prozent jüdisch“, tönt eine junge Mutter im Siedler-Outfit mit langem Rock und einem ums Haar geschlungenen Turban. Lod sei schließlich schon in der Bibel erwähnt. Nur, im Hier und Heute ergeben sich daraus keine Vorrechte, jedenfalls nicht in einer Demokratie.

Gewalt in Israel: Angst vor dem Hass des jeweils anderen

Und Israels arabische Minderheit verlangt lauter denn je Gleichberechtigung. Vor allem die jüngere Generation ist gut ausgebildet und selbstbewusst. So wie Manar El-Meme, die für eine städtische Organisation arabische Studienanfänger:innen betreut. „Erstmals hat es in Lod diese Art Rebellion gegeben. Das hat unter unseren Leuten eine Menge Stolz und Hoffnung geweckt“, konstatiert die 38-Jährige in ihrer begrünten Laube nahe der Grand Omari Moschee. Weil sie den Mund zu weit aufmache, habe ihre Direktorin sie heruntergeputzt. „Aber mir schreibt keiner vor, wie ich mich als arabische Israelin zu benehmen habe.“ Das gegenseitige Vertrauen sei weg, „mein Job wahrscheinlich auch“, merkt Manar lakonisch an. Zum Glück halte ihre jüdische Freundin zu ihr, die gestern extra hergekommen sei. „Sie begreift, was hier passiert.“

Draußen marschiert erneut ein Trupp der Grenzpolizei vorbei. Zu Tausenden hat die Regierung Uniformierte, einschließlich Reservisten, mobilisiert, um in Israels gemischten Städten Recht und Ordnung durchzusetzen. Ihre Erfolgsbilanz verweist auf 1500 Festnahmen landesweit. 150 Personen, bis auf wenige Ausnahmen arabische Israelis, erwartet bereits eine Anklage wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Körperverletzung, in drei Fällen auch wegen versuchten Mordes. Es ist eine angespannte Ruhe, die in Lod eingekehrt ist. Dahinter liegen die Nerven aber blank. (Inge Günther)

Rubriklistenbild: © AFP

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