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In Feindschaft vereint: Andrea Nahles und Sigmar Gabriel.

SPD

Zwei Feinde im Unruhestand

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SPD-Granden: Andrea Nahles und Sigmar Gabriel beenden ihre politischen Karrieren. Die liefen lange parallel - aber eigentlich nie harmonisch.

Manche Zufälle sind im Nachhinein so verrückt, dass sie fast wie Schicksal anmuten. Andrea Nahles und Sigmar Gabriel sind 2005 gemeinsam in den Bundestag eingezogen, haben 2009 gemeinsam die SPD-Führung übernommen, saßen ab 2013 gemeinsam in der Bundesregierung, und sie ziehen sich mit dem heutigen Tag gemeinsam aus der Politik zurück.

Vielleicht ist es beider Tragik, dass ihre Gemeinsamkeiten bloß biografischer Natur waren. Nahles und Gabriel stammen aus kleinen Verhältnissen, sie Tochter eines Maurers, er Sohn einer alleinerziehenden Krankenschwester, Bildungsaufsteiger sie wie er. Klassische SPD-Geschichten.

Mit dem Klassischen allerdings enden dann die Gemeinsamkeiten dieser beiden, die die SPD in den vergangenen zehn Jahren geprägt haben. Schon bei der politischen Sozialisation gehen die Wege auseinander. Nahles kommt über die Jusos in die große Politik, Gabriel geht den Weg über den SPD-nahen Jugendverband Falken. Die Jusos hätten ja damals vor allem Marx gelesen und das Strippenziehen geübt, spottet Gabriel bis heute gerne. Er fuhr mit den Falken ins Zeltlager und zum internationalen Jugendaustausch nach Südfrankreich.

Die frühen Prägungen machen die spätere Verständigung schwierig. Nach der schweren Wahlniederlage 2013 beschließen der Umweltminister Gabriel und die SPD-Vize Nahles, die Macht untereinander aufzuteilen. Gabriel wird Parteichef und Nahles Generalsekretärin. Der Mann aus dem Harz und die Frau aus der Eifel geben ein Duett wie Feuer und Wasser. Das Verhältnis ist geprägt von Tiefen und tieferen Tiefen. In guten Phasen rauften sie sich irgendwie zusammen, in schlechten herrschte offen Krieg. Dabei hätten sie sich eigentlich gut ergänzt, der impulsive Gabriel mit dem Gespür für Stimmungen und dem Talent, ganze Parteitagshallen in Ekstase zu reden. Und die disziplinierte Strategin Nahles, deren Netzwerke legendär sind.

Befreite Ministerin

Nahles’ und Gabriels Zeit an der Spitze gilt in der Rückschau als krisengeschüttelt. Dabei feiern sie auch durchaus Erfolge: Neun Landtagswahlen gewinnt die SPD in Folge, in den Umfragen geht es bergauf. Doch beider Image nutzt das nichts. Dann entscheidet sich Gabriel 2013 für Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat – ein Intimfeind von Nahles. Nach der krachenden Wahlniederlage raufen sich Nahles und Gabriel wieder zusammen. Gemeinsam führen sie die SPD in die ungeliebte Koalition mit der Union.

Sie wird Arbeitsministerin – und erlebt die Zeit im Ministerium als Befreiung. „Endlich konnte ich zeigen, was ich draufhatte, ohne dass mir ständig jemand dazwischengefunkt hat“, wird sie später sagen. Das geht an die Adresse von Gabriel.

Der gibt Anfang 2017 den Parteivorsitz an Martin Schulz ab und leitet damit sein Karriereende ein. Schulz will nach der Neuauflage der Koalition Anfang 2018 Außenminister werden und den früheren Freund, Amtsinhaber Gabriel, beiseiteschieben. Das misslingt zwar, doch Nahles und Olaf Scholz katapultieren Gabriel trotzdem aus dem Kabinett. Der rächt sich mit regelmäßiger lauter Kritik an der Parteiführung. Diese dauernde Unruhe hat ihren Anteil am Sturz von Nahles.

Zu seinem 60. Geburtstag gab sich Gabriel kürzlich versöhnlich. „Es ist bitter, mit ansehen zu müssen, wie ein Engagement dieser Größe so enden konnte“, sagte er mit Blick auf Nahles. Er hätte das auch über sich sagen können.

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