Indischer Grenzposten an einem Zufahrtsweg nach Ladakh.
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Indischer Grenzposten an einem Zufahrtsweg nach Ladakh.

Himalaya

Zwei Atommächte prügeln sich

  • vonAgnes Tandler
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Der seit Jahrzehnten schwelende indisch-chinesische Konflikt flammt wieder auf. In der umstrittenen Region Ladakh kommen mehrere Soldaten beider Länder ums Leben.

Nur mit Stöcken, Steinen und blanken Fäusten kämpften die beiden Atommächte Indien und China stundenlang im Dunkeln gegeneinander. Bei der Auseinandersetzung auf 4200 Meter Höhe und bei Temperaturen unter Null fiel kein Schuss. Am Ende waren aber mindestens 20 indische Soldaten tot. Das war Mittwoch, die schlimmste Konfrontation zwischen den beiden Ländern seit über 50 Jahren.

Indiens Verteidigungsminister Rajnath Singh empfindet den Verlust seiner Soldaten als „zutiefst verstörend und schmerzhaft“. Auslöser war offenbar ein Zelt, das die chinesische Armee am Südufer des Galwan-Flusses im Himalaya errichtet hatte. Das Gebiet galt bislang als Pufferzone an der unmarkierten Grenze zwischen Indien und China. Der Streit um das Zelt im Niemandsland eskalierte in der Nacht vom Montag auf Dienstag, als eine Gruppe unbewaffneter indischer Soldaten dort erschien, um die Sache verbal zu klären. Irgendwie kamen Steine und Knüppel ins Spiel. Offenbar wurden bei der Schlägerei Soldaten in den Fluss gestoßen und starben an Unterkühlung.

Indien behauptet, dass auch 35 Chinesen tot sind. Peking schweigt dazu. Ein Regierungssprecher sagte nur, das Galwan-Tal habe immer schon zu China gehört. Indiens Premierminister Narendra Modi schweigt auch. Indien, das China militärisch nicht das Wasser reichen kann, steckt sich in einer äußerst schwierigen Lage.

Noch vergangene Woche versicherte Indiens Armeechef Manoj Mukund Naravane, „dass die gesamte Situation an der Grenze zu China unter Kontrolle ist“. In diesem Monat hatte es bereits zwei kleinere Auseinandersetzungen dort gegeben. Die 3500 Kilometer lange Grenze zwischen Indien und China wurde nie offiziell anerkannt. Nur eine „Line of Control“ existiert seit dem Waffenstillstand im Indisch-chinesischen Krieg von 1962. Und deren Verlauf im unwirtlichen Himalaya ist bis heute strittig.

1967 kamen bei Scharmützeln zwischen Indern und Chinesen im Galwan-Tal in Ladakh 88 indische und mehr als 300 chinesische Soldaten ums Leben. Die ganze Nordregion ist eh ein Pulverfass: 1947 und 1965 führten Indien und Pakistan Krieg um sie, Frieden wurde nie geschlossen.

Nun wird spekuliert, warum der Konflikt zwischen Indien und China nach einem halben Jahrhundert plötzlich wieder hochkocht. Der indische Außenpolitik-Experte Brahma Chellaney vermutete auf Twitter, Indien habe sich von China überrumpeln lassen. In der Coronavirus-Pandemie gehe es der Volksrepublik darum, ihre Macht auszubauen, um im eigenen Land nicht als schwach zu erscheinen. Der chinesische Vorstoß in Hongkong mit einem neuen Sicherheitsgesetz für eine stärkere Kontrolle der Sonderverwaltungszone passe ebenso in dieses Bild wie Chinas aggressives Ausgreifen im Südchinesischen Meer.

Indien sorgt sich schon seit längerem um die wachsende Macht Chinas in Südasien. Satellitenbilder zeigen, dass beide Seiten in den umstrittenen Landstrichen ihre Präsenz in den vergangenen Wochen verstärkt haben. Indien hat im Himalaya nahe der Grenze neue Straßen gebaut. Auch Indiens Entscheidung, die bislang autonome Region Ladakh im August 2019 ganz in seinen Zentralstaat zu integrieren, hat die Chinesen angesichts ihrer territorialen Ansprüche dort irritiert. Das Galwan-Tal allerdings galt bislang gar nicht als umstritten. Die Vereinten Nationen zeigten sich besorgt über die Eskalation: UN-Chef Antonio Guterres forderte beide Seiten auf, „größtmögliche Zurückhaltung“ walten zu lassen.

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