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Osas Egbon konnte aus dem Kreislauf der Prostitution ausbrechen. Heute will sie anderen Nigerianerinnen dabei helfen. Helen Hecker
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Osas Egbon konnte aus dem Kreislauf der Prostitution ausbrechen. Heute will sie anderen Nigerianerinnen dabei helfen. Helen Hecker

Gewalt gegen Frauen

Zwangsprostitution in Italien:„Ich habe meine Heimat verlassen, weil wir kein Essen mehr hatten“

In Nigeria zwingen Dürre und Ernteausfälle Familien dazu, ihre Töchter zu verkaufen. Viele von ihnen landen in Italien in der Prostitution

Osas Egbon gründete mit anderen nigerianischen Frauen vom Verein „Donne di Benin City“ vor sechs Jahren in Palermo eine Anlaufstelle für Opfer von Prostitution. Sie selbst kam vor etwa 20 Jahren aus Nigeria nach Italien und arbeitete jahrelang als Prostituierte auf dem Straßenstrich, bis eine italienische Sozialarbeiterin ihr einen Job verschaffte. Heute will sie anderen Frauen und Mädchen helfen, von der Straße wegzukommen. Wie keine andere kennt sie das schmutzige Geschäft, das jährlich Tausende junge Afrikanerinnen an ein kriminelles Netzwerk fesselt.

Immer öfter landen vor allem Mädchen aus den ländlichen Regionen Nigerias bei ihr, die aufgrund von Hunger und Armut von ihren Verwandten zur Prostitution animiert und gar an die Schlepper, sogenannte „Connection-Männer“, verkauft werden. „Der Süden Nigerias ist bitterarm. Es gibt dort weder Industrie noch Universitäten. Das einzige Kapital vieler Familien sind die wunderschönen Mädchen“, sagt die 37-Jährige.

Frauen aus Nigeria nach Italien verschleppt

Eines dieser Mädchen ist Miriam. Seit vier Jahren lebt die 21-Jährige in Siziliens Hauptstadt, vor zwei Jahren ist sie dank Egbons Hilfe in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurden, weil sie gegen ihre Peiniger:innen aussagte. Als Miriam aus Nigeria wegging war sie – wie viele andere – erst 15 Jahre alt. „Ich habe meine Heimat verlassen, weil wir kein Essen mehr hatten“, erzählt sie schüchtern.

Catering mit afrikanischem Essen soll den Frauen in Palermo eine Alternative zum Straßenstrich bieten.

Lange Dürreperioden und unerwartete Regenfälle hatten die Lebensbedingungen in ihrem Heimatdorf verschlechtert. Viele Flüsse seien ausgetrocknet. „Um Wasser und Nahrung zu beschaffen, legten wir oftmals Dutzende von Kilometern zurück“, erinnert sie sich. Das Risiko für Übergriffe ist dabei vor allem für Frauen hoch. Nicht selten würden sie Kaufleute, von denen die Mädchen Essen kaufen wollen, erpressen: Sex für Nahrung, eine Spirale der Gewalt.

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Hatespeech: Wenn sich Frauen öffentlich über Klimawandel, Feminismus oder Extremismus äußern, müssen sie mit einem Sturm von Drohungen und Beleidigungen rechnen. Die Vereine „ichbinhier“ und „Hate Aid“ wollen das Netz nicht diesem Hass überlassen.

Die Macht des Öls: Abholzung im Regenwald treibt viele indigene Männer in die Städte – und Frauen in die Abhängigkeit. Eva Tempelmann berichtet über den Notstand in Peru.

Spirale der Abhängigkeit: Juliane Schmucker von Plan International erzählt, warum hinter Menschenhandel und Misshandlung oft eine noch größere Bedrohung steckt – der Klimawandel.

Auch eine im Jahr 2020 veröffentlichte Studie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) legt dar, dass klimatische Extremereignisse, lange Dürreperioden, Ernteausfälle und der Mangel an Saatgut einen direkten Einfluss auf die Lebenssicherheit vieler Frauen haben. So gebe es beispielsweise im Norden Ugandas Regionen, in denen es seit Jahren nicht regne und wo insbesondere Mädchen nicht mehr zur Schule gehen würden, damit sie sich auf tagelange Reisen begeben, um so die Versorgung der Familie zu sichern. Ebendiese verarmten Familien würden ihre Töchter und Geschwister dann an Menschenhändler verkaufen oder sie in einer Art Tauschgeschäft zur Ehe freigeben.

Nigerianische Mädchen zwangsprostitutiert – ein grausamer Kreislauf aus Armut und Gewalt

Miriams Reise nach Europa dauerte neun Monate. Von ihrem Heimatdorf ging es zunächst nach Benin City, dem größten Umschlagplatz für Menschenhandel. Dort begegnete sie zum ersten Mal ihrem „Connection Man“, der sie auf Geheiß ihrer „Madam“ mit anderen Flüchtlingen nach Europa schleusen sollte. In Libyen sperrte der Mann Miriam und zwei andere Mädchen über Wochen ein, weil die „Madam“ kein Geld geschickt hatte. Sie sollten 250 000 Naira (umgerechnet rund 500 Euro) zahlen, um sich freizukaufen.

„Madam“ oder „Maman“ nennen die Mädchen jene Frauen, die das Geld für ihre Reise nach Europa zahlen und sie anschließend zur Prostitution zwingen. Oftmals sind diese Frauen selbst ehemalige Prostituierte. Ein Schneeballsystem, das schwer zu durchbrechen ist. Allein 2020 wurden laut der Organisation „Save The Children“ von den italienischen Behörden 2040 Migrantinnen registriert, die in der Prostitution endeten. Rund 72 Prozent von ihnen stammten aus Nigeria.

Eine Nigerianerin, die sich seit Jahren für mehr Umweltbewusstsein und die Frauen in den ländlichen Regionen ihrer Heimat einsetzt, ist die Aktivistin Priscilla Achakpa. Mit 16 Jahren heiratete sie, bekam drei Kinder und wurde kurze Zeit später jung Witwe. Von der Familie ihres Mannes enterbt und auf sich allein gestellt, kehrte sie auf die Schulbank zurück, studierte Betriebswirtschaftslehre und Entwicklungspolitik und gründete das „Women Environmental Program“ (WEP), eine gemeinnützige Organisation, die Frauen und Kindern nachhaltige Lösungen für alltägliche Probleme bietet.

2020 wurde sie von der Deutschen Welle und dem nigerianischen Sender Channels Televisions als „Eco Hero“ ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung betonte sie den Zusammenhang zwischen Klimaveränderungen und Geschlechterungleichheit: „Wichtig ist, Frauen in die Strategien zur Bekämpfung des Klimawandels einzubeziehen.“

Um dies in Zukunft langfristig zu realisieren, arbeitet die Organisation mit Bäuerinnen vor Ort zusammen und errichtet beispielsweise Solarzelte für die Trocknung von verderblichem Gemüse wie Tomaten und Paprika. Das Ergebnis sei erstaunlich gewesen. Es wurden weniger Lebensmittel verschwendet, Ressourcen geschont und die Frauen konnten mit den getrockneten Produkten ihr Einkommen steigern. Um auf Dauer weitermachen zu können, bedarf es jedoch neben der Unterstützung der Regierung weitere private Partner.

Text von Helen Hecker

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