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Anti-Kohle-Protest: Sie sind in Lützerath, um zu bleiben

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Von: Barbara Schnell

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Wenige Tage vor der angekündigten Räumung des besetzten Dorfes Lützerath am Tagebau Garzweiler II bereiten sich Polizei und Protestbewegung darauf vor.

Lützerath – Der Volksmund sagt über das Heinsberger Land, dass man hier heute schon sehen kann, wer morgen zu Besuch kommt. Das stimmt zwar nicht ganz, denn das gewaltige Polizeiaufgebot, das am ersten Werktag des neuen Jahres auf sie zurollte, konnten die Aktivist:innen im Klimadorf Lützerath erst sehen, als es zehn Minuten entfernt am Horizont auftauchte – aber als es auftauchte, gab es eine druckvolle Kulisse ab.

Doch seit die Aktiven rund um Lützerath den „Tag X“ ausgerufen haben, also den Appell an alle, die das vom Braunkohletagebau Garzweiler bedrohte Dorf gegen die bevorstehende Räumung blockieren wollen, ist ein neues Element an diesem Horizont aufgetaucht: Ströme von Menschen mit aufgetürmten Rucksäcken, die die letzten, jetzt für den Autoverkehr gesperrten, Kilometer auf das Dorf zuwandern.

An der Kante des Braunkohletagebaus Garzweiler II haben sich laut Polizei im Laufe des Sonntags etwa 2.000 Menschen versammelt.
An der Kante des Braunkohletagebaus Garzweiler II haben sich laut Polizei im Laufe des Sonntags etwa 2.000 Menschen versammelt. © Guido Schiefer/epd

700 Abendessen gab die „Küche für alle“ am Freitag aus, am Samstag waren es 1200. Länge der Schlange an der Essensausgabe: wachsend. Natürlich fahren auch die Polizeikolonnen weiter übers Land – aber es gibt auch, wie es AnnenMayKantereit in ihrer „Ode an die Aktivisti“ am Sonntagnachmittag an der Abbruchkante singen, Hoffnung und Mut.

Lützerath: Wissenschaftler:innen kritisieren Kohle-Pläne der Regierung

Der Aachener Waldpädagoge Michael Zobel, dessen Spaziergänge schon ein bedeutender Teil der Bewegung rund um den Hambacher Wald gewesen waren, hatte für den ersten Januarsonntag noch einmal zum Dorfspaziergang nach Lützerath eingeladen. Es sollte ein Großereignis werden, dessen Teilnehmerzahl aufgrund der unübersichtlichen Lage schlicht nicht mehr zu schätzen war, das aber von einer Vielzahl unterschiedlichster Stimmen gestaltet wurde. AnnenMayKantereit dichteten und sangen, ein Feldgottesdienst an der Kante zog mehr Besucher:innen an als manche Pfarrkirche, vor dem stillstehenden Schaufelradbagger herrschte Volksfeststimmung, Bauzäune gingen auf Wanderschaft, Barrikadenmaterial, gemeinsam getragen von Aktivist:innen und besuchenden Familien.

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Zu den Gästen, die dem Ruf gefolgt waren, zählte die Wissenschaftlerin Catharina Rieve, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vertrat und provokant die Formulierung übernahm: „Auch wir sagen, Lützerath ist unräumbar.“ Die Fakten sprächen gegen die Räumung und Abbaggerung, erst recht zu diesem Zeitpunkt. Die drängende Eile, die auch NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur abends im ZDF noch einmal beschwor, sei selbst gemacht. „Die Gutachten sind in kürzester Zeit und unter großem Einfluss von RWE entstanden, während Akteur:innen aus der Region, darunter die Grüne Abgeordnete Antje Grothus, auf Beteiligung gedrängt haben.

Jetzt kann die Politik zwar behaupten, einen guten Deal gemacht zu haben, doch die Einsparung von 280 Millionen Tonnen Braunkohle gibt es nicht.“ Sie rate der Politik, ihre Entscheidung zurückzunehmen, so Rieve, noch sei das möglich. Wie wenig es in Lützerath tatsächlich um die schnelle Inanspruchnahme der Kohle gehe, könne man vor Ort sehen.

Lützerath: Ein Akt der Solidarität

„Die Politik argumentiert mit der sogenannten Gasmangellage, doch man sieht ja, dass hier in letzter Zeit nur die Tagebaukante weiterentwickelt wurde und große Sandmengen freigelegt und transportiert wurden.“ Man habe hier versucht, Tatsachen zu schaffen, ohne überhaupt Kohle zu fördern, die schließlich in den nötigen Mengen verfügbar sei. „Ich empfehle der Politik, den Schulterschluss mit der Klimabewegung nicht weiter zu brechen, sondern gemeinsam Lösungen zu finden.“

Für Peter Emorinken-Donatus war die Reise nach Lützerath gleichzeitig ein Akt der Solidarität und eine Gelegenheit, eindringlich auf die Folgen hinzuweisen, die die westliche Lebens- und Wirtschaftsweise für andere Teile der Welt hat. Der gebürtige Nigerianer, der seit 30 Jahren in Deutschland lebt, gewann im November den Panter-Preis der Tageszeitung taz. Er suchte vor Ort demonstrativ den Schulterschluss mit den Aktiven der Mahnwache Lützerath.

Protest in Lützerath: Neu geformte Allianzen in der Klima-Bewegung

Die Initiative, Keimzelle des Widerstandes in „Lützi“ und unerschöpfliche Kaffee-Quelle der Aktivist:innen, war ebenfalls für den Panter-Preis nominiert gewesen – und hatte statt des Preises die Freundschaft mit Donatus von der Verleihung in Berlin mitgebracht. „Diese Logik, dass Ihr nur überleben könnt, wenn wir sterben, ist ein Verbrechen“, so der Aktivist, der dafür kämpft, dass Ökozid als Straftat anerkannt und verfolgt wird. „Als Zugewanderter sage ich, jeder Mensch hat das Recht, nicht auswandern zu müssen!“ An die deutschen Medien appellierte er, den globalen Folgen des hiesigen Wirtschaftens mehr Platz einzuräumen: „Macht Schluss mit eurem Eurozentrismus. Die Zeit hat sich geändert.“

Als der Spaziergang beginnt sich zu zerstreuen und der Erdwall vor der Mahnwache wieder sichtbar wird, bleiben Menschen vor einem Schild stehen, auf dem „Ahrtal 82 km“ steht. Natürlich verweist das Schild auf die verheerende Flut im Sommer 2021 und damit darauf, dass die durch die Braunkohle mit verursachte Klimakatastrophe auch in unseren gemäßigten Breiten immer spürbarer wird. In dieser Woche hat es aber einen besonders ironischen Beigeschmack bekommen. „RWE hat in fünf Werktagen das ganze Dorf mit einer Straße umringt. Sie haben eine Straße in die Tiefe des Tagebaus gebaut, aus der sie nächste Woche mit ihrer Räumungsmaschinerie kommen wollen. Das zeigt doch, dass es Wege gibt, wo es politisch gewollt ist. Und gleichzeitig warten die Menschen im Ahrtal immer noch auf Hilfe und Handwerker.“

Lützerath: Zwischenfall mit geworfenen Steinen gegen Polizei

Als die Sonne unterzugehen beginnt, gibt es im Tagebauvorfeld einen Zwischenfall. Eine solidarisch eingehakte Kette von etwa vierhundert Menschen steht einem kleinen Polizeitrupp gegenüber. Sichtlich nervös weichen die behelmten Beamten zurück, es gibt ein Gerangel mit Journalist:innen, ein Polizist benutzt Pfefferspray, zielt aber nur auf den Boden.

Dann fliegen ein paar Steine aus der Menge, die darauf reagiert, indem sie sofort fast unisono „keine Steine“ zu rufen beginnt. Ein Polizeiauto bekommt Farbe und eine Handvoll Ackerboden ab, ein Spiegel wird abgetreten. Der Einsatzleiter stellt sich ohne Helm vor seine Einheit und drängt sie zum Rückzug. Eindringlich mahnt er zum Gewaltverzicht, solange es keine weiteren Angriffe gibt. Die Szene ist in Minuten vorbei; außer einem leicht verletzten Journalisten sind alle mit dem Schreck davongekommen. Dennoch sind es die fliegenden Steine, die am Abend dieses bunten Tages die Schlagzeilen der Agenturen beherrschen.

Am Montag wird die Polizei ankündigen, ab Mittwoch mit der Räumung des Dorfes zu beginnen. Die Allgemeinverfügung des Kreises Heinsberg, in dem Lützerath liegt, und die den Aufenthalt in dem Ort von Ende Dezember bis Februar verbietet, würde das ab Dienstag erlauben. An diesem Tag werde die Polizei zunächst eine Informationsveranstaltung über das weitere Vorgehen abhalten, sagt der Aachener Polizeipräsident Dirk Weinspach auf einer Pressekonferenz.

Zuvor hatte nach dem Dorfspaziergang Blaulicht in der Dunkelheit den Horizont im Heinsberger Land erfüllt. Zehn Hundertschaften holen sich in aller Ruhe den Raum im Tagebauvorfeld zurück, den die Klimaaktivist:innen kurzfristig für sich erobert hatten. Mobile Scheinwerfer tauchen Lützerath in grelles Licht – und zeigen nicht nur behelmte Polizisten, sondern auch einen nicht abreißenden Strom von Menschen mit aufgetürmten Rucksäcken, die nicht nur nach Lützerath gekommen sind, um einen Tag zu demonstrieren. Sie sind hier, um zu bleiben. (Barbara Schnell)

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