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1945: Militärpolizisten kontrollieren deutsche Frauen, auf der Flucht vor Kämpfen an der Front.

Zusammenrücken in fremden Kellern

Vom Leben in einer befreiten, besetzten Stadt: Tagebücher einer Frau aus Berlin, April bis Juni 1945

Von Angela Gutzeit

April/Mai 1945: Die russische Armee rückte in Berlin ein, lieferte sich letzte Gefechte mit ein paar versprengten deutschen Flakhelfern und Soldaten und übernahm schließlich die im Kriegschaos versinkende Millionenstadt als Sieger. Hunger und Vergewaltigungen folgten. Immer wieder diese beiden Worte in den späteren Erzählungen: Hunger und Vergewaltigungen. In den Schilderungen der betroffenen Frauen gerannen sie zu Synonymen für die Kriegsleiden schlechthin. Für die Nachgeborenen waren das nichts als Reizworte, Ausdruck des Selbstmitleids, das die Leiden der Opfer des Naziregimes aus dem Bewusstsein verdrängte bis zur blanken Empfindungslosigkeit. Wer weiß, ob dieses Buch einer anonymen Tagebuchschreiberin, wäre es früher erschienen, an der Dialogunfähigkeit auf beiden Seiten etwas geändert hätte. Diese Aufzeichnungen einer Berliner Frau, die als Autorin anonym bleiben wollte, bieten eine ungewöhnliche Sicht auf die damaligen Ereignisse, die in dieser Qualität in den meisten familiären Erinnerungsberichten fehlte. Aber die ungeheuren Verbrechen des Naziregimes verstellten über Jahrzehnte hinweg den Weg zu einer offenen und ehrlichen Auseinandersetzung mit den Kriegsfolgen für die deutsche Bevölkerung.

Das Buch Eine Frau in Berlin umfasst die Tagebuchaufzeichnungen der Verfasserin zwischen dem 20. April und dem 22. Juni 1945. Man mag nun vermuten, hier wurde nur ein Teilstück aus einem größeren Konvolut veröffentlicht. Das ist aber offensichtlich nicht der Fall. Die Autorin, damals Anfang dreißig, Tochter aus wohlhabend bürgerlichem Hause, weit gereist, sprachlich gewandt, hat nach eigener Aussage nur in diesem kurzen Zeitraum ein Tagebuch geführt. Es war eine chaotische Übergangszeit, in der wohl niemand sonst schrieb, dessen Profession nicht das Schreiben war. Umso erstaunlicher, dass diese Frau es trotzdem tat - während eines Bombenhagels im Keller, in den Zeitspannen zwischen den Vergewaltigungen durch russische Soldaten und auch noch todmüde nach der mühseligen Beschaffung der nur noch wenig verfügbaren Nahrungsmittel.

Am 22. April 1945 notiert sie: "Flak und Artillerie setzen die Akzente über unseren Tag. Manchmal wünsche ich, es wäre schon alles vorbei. Sonderbare Zeit. Man erlebt Geschichte aus erster Hand, Dinge, von denen später zu singen und zu sagen sein wird. Doch in der Nähe lösen sie sich in Bürden und Ängste auf. Geschichte ist sehr lästig." Es geht hier also nicht einfach nur um private Notizen. Und deshalb fallen hier auch kaum Worte über das Schicksal ihrer Familie oder ihres Freundes. Umso mehr ist sich die Verfasserin dieser Zeilen ihrer Chronistentätigkeit und der besonderen historischen Situation zwischen Kriegsende und Neuanfang voll bewusst.

Massengefühle, so schreibt sie, seien ihr immer zuwider gewesen, und das befähigt sie dann auch wohl zur distanzierten Beobachterin. Andererseits will sie sich aber bewusst "dem Massenmenschlichen hingeben, will es miterleben, will dran teilhaben". Und genau diese Perspektive des kritischen Blicks inmitten des Gewühls beim Plündern eines Vorratslagers, beim Zusammendrängen mit oft fremden Menschen in Kellern und halb zerstörten Wohnungen oder bei der Zwangsarbeit im Dienst der russischen Armee, diese Perspektive lässt das Zeitgeschehen und deren Menschen plastisch hervortreten.

Die Autorin beschreibt schonungslos die Vergewaltigungen durch russische Soldaten, auch die zahlreichen Übergriffe auf sie selbst. Bei diesen Erfahrungen, das weiß sie genau, geht es nicht selten ums Überleben, nicht so sehr im physischen, sicher aber im psychischen Sinn. Völlig unsentimental beschreibt sie, wie sie es schafft, die wilden sexuellen Übergriffe durch eine gewisse geregelte und damit schutzbietende Struktur zu ersetzen. Sie sucht sich gezielt nacheinander höherrangige russische Soldaten, denen sie Geschlechtsverkehr anbietet, um sich die Horden vom Leibe zu halten. Dazwischen ist sie noch in der Lage zu schreiben und mit den Russen so weit wie es geht Gespräche zu führen, sich über deren Kinderliebe und - trotz des Missbrauchs - deren Bewunderung für gebildete Frauen Gedanken zu machen.

Der Schriftsteller Kurt W. Marek schreibt in seinem Nachwort zu diesem Buch, dass ihn die Kälte der Autorin in diesen Aufzeichnungen am meisten erschüttert habe, eine Kälte, die er auf die vor Entsetzen gefrorenen Empfindungen der Tagebuchschreiberin zurückführt. Doch träfe diese Charakterisierung den Kern, wäre das Buch nur halb so interessant. Sicher, die Verfasserin dieser bewegenden Zeilen fragt sich selbst, ob sie jemals wieder zu echter Liebe fähig sein werde, ob sie nicht zur empfindungslosen "Dirne" herabgesunken sei, ob sie nach all diesen Erlebnissen in der Lage wäre, je wieder einen Platz in einem normalen Leben zu finden. Das deutet auf Abstumpfung hin. Aber Kälte spricht nicht aus diesen Zeilen, sondern ein hohes Reflexionsvermögen.

Die Autorin beherrschte ein wenig die russische Sprache. Sie hatte das Land der Sieger früher einmal bereist. Sie hatte sich kaum von der Nazipropaganda beeindrucken lassen, die Russen als Untermenschen titulierte, obwohl sie selbst an einer Stelle auch einmal von einer niederen Entwicklungstufe der Russen spricht. Und sie hat mit wachem Verstand die ersten gesicherten Meldungen über das Geschehen in den Konzentrationslagern wie auch über das Wüten der Deutschen Wehrmacht in Osteuropa aufgenommen. Das alles führt sie zu einem in ihrer Lage unglaublich bemerkenswerten Gedanken, nämlich dem von der "ausgleichenden Gerechtigkeit" - so sehr man die Legitimität dieser Überlegung auch bezweifeln kann und muss.

Nein, das Buch Eine Frau in Berlin strahlt nicht Kälte aus, wenn, dann eher Entsetzen, aber zuallererst Intelligenz und Feinfühligkeit bei der Beurteilung von Freund und Feind. Außerdem versteht sie es, ihr Leiden als Kollektiverlebnis, genauso aber auch ihren nüchternen Realitätssinn als spezielle Qualität vieler Frauen in Kriegszeiten einzuordnen. Dies ist ein außerordentlich beeindruckendes Dokument, das die Andere Bibliothek des Eichborn Verlages nun ihren anderen, verwandten Publikationen hinzufügen kann wie zum Beispiel Magret Bovaris Tage des Überlebens, Friedrich Recks Tagebuch eines Verzweifelten oder dem Band Europa in Trümmern. Augenzeugenberichte aus den Jahren 1944 bis 1948.

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