Das Beispiel Gütersloh zeigt, wie ungesund unser Wirtschaftssystem ist.

Fleischindustrie

Wenn eine Pandemie auf soziale Ausbeutung trifft

  • Jan Sternberg
    vonJan Sternberg
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Das Beispiel Gütersloh zeigt, wie ungesund unser Wirtschaftssystem ist.

Der Fisch wird schlecht. Ganz sicher. Genauso wie der Rest der Ware, heute erst angeliefert, im Wert von hunderten Euro. An diesem Freitag wollte Iris Bettinger eigentlich die Erweiterung ihres Restaurants feiern, feierlich, mit einem Barbecue. Zwei Bauarbeiter hämmern noch in den Ecken, sonst ist der Raum beinahe fertig. Zu einem Zeitpunkt, an dem es nicht schlechter laufen könnte.

Bettinger ist die einzige Sterneköchin im Kreis Gütersloh, sie betreibt das Hotel Reuter in der Innenstadt von Rheda-Wiedenbrück, wenige Kilometer entfernt von Tönnies. 20 Mitarbeiter, alle in Kurzarbeit. Das bleibt jetzt auch erstmal so. Vor dem Eingang sitzt Miteigentümer Armin Weisenberger. Er liest auf seinem Handy die Nachrichten und sagt: „Das ist jetzt richtig scheiße.“

10.41 Uhr am Dienstagmorgen. Mit elf Minuten Verspätung beginnt Armin Laschet in der Düsseldorfer Staatskanzlei eine Pressekonferenz, bei der er eine Premiere verkünden muss: Zum ersten Mal wird in Deutschland seit der Lockerungswelle ein regionaler Lockdown verfügt. Betroffen ist der Kreis Gütersloh nach dem Auftreten des Virus bei Arbeitern des Fleischkonzerns Tönnies. Laschet gibt sich Mühe, die explosive Nachricht eher nebenbei zu verkünden, als logische „zweite Stufe“ nach der Schließung von Schulen und Kindergärten vor einer Woche. Er spricht fast beiläufig von der Quarantäne für mehr als 7000 Tönnies-Beschäftigte. En passant erwähnt er die drei Hundertschaften, die diese Quarantäne durchsetzen sollen. Aber es gelingt ihm nicht. Die Nachricht, auch wenn sie niemanden mehr überrascht, ist zu schlecht, und Laschet wirkt viel zu unsicher.

Bis zum 30. Juni, vielleicht auch länger, werde der ganze Kreis „zurückgeführt auf die Maßnahmen, die vor wenigen Wochen gegolten haben“. Fast alles, was im Land des Lockerers Laschet wieder erlaubt war, wird erneut untersagt: Kontaktverbot, Kneipenschließungen, Picknick und Grillen in Parks wieder verboten.“ Eigentlich sind wir jetzt wieder auf dem Stand, an dem wir im März waren“, sagt Iris Bettinger in Rheda-Wiedenbrück. Was also tun? Erstmal das Barbecue absagen. Und dann abwarten. „Menschen rufen an und sagen mir, wir würden ja eigentlich kommen, aber wir trauen uns nicht.“

Ein anderes Hotel, eine andere Stadt, eine andere Lebensrealität: An der Neuenkirchener Straße vor den Toren der Stadt Gütersloh sind die Menschen aufgebracht. Bereits seit Sonntag stehen sie unter Quarantäne. „Wir haben keine Getränke, kein Wasser, keine Lebensmittel, keine Windeln für die Kinder“, rufen sie. „Wir leben hier wie die Hunde“, schimpft ein Mann auf rumänisch.

Ein Knirps wuselt über den Platz vor dem Eingang des Hauses, das seit vielen Jahren eine Unterkunft für Mitarbeiter der Fleischwarenbranche ist. Er wird zurückgepfiffen. Quarantäne. „Die Zimmer sind für uns zu klein, wenn wir hier zwei Wochen lang eingesperrt sind“, klagt eine junge Frau, die aus dem Fenster blickt. Rechts und links von ihr zeigen sich zwei Mädchen im Kindergartenalter. Über ihre Schulter blickt ihr Mann. Ihre größte Sorge: „Wir sind nicht infiziert, aber wir werden es bestimmt bald sein“, fürchtet eine Mutter. In einzelnen Zimmern seien Infizierte und Nichtinfizierte gemeinsam untergebracht worden, glaubt sie. Ein Vater macht sich Sorgen um die Gesundheit seines Kindes – ein Säugling.

Heikler Begriff

Die Bezeichnung „Lockdown“ wird nicht erst im Zusammenhang mit den Entwicklungen im Kreis Gütersloh und dem Nachbarkreis Warendorf verwendet. Als Mitte März für ganz Deutschland Kontaktbeschränkungen und andere Regeln erlassen wurden, war auch vom „Lockdown“ die Rede. Dabei ist die Verwendung in diesem Zusammenhang nicht ganz korrekt: „Lockdown“ bedeutet streng übersetzt „Sperrung“ beziehungsweise „Ausgangssperre“ – die gab es in Deutschland bislang nicht. Gemeint sind eher „Beschränkungen“ oder „Kontaktregeln“. 

In der Mittagszeit erscheint Holger Mix, Pastor der Gütersloher Christus-Kirche. Er ist von einer Dolmetscherin des Kreises alarmiert worden und bringt Trinkwasser, Getränke, Grundnahrungsmittel. Pastor Mix ist verärgert: „Ich habe kein Verständnis dafür, wenn die es nicht schaffen, hier die Leute zu versorgen“. Er meint die verantwortlichen Unternehmen, vor allem Tönnies. In der Pflicht stehen grundsätzlich die Arbeitgeber, betont eine Sprecherin des Kreises. Später heißt es, auch das DRK und das Technische Hilfswerk würden nun bei der Versorgung helfen. Eine Mammutaufgabe für die Verantwortlichen, ohne Frage. Doch es war Zeit genug.

“Viel zu spät“ käme der erneute Lockdown, kritisiert Thomas Kutschaty, SPD-Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag. Seit Wochen grassiert das Virus unter den Arbeitern in den Fabriken. Von den 6140 getesteten Tönnies-Mitarbeitern seien 1553 mit dem Virus infiziert, dazu gebe es einige Infektionen im familiären Umfeld, gibt Laschet bekannt. „In der Bevölkerung“ seien die Infektionen nicht angestiegen, sagt er, und präzisiert kurz darauf, „in der Bevölkerung, die nicht bei Tönnies beschäftigt ist“. Es ist der zweite vielsagende Lapsus des Ministerpräsidenten binnen einer Woche. Kurz nach Bekanntwerden der Infektionen bei Tönnies hatte Laschet gemutmaßt, dass „Rumänen und Bulgaren“ das Virus mitgebracht hätten.

Bislang seien lediglich 24 nicht bei Tönnies beschäftigte Menschen positiv getestet worden. Dennoch ist jetzt der ganze Kreis betroffen. Am Wochenende beginnen die Sommerferien in Nordrhein-Westfalen. Wer jetzt wegfahren will aus Gütersloh, sollte sich besser schnell testen lassen. Covid-19-Tests sind für die Bevölkerung kostenlos, kündigt Laschet an. Aber dürfen die Gütersloher überhaupt in den Urlaub fahren? „Man kann nur dringend appellieren, nicht aus dem Kreis herauszufahren“, sagt der Ministerpräsident, und räumt auf Nachfrage ein: „Es gibt aber kein Ausreiseverbot.“ Bleibt es bei einer einmaligen Sondersituation? Auch der Nachbarkreis Warendorf hat die Grenze von 50 Neuinfektionen bereits gerissen, auch dort wird das öffentliche Leben vorerst weitgehend zurückgefahren.

Die Feuerwehr packt mit an und schnürt Päckchen für die Versorgung von Menschen in Quarantäne.

Und was ist mit Clemens Tönnies, den viele hier als den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen wollen? „Jetzt geht es um den Schutz der Bevölkerung, Schadenersatzfragen werden danach erörtert“, wiegelt Laschet ab. „Die Kooperationsbereitschaft hätte größer sein können“, schiebt er noch nach. Dem SPD-Bundestagsabgeordneten Spiering ist das nicht genug. „Herr Laschet muss sich die Mühe machen, zu bewerten, was durch Tönnies da angerichtet worden ist“, sagt er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Alle in der Region wissen, wer Clemens Tönnies ist. Er hat nun einem der wirtschaftlich wichtigsten Landkreise in Deutschland schweren Schaden zugefügt. Dafür muss er geradestehen. Im Grundgesetz steht: „Eigentum verpflichtet“, ohne wenn und aber.“

Am Dienstag gibt Tönnies bekannt, Werkverträge „in Kernbereichen“ abzuschaffen. “ Dafür habe ich mich seit Jahren eingesetzt“, sagt Spiering, „und immer verwiesen die Unternehmen auf ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit. Oh Wunder, jetzt geht es doch.“ Dabei dürfe es aber nicht bleiben: Er fordert jetzt einen Mindestlohn von 13,50 Euro in der Fleischindustrie – und die Förderung handwerklicher Schlachtereien, die von den Großen plattgemacht wurden. „Zurück zum einheimischen Handwerk, das anständig bezahlt und mit dem man auch über die Herkunft des Fleisches reden kann.“

Reden aber könne man auch mit Clemens Tönnies, sagen sie in Rheda-Wiedenbrück. Am Hotel Reuter baut man darauf, dass Tönnies selbst es für die Stadt wieder einmal richten wird. „Ich glaube, dass er etwas unternehmen wird, um den Schaden für die Stadt wieder gutzumachen“, sagt Mitinhaber Weisenberger. Im Grunde sei er doch ein ganz netter Kerl.

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