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60 JAHRE DANACH

Zurück an den Absender

Klaus Lohr hat die Erlebnisse seiner Eltern unter anderem aus deren Briefen rekonstruiert. Kritisch setzt er sich mit der fehlenden Aufarbeitung während der Nachkriegs-Jahre auseinander.

Seit einem halben Jahr hatten meine Eltern in größter Angst umeinander gelebt. Im Herbst '44 war ihr Briefkontakt plötzlich abgerissen. Mein Vater wurde mit seiner Einheit in Nordfrankreich, wo gerade mörderische Abwehrschlachten tobten, von den vorrückenden Alliierten eingeschlossen. Bei einem wagemutigen Erkundungsgang in der Nacht wurde er angeschossen und gefangen genommen.

Meine Mutter war ahnungslos. Plötzlich kam jeder Brief von ihr zurück. Die Briefinhalte wurden verzweifelt: "Gib doch bitte eine Antwort! Lebst du überhaupt noch? Bist du gesund? Ach, alles ist egal, wenn du nur wieder lebend nach Hause kommst, du mein Alles! Die Ungewissheit ist schrecklich", heißt es in einem Brief.

Meine Mutter wurde durch den ebenfalls harten Alltag in Deutschland abgelenkt. Sie musste sich bei einem Gericht in Zweibrücken durch Berge von Akten arbeiten und abends noch bis zur Erschöpfung Schützengräben ausheben. Hier sollte als letztes Bollwerk vor den anrückenden Alliierten der Westwall entstehen. Fast täglich heulten die Sirenen und dröhnten die anfliegenden Bomber. Angst, Aufruhr, aber auch resignierte Ohnmacht.

Dann, im März '45, bekam meine Mutter eines Tages eine in Englisch vorgedruckte Kurzmeldung: Mein Vater lebte und war in englischer Gefangenschaft. In meiner Mutter keimte eine neue Hoffnung auf: Eine vage Zukunft nach dem Krieg. Die heranrückenden Amerikaner und das zusammenbrechende Reich, das sie so unkritisch angebetet hatten, schienen nicht mehr so wichtig. Nur noch durchhalten und auf das Ende und den Mann warten!

Mein Vater erzählte, dass es ihm in englischer Gefangenschaft sehr gut ging. Was muss er nur auch für Ängste um meine Mutter bei der Zerstörung Deutschlands gehabt haben. Etwa zur gleichen Zeit wurde meine Mutter mit ihrem Gericht wegen der vorrückenden Alliierten ins Hinterland evakuiert. Sie hörten schon das Artilleriefeuer der Amerikaner. Eines Nachts war der Himmel über der benachbarten Kleinstadt hell erleuchtet. Alle standen erschüttert draußen und wussten, dass soeben Pirmasens in Schutt, Feuer und Asche versank. In der Ferne war auch über Zweibrücken ein schwacher Schein zu erkennen. Mit einem tiefen Schmerz in der Brust begriff meine Mutter, dass gerade in diesem Moment ihre Heimatstadt und mittendrin ihr Zuhause zerstört wurde.

Einige Tage danach waren die verhassten Amerikaner auch im Dorf. Meine Mutter erzählte bitter: "Auf leisen Sohlen drangen sie ins Gericht und vergewaltigten mich und alle Frauen. Sogar die alte Leiterin, die sie heute noch schreien höre: Let me go, I'm an old woman." Wie konnten da meine Eltern die Amerikaner als Befreier empfinden?

Sie waren allerdings auch sehr unkritisch dem Naziregime gegenüber, das ihnen doch ihre, wie sie sagten, "zehn besten jungen Jahre" (mit Arbeits-, Wehrdienst und Gefangenschaft) geraubt hatte.

1946 kam mein Vater krank und gezeichnet nach Hause. Dann, so schient es mir manchmal, war nur noch Überleben und später Geld verdienen und Wohlstand anhäufen. Eine Verarbeitung all dieser furchtbaren Geschehnisse fand nie statt. Sie stecken auch indirekt in mir und in allen Deutschen - tief, tief verborgen und fast nie bearbeitet. Konnten wir so etwas aus diesem furchtbaren Krieg lernen, außer hohler Sprüche und Bekenntnisse?

Klaus Lohr, Steinen

Serie: Das Tagebuch, FR-Leserinnen und Leser berichten 60 Jahre danach

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