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Zur Abtreibung gezwungen: Den Feind im Mutterleib töten

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Von: Johannes Dieterich

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Die Chibok-Schülerin Hauwa Joseph (M.) mit ihrem Kind aus der Gefangenschaft im Juni in Maiduguri. Das Kind gilt als Terrorist.
Die Chibok-Schülerin Hauwa Joseph (M.) mit ihrem Kind aus der Gefangenschaft im Juni in Maiduguri. Das Kind gilt als Terrorist. © afp

Boko-Haram-Opfer werden in Nigeria offenbar vom Militär zu Abtreibungen gezwungen - bis in den achten Monat und auch gegen den Willen der Schwangeren.

Frankfurt - Bintu Ibrahim wurde jahrelang von Kämpfern der nigerianischen Islamisten-Miliz „Boko Haram“ festgehalten – sie wurde geschlagen, von immer neuen „Ehemännern“ vergewaltigt und schließlich geschwängert. Mit zwei Leidensgenossinnen gelang ihr vor drei Jahren dann die Flucht: Soldaten lasen sie auf und brachten sie in ein Krankenhaus.

Doch statt dort wie verlorene Töchter behandelt zu werden, wurden den jungen Frauen ungefragt mehrere Spritzen verpasst, die heftige Schmerzen und starke Blutungen auslösten. Die damals gut 20-jährige Ibrahim wusste, dass ihr Kind gestorben war. Auch wenn dieses von einem ihrer brutalsten Peiniger stammte: „Ich wollte es behalten“, sagt sie. „Schließlich hatte das Kind nichts Böses getan.“

Zur Abtreibung gezwungen: Sogar im achten Monat noch

Tausende von Frauen aus dem seit Jahrzehnten umkämpften Nordosten Nigerias sollen dasselbe Schicksal wie Bintu Ibrahim erlitten haben, fand die Nachrichtenagentur Reuters heraus: zusammen vielleicht mehr als 10 000. Die grausigen Berichte Dutzender betroffener Frauen sollen von zahlreichen Soldaten und Pflegekräften in zivilen und militärischen Hospitälern bestätigt worden sein, versichert Reuters.

Seit mindestens zehn Jahren betreibe das nigerianische Militär ein Programm, das von Boko-Haram-Kämpfern geschwängerte Frauen zur Abtreibung zwingt – selbst wenn sie bereits im achten Monat sind. Eine unbekannte Zahl an Frauen überlebe die Zwangsbehandlung nicht. Ibrahim will gesehen haben, wie sich eine im sechsten oder siebten Monat Schwangere nach der Injektion weinend und schreiend auf dem Boden wälzte – bis sie leblos liegen blieb. „Die Soldaten haben ein Loch gegraben und ihren Leichnam reingeworfen“, berichtet Ibrahim.

Die islamistische Terrorgruppe Boko-Haram hat in den letzten Jahren hunderte Frauen und Kinder entführt und teilsweise auch wieder freigegeben oder gerettet.

Zur Abtreibung gezwungen: „Aufständische schwächen“

Die Militärführung dementiert das alles emphatisch. So etwas sei in Nigeria völlig ausgeschlossen, sagte General Christopher Musa, der im umkämpften Nordosten die Aufstandbekämpfung leitet. „Wir respektieren Frauen und Kinder“, sagte der General zu Reuters: „Wir respektieren jedes Leben.“ Der Bericht der Agentur wurde vom Militär als „ausländische Bemühung, den Kampf des Landes gegen die Aufständischen zu schwächen“, abgetan.

Abtreibungen sind in Nigeria grundsätzlich verboten: Allein schon deshalb müssen die Militärs das Programm dementieren. Unter vorgehaltener Hand und ohne Nennung ihrer Namen bestätigten aber zahlreiche Soldaten die Zwangsabtreibungen gegenüber Reuters: Viele rechtfertigen die Praxis sogar. Sowohl für die Mütter wie für ihre Kinder sei es besser, wenn die Nachkommen nicht leben müssten: Sie würden ohnehin wie Aussätzige behandelt. Beim Militär wie in der Zivilbevölkerung herrsche die Auffassung vor, dass auch die Kinder von Extremisten von Natur aus Extremisten werden, erklärt Reuters: Künftige Feinde würden so schon vor der Geburt vernichtet. „Man desinfiziert so die Gesellschaft“, bemerkte ein Krankenpfleger lapidar.

Zur Abtreibung gezwungen: „Die Praxis kommt Folterungen gleich“

Ihre Zustimmung zu der Abtreibung hätten nur wenige Frauen gegeben, heißt es weiter in dem Bericht. Sträube sich eine Frau gegen die Behandlung, werde sie an Händen und Füßen ans Bett gefesselt und unter Zwang gespritzt, berichtet ein Pfleger: Viele würden auch mit der Hand oder dem Gewehrkolben geschlagen. Nach Auffassung von Rechtsexpert:innen kommt die Praxis des nigerianischen Militärs Kriegsverbrechen gleich: „Entsetzlich“, zitiert Reuters die australische Rechtsprofessorin Melanie O’Brian, „einfach entsetzlich“. Amnesty International fordert eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle: „Diese Praxis kommt Folterungen gleich.“

Davon will Nigerias Streitkräftechef Lucky Irabor allerdings nichts wissen. Das Militär werde die angeblichen Vorwürfe auf keinen Fall untersuchen lassen, so der General: „Weil sie nicht wahr sind.“ Warum solle er seine Energie „auf solche Dinge verschwenden“, fragt Nigerias höchstrangiger Offizier. (Johannes Dieterich)

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