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Warten auf die Staatschefs: In Hanoi laufen die letzten Vorbereitungen für das zweite persönliche Treffen von Donald Trump und Kim Jong Un.

Südkorea

Zukunft auf Koreanisch

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Sorgt das Treffen von Trump und Kim für Tauwetter auf der koreanischen Halbinsel? Zumindest die Unternehmen im Süden sind in Goldgräberstimmung.

Der Gipfel zwischen den USA und Nordkorea am Mittwoch und Donnerstag in Vietnam nährt vor allem südlich des 38. Breitengrads, der Kriegsgrenze zwischen Nord- und Südkorea, große Hoffnungen. Auf eine politische Annäherung könnte eine ökonomische folgen. Im Süden wird alles schon auf Anfang gestellt.

Drüben auf der anderen Seite war Lee Gun Min noch nie. Der 40-jährige Manager beim Vermögensverwalter BNK in Seoul träumt auch nicht davon. Aber die Kennzahlen des feindlichen Nachbarn hat der Südkoreaner parat. Der brave Mann mit rosa Krawatte zählt auf: „Die Wirtschaftsleistung pro Kopf erreicht im Norden nur ein Zweiundzwanzigstel des Südens. Unsere Handelsbilanz ist 144 Mal so hoch. Und bei uns gibt es fast 20 Mal so viele Handys. Aber dort oben leben immerhin halb so viele Menschen wie hier.“ Damit will er sagen: Sollten sich Nord- und Südkorea, die seit 69 Jahren im Kriegszustand sind, bald wieder vertragen, dann gäbe es plötzlich viel Raum für Geschäfte.

Vor einem guten Jahr schien eine Annäherung der zwei Koreas noch undenkbar. Heute spricht man immer wieder davon. Da sind einerseits die reellen Fortschritte: Zuletzt gab es zwischen Nord und Süd wieder mehr Familienzusammenführungen und sogar Vereinbarungen, gemeinsame Straßen zu bauen. Und dann gibt es eine neue Rhetorik: Seit Januar bezeichnet Südkorea den Norden immerhin nicht mehr offiziell als Feind. Zudem will Südkoreas Präsident Moon Jae In noch dieses Jahr Nordkoreas Führer Kim Jong Un nach Seoul einladen.

Als wichtigste Weichenstellung für eine weitere Verständigung gilt aber das nun anstehende Treffen zwischen Kim Jong Un und Donald Trump, Präsident von Südkoreas wichtigstem Partner. Werden in Hanoi gute Ergebnisse erzielt, könnte bald ein koreanischer Friedensvertrag folgen. Und dann wäre der Weg frei für ganz neue Beziehungen.

„Darauf stelle ich mich jetzt ein“, sagt Lee. Sein Interesse am Norden kam erst vor rund sechs Monaten auf. Bis dahin war seine Investitionsstrategie immer am Kospi ausgerichtet, Südkoreas Aktienleitindex. Und bei dem spielte Nordkorea keine Rolle. Aber seit vergangenem Jahr, glaubt Lee, müsse man dort hinschauen. Nachdem während der Olympischen Winterspiele im Februar 2018 eine nordkoreanische Delegation ins südkoreanische Pyeongchang reiste, im April Nordkorea den Präsidenten des Südens empfing, sich dann im Juni auch noch Donald Trump und Kim Jong Un in die Arme fielen, dachte sich Lee: „Mit Nordkorea könnte sich Geld verdienen lassen.“

Zumindest indirekt. Denn sobald genug andere Menschen so denken wie er, macht Lee Gun-min auch schon ein gutes Geschäft – selbst wenn sich auf diplomatischer Ebene noch nichts Substanzielles ändert. Mit dieser Eingebung begann der Finanzexperte im Frühjahr, ökonomische Daten zu recherchieren. Kurz vor dem US-Nordkorea-Gipfel im Juni in Singapur präsentierte BNK den seitdem von Lee organisierten „Wiedervereinigungsfonds Korea.“ Das Investitionsprodukt soll aus den Hoffnungen der politischen Welt Bares machen. „Ich lege das Geld unserer Klienten in Aktien solcher Unternehmen an, die von einer ökonomischen Integration der Koreas besonders profitieren würden.“

Ein Fonds zur Vereinigung soll große Gewinne erzielen

Falls südkoreanische Firmen eines Tages in Nordkorea Geschäfte machen dürfen, wie die beiden Staatsführungen schon vorsichtig angedeutet haben, erwartet Lee Gun Min vor allem in Sachen Infrastruktur, Lebensmittel- und Pharmaindustrie satte Aufträge und Engagements. Betriebe dieser Branchen machen denn auch das Portfolio des Wiedervereinigungsfonds aus, in den Privatkunden und Finanzinstitute investieren können. Das Volumen liegt nur bei umgerechnet vier Millionen Euro. Aber, wendet Lee ein: „Bisher betonen die Regierungen ja auch, dass vor einer weiteren Integration nukleare Abrüstung auf der nordkoreanischen und ein Abzug des US-Militärs auf der südkoreanischen Seite erreicht werden müssen.“ Wenn diese – nicht geringen – Hürden erst genommen sind, soll auch mehr Geld bewegt werden.

Tatsächlich scharrt in Südkorea derzeit so ziemlich jede Branche mit den Hufen. Ein Start-up, das für Autos und Häuser intelligente Schlösser entwickelt, schielt genauso nach Norden wie ein Hersteller intelligenter Maßbänder, die mit digitalen Messungen das Schneidern effizienter machen. Wenn Banken erst die 25 Millionen Nordkoreaner mit Konten ausstatten, dann kann auch südkoreanische Technologie, die für jede Transaktion eine einmalige Kreditkartennummer generiert, Finanzbetrügereien in Nordkorea vorbeugen.

Alles nur heiße Luft? Südkoreaner demonstrieren gegen zu viel Annäherung an den Norden.

Diverse junge Firmen richten zwar nicht ihre Planung auf die Wiedervereinigung aus, berechnen ihr Marktpotenzial aber durchaus in Bezug auf 75 Millionen Koreaner, also auf die Bevölkerung der gesamten Halbinsel. Auf der „Invest Korea Week“ – einer mehrtägigen Konferenz, mit der die südkoreanische Handelskammer ihr Land Anfang November als Investitionsziel und Produktionsstandort anpries – hieß es vom Wirtschaftsministerium: „Die Integrationsverhandlungen laufen in eine gute Richtung. Und es wird für Sie alle Geschäfte geben.“ Ein Offizieller des Vereinigungsministeriums ergänzte, Handel mit Nordkorea könnte ein neuer Wachstumsmotor für Südkorea werden.

Zu denen, die am Rande der „Invest Korea Week“ ihre Geschäftsideen vorstellten, gehört Dylan Coo mit seinem Start-up BA Energy. Coo, ein jungdynamischer Typ, will mit wärmespeichernden Wänden nicht nur die Energieeffizienz von Häusern erhöhen, sondern diese auch zu Energiequellen machen. „Was, wenn dein Haus ein Kraftwerk ist?“, ist seine begeisterte rhetorische Frage Und seine Antwort: „Technisch ist das möglich. Wir installieren dicke, energiespeichernde Wände und arbeiten unter anderem mit Solarpaneelen.“ Kurz nach der Einführung seines ersten Modells hatte BA Energy schon an 40 Häusern solche Aufrüstungen vorgenommen. Von den 35 Mitarbeitern arbeiten einige in Europa, wohin der Betrieb zunächst exportieren will. „Unser Marktpotenzial schätzen wir auf 20 Milliarden US-Dollar.“

Neben der Europäischen Union, die wegen ihrer relativ ambitionierten Ziele zur Energieeffizienz attraktiv ist, will BA Energy aber vor allem nach Nordkorea. „Dort könnte man ja teilweise ganz neu bauen. Das wären ganz andere Möglichkeiten“, sagt Dylan Coo. „Ich hoffe, dass wir mit dem südkoreanischen Wirtschaftsministerium zusammenarbeiten können, damit wir das Wohnen im Norden verbessern.“ Schließlich, glaubt Dylan, wären südkoreanische Betriebe für so einen „Aufbau Nord“ prädestiniert.

Skeptiker in Südkorea sehen viele leere Versprechungen

Mit ähnlichen Gedanken sicherte sich schon um die Jahrtausendwende die Hyundai-Familie, die von Schiffen bis Autos alles mögliche Fahrende baut und zu den größten Konglomeraten Südkoreas gehört, Privilegien für nördliche Märkte. Hyundai-Gründer Chung Ju Yung, gebürtig im Norden, machte sich zeitlebens für die Integration der zwei Koreas stark. Seine Nachfolger in Hyundais Vorstandsetage verstehen sich nun als Pforte zum Norden.

So lässt sich auch erahnen, wer im Portfolio des Wiedervereinigungsfonds einen festen, gewichtigen Platz einnimmt. „Wir haben Papiere von Hyundai Motor, Hyundai Elevator und weiteren“, sagt Lee Gun-min. Auch deshalb erwartet er, dass der Fonds langfristig fünf Prozentpunkte mehr abwerfen wird als der Leitindex Kospi. Damit dauerhaft Investoren auf den Fonds vertrauen, muss sich zwischen den beiden Koreas allerdings irgendwann etwas Substanzielles tun.

Südkoreaner, die trotz des historischen Gipfeltreffens 2018 unbeeindruckt bleiben, haben gute Gründe für ihre Skepsis. Im Moment läuft nicht einmal der Industriekomplex Kaesong im Süden Nordkoreas, wo über Jahre rund 200 südkoreanische Betriebe mit nordkoreanischen Arbeitskräften Produkte herstellten. Auf das Kooperationskonzept, das Nordkorea Geld brachte und Südkorea billige Produktionsbedingungen, sollten eigentlich weitere folgen. Aber derzeit wird bei allen vagen Ankündigungen einer Wiederinbetriebnahme immerzu betont, man sei noch nicht so weit.

Verspricht zu viel, wer angesichts des morgigen Gipfels in Hanoi schon von ökonomischer Integration, einem neuen Wachstumsmotor für den Süden und guten Geschäften für alle redet? „Möglich“, sagt Lee Gun Min. „Aber wir müssen bereit sein, bevor sich die südkoreanischen Betriebe die Aufträge abnehmen lassen.“ Lee dürfte wissen, dass dies vereinzelt bereits geschieht: Während die internationale Gemeinschaft mit den UN-Sanktionen die wirtschaftlichen Beziehungen zu Nordkorea auf Eis gelegt hat, investieren Russen und Chinesen trotzdem. Auch deshalb drängen Wirtschaft und Regierung in Südkorea auf die schnelle Annäherung mit dem Norden.

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