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Zukunft für alle: Eine Utopie für das Jahr 2048

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  • Kai Kuhnhenn
  • Anne Pinnow
  • Matthias Schmelzer

In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Und wie kommen wir dahin? Zwölf Thesen für das Jahr 2048.  

Angesichts von Klimakatastrophe, zunehmender Kluft zwischen Arm und Reich und Erstarken der Rechten scheint es schwierig, sich eine bessere Welt vorzustellen. Aber wie soll sich die Gesellschaft diesen Herausforderungen stellen, wenn sie visions- und mutlos ist? In einem zweijährigen Projekt widmet sich das Konzeptwerk Neue Ökonomie mit Sitz in Leipzig gemeinsam mit vielen Partner*innen der Entwicklung von solidarischen, ökologischen und demokratischen Visionen. Hier werden Zwischenergebnisse vorgestellt – als Diskussionsanregung und Einladung zum Träumen.

Verteilung: Gerecht und demokratisch

Grundlage einer gerechten und ökologischen Zukunft für alle ist, dass die bis 2020 herrschende Ungleichheit überwunden wird. Dafür bedarf es einer grundlegenden Umverteilung von Zeit, Ressourcen, Vermögen und Macht. 2048 sind große Teile des privaten Eigentums, vor allem an Boden, Wohnraum und Produktionsmitteln, vergesellschaftet. Demokratische Entscheidungen finden auf verschiedenen Ebenen statt, vom Stadtteil oder Dorf bis zur globalen Ebene. Alle, die von den Entscheidungen betroffen sind, können sich einbringen. Entscheidungen werden auf der kleinsten möglichen Ebene gefällt. Und vor allem wird in allen Lebensbereichen demokratisch entschieden, auch wenn es darum geht, was, wie, wofür und von wem produziert wird, wie wir arbeiten, investieren und verteilen. Alle Menschen haben reale Teilhabe- und Einflussmöglichkeiten, unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Positionierung.

Produktion: Kooperation statt Konkurrenz

2048 sieht die Wirtschaft grundlegend anders aus – fossile, profitorientierte und transnational agierende Unternehmen und

Finanzinstitutionen wurden abgewickelt. Stattdessen gibt es ein Netzwerk demokratisch organisierter Betriebe, die ihre Produktion an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten und lokal verankert sind. Kooperation statt Konkurrenz ist die Devise.

Um die Umweltauswirkungen zu minimieren, haben diese Betriebe hochwertige Materialkreisläufe aufgebaut. Das fällt deutlich leichter, da eine ausufernde Auswahl an Produktvarianten, Innovationszwang und profitorientierter Wettbewerb der Vergangenheit angehören.

Die Arbeit in diesen Betrieben wird so organisiert, dass Aufgaben rotieren, um Hierarchien vorzubeugen. Gegenseitige Wertschätzung und Achtsamkeit sind an die Stelle von Konkurrenz und Ich-AG getreten.

Arbeit: Vielfältig und selbstbestimmt

Durch die Neuorganisierung der Wirtschaft, die Sorgearbeit in das Zentrum stellt, wurden viele Jobs im Bildungs-, Gesundheits- und Pflegebereich geschaffen. Diese werden nun gleichermaßen von allen Geschlechtern übernommen. Durch diesen Fokus erfährt der Sektor eine massive Entlastung, so dass die dort Tätigen ohne Zeitstress arbeiten und der Kontakt miteinander freudvoll ist. Insgesamt ist das Arbeitsleben vielfältiger geworden. Auf Erwerbsarbeitsphasen folgen selbstverständlich Sabbatmonate, Zeit für Erziehung und Pflege von Kindern, Kranken und älteren Menschen, Zeit für die großen Fragen. Diese Form der Abwechslung wird auch durch die 25-Stunden-Woche im Alltag umgesetzt. Sie bietet die Möglichkeiten, Zeit für soziales und politisches Engagement, Kreativität, Haus- und Familienarbeit miteinander zu vereinbaren. Sinn, Selbstbestimmung und Solidarität sind die Begriffe, die 2048 mit „Arbeit“ verbunden werden.

Globalisierung: Solidarisch miteinander

2048 leben wir in einer Welt, in der viele Welten Platz haben: Lebenschancen und Gestaltungsmöglichkeiten sind in allen Weltregionen ähnlich verteilt, globale Ungleichheit ist überwunden, niemand leidet unter Armut, und es gibt vielfältige Lebens- und Gesellschaftsformen, die nebeneinander existieren können. Der Klimawandel konnte zwar nicht mehr verhindert, nur aufgehalten werden. Aber die Weltgesellschaft geht solidarisch mit den Folgen um: Demokratisch wird über die Verwaltung und Verteilung der globalen Gemeingüter wie Wasser, Luft, Land und Ressourcen entschieden, niemand lebt auf Kosten anderer. 

Der globale Norden hat nach der Anerkennung von kolonialer und Klimaschuld seit den 2020er Jahren viel zum Ausgleich der Folgen des Klimawandels beigetragen. Gerechter Welthandel, Bewegungsfreiheit und globale Solidarität prägen die globalen Verhältnisse.

Migration: Ohne Grenzen

2048 leben wir in einer Welt, in der sich alle Menschen unabhängig von Herkunft und nationalstaatlichen Grenzziehungen frei bewegen können. Grundsätzlich haben alle überall gleiche Rechte, so wie es bereits 2019 in einigen solidarischen Städten – wie beispielsweise in Palermo – der Fall ist. Dazu gehören nicht nur politische, soziale und ökonomische Rechte, sondern auch das Recht auf Bewegungsfreiheit. Schon lange wird niemand mehr abgeschoben, und dass es Zeiten gab, in denen Menschen wegen der Grenze im Mittelmeer starben, gilt als eine längst überwundene Tragödie der Vergangenheit. 

Alles, was für ein gutes Leben notwendig ist – wie Wohnraum, Bildung und Gesundheitsversorgung – soll nicht mehr an eine Staatsbürger*innenschaft geknüpft sein, sondern für alle bereitgestellt werden, die sich an einem Ort niederlassen. Migration wird nicht mehr als Problem, sondern als Normalität verstanden. Das heißt auch, dass Menschen die Grenzen in ihren Köpfen überwinden und damit alle Stereotype und Vorurteile, alle Rassismen, Sexismen, Homo- und Transfeindlichkeiten, Ausschlüsse von Menschen mit Einschränkungen, Klassismen und andere Formen der Ausgrenzung. 

Dem Aufkommen von Diskriminierung und Herrschaft wird in der ganzen Gesellschaft aktiv begegnet – in allen Institutionen, in zwischenmenschlichen Begegnungen und auf den Straßen und Plätzen.

Technik: Maschinen für Menschen

Wie die Wirtschaft generell wird auch die Technik an den Bedürfnissen ausgerichtet. Software und Hardware sind Open Source. Entwicklung und Kommunikation basieren auf autonomen, dezentral vernetzten und verteilten Infrastrukturen. Low-Tech-Lösungen sind populär und viel genutzt. Weil sie dort eingesetzt werden, wo sie schwere körperliche Arbeit erleichtern und/oder die Qualität der Produkte erhöhen, sprechen wir von einer effektiven und bedürfnisorientierten Mechanisierung und Digitalisierung. Diese wird von einer partizipativen praxisnahen Forschung unterstützt. 

Die verwendeten Rohstoffe sind Teil einer Kreislaufwirtschaft. Damit es keinen Elektroschrott mehr gibt, sind alle technischen Geräte modular gestaltet. Sie können – möglichst eigenständig, aber mit Hilfe dezentraler Werkstätten – verändert und repariert werden. Entscheidungen über das Verhältnis zwischen Menschen und Maschinen

treffen nur Menschen.

Soziales: Teilhabe garantiert

Die Teilhabe am guten Leben für alle wird durch eine stark ausgebaute, öffentliche und soziale Infrastruktur sichergestellt. Diese beinhaltet nicht nur Bildung, Gesundheit und Pflege, sondern auch Wohnen, Energie, Mobilität, und Ernährung. Dies steht allen Menschen zu, die hier leben, – unabhängig davon, ob sie gerade Erwerbsarbeit oder private Sorgearbeit leisten, sich weiterbilden oder für sich selber sorgen. Die Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auf ungefähr 25 Stunden pro Woche hat Zeit freigesetzt. Das gibt den Menschen die Möglichkeit, füreinander sorgen zu können und ehrenamtlich gesellschaftlich tätig zu sein. Finanziert wird die soziale Infrastruktur durch die Umverteilung von Vermögen, eine progressive Besteuerung auf Einkommen und Erbschaft und einer Nachhaltigkeitssteuer, die umweltschädliche Konsumgüter und Dienstleistungen stark besteuert. Das führt dazu, dass die Gesellschaft von den Menschen als gerecht wahrgenommen wird, Menschen sich gleichwertig fühlen und angstfrei und zufrieden leben können.

Landwirtschaft: Regional und ökologisch

Alle haben genug zu essen und Zugang zu guten, regionalen und saisonalen Lebensmitteln – hier und überall auf der Welt. Überall gibt es „Lebensmittelpunkte“, an denen sich Menschen treffen, reden, gemeinsam essen und sich frische Lebensmittel und Grundnahrungsmittel holen können. Da es genügend pflanzliches Eiweiß gibt, essen wir kaum mehr Fleisch. Gutes Essen ist vielfältig, kulturell selbstbestimmt und wird gefeiert. Es gibt nur noch biologische kleinbäuerliche Landwirtschaft. 

In dieser sind in einer Vielfalt landwirtschaftlicher Betriebsformen mehr Menschen tätig als 30 Jahre zuvor, die gut von ihrer Tätigkeit leben können, mehr Zeit und Selbstbestimmung haben und enge Beziehungen zu Abnehmer*innen pflegen. Die Lebensmittelherstellung erfolgt weitgehend regional und in ökologisch geschlossenen Kreisläufen, aller Handel ist demokratisch und fair.

Wohnen: In lebenswerter Nachbarschaft

Wohnen ist 2048 ein Grundrecht, das überall verwirklicht ist. Alle Menschen haben Zugang zu gutem Wohnraum. Sie sind Teil von lebendigen Vierteln, in denen sie alle Dinge des täglichen Bedarfs finden. Diese lebenswerten Nachbarschaften sind die Basis eines solidarischen gesellschaftlichen Zusammenlebens und Orte demokratischer Aushandlung. 

Niemand macht Profite durch Wohneigentum, denn aller Wohnraum ist in der Hand von Kommunen, Genossenschaften und Menschen, die in den Gebäuden wohnen. Überall haben Menschen Zugang zu geteilter Infrastruktur wie Gemeinschaftsküchen, Waschräumen, Werkstätten und Heimkinos. Auch auf dem Land gibt es viele lebendige Gemeinden, die in engem Austausch mit den Städten stehen.

Verkehr: Mobilität der kurzen Wege

In der Zukunft werden die Menschen so mobil sein wie heute, allerdings mit viel weniger Verkehr. Bessere Siedlungs- und Versorgungsstrukturen gepaart mit einem guten öffentlichen Nahverkehr sowie attraktiven Fahrrad- und Fußgängerwegen machen es möglich, Städte und Dorfzentren autofrei zu gestalten. Ein erfüllter Alltag verringert den Bedarf an CO2-intensiven Fernreisen, stattdessen wird die gut ausgebaute Bahn zum Erlebnis- und Komfortreisemittel. 

Flugreisen bleiben vor allem den Menschen vorbehalten, die ihr Land verlassen müssen oder ihre Familien besuchen. Eine Dematerialisierung durch lange Produktlebensdauern und langsamere Produktzyklen gepaart mit der Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen führt zu stark verringertem Gütertransport.

Energie: Zu 100 Prozent erneuerbar

Eine umweltfreundliche Umgestaltung aller Sektoren sowie suffiziente Lebensstile führen 2048 zu einem viel geringerem Energieverbrauch. Der verbleibende Bedarf wird schon seit zehn Jahren von erneuerbaren Energien gedeckt. Die Anlagen dafür gehören keinen Privatunternehmen sondern sind öffentlich, demokratisch verwaltet durch Kommunen oder als Genossenschaften organisiert. Für die Verteilung von Strom und Wärme werden in manchen Regionen die alten Netze genutzt. Andere Regionen setzen auf autarke Kommunen oder sogar Nachbarschaften. 

Die früher vorherrschende Klimapolitik, die von Konkurrenzdenken geprägt war, gehört der Vergangenheit an. Stattdessen gibt es ein demokratisches Weltgremium, das als Dienstleister für die kleineren Ebenen Vorschläge zur Verteilung von Rohstoffen und Einhaltung der Klimaziele macht.

Bildung: Hauptsache Neugier

Alle Menschen lehren und lernen, um selbstbestimmt und verantwortungsbewusst mit sich, ihren Mitmenschen und der Mitwelt

leben zu können. Dabei steht die Neugier im Vordergrund. Lernorte sind die Orte, wo Menschen die gängigen Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Dort wird gemeinschaftlich gelernt. Die Diversität der Menschen, die sich dort begegnen, wird als Bereicherung geschätzt. Was Menschen lernen, hängt von den Fragen ab, die sie gerade spannend finden. Interessieren sich Menschen etwa für Ökosysteme, gehen sie raus – dort beobachten sie, fühlen, ertasten und nehmen mit allen Sinnen wahr. 

Sie besuchen andere, die viel über Ökosysteme wissen und lernen Biologie, Chemie und Physik in der Praxis. Zurück in den Lernorten reflektieren die Lernenden mit ihren Lernbegleiter*innen, was sie erlebt und erfahren haben. Diese unterstützen die Lernenden in ihrer Suche, sie geben Anregungen, stellen Fragen zur Selbstreflexion und müssen niemanden mehr bewerten und kontrollieren.

Das Projekt

Die Autor*innen sind vom Konzeptwerk für Neue Ökonomie in Leipzig. Seit 2018 haben sie in zwölf Zukunftswerkstätten gemeinsam mit mehr als 150 Vordenker*innen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen Vorschläge für eine solidarische und ökologische Zukunft erarbeitet.

Ihre Vision richtet sich auf das Jahr 2048. Weit genug in der Zukunft für grundlegende Gesellschaftsveränderungen, aber noch in Sichtweite. Sie wollen keinen Masterplan, der am Reißbrett entworfen wird: Inspiriert durch schon existierende Alternativen und die Vernetzung mit sozialen Bewegungen geht es darum, eine demokratische Suche zu ermöglichen.

Bei einem Utopiekongress im August/September 2020 sollenbundesweit die Ideen weiterdiskutiert werden.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Der utopische Raum“ der Stiftung Medico international stellt Nina Treu ihre Thesen auch in Frankfurt vor: am 20. Februar, 19 Uhr, im Osthafenforum.

Mehr Informationen zum Projekt finden Sie im Internet unter: konzeptwerk-neue-oekonomie.org

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