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"Helio" ist weltweit die erste von der Sonne betriebene Fähre. Sie schippert Touristen über den Bodensee.
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"Helio" ist weltweit die erste von der Sonne betriebene Fähre. Sie schippert Touristen über den Bodensee.

Zu Fuß in die Zukunft

Auszüge aus den Toblacher Thesen 2006: Eine neue Kultur der Mobilität - langsamer, besser und schöner mit weniger Autoverkehr.

These 1

Mobilität ist eine Frage von Kultur, die zu den Menschen passt, eine Angelegenheit von Kopf und Bauch, hat mit Emotionen zu tun, muss Spaß machen. (?) Wir wollen das Auto nicht verteufeln, wir wollen ihm den Stellenwert zuweisen, der ihm im Rahmen eines zeitgemäßen Verkehrssystems zukommt. Dies bedeutet den Übergang von der heute herrschenden Automobilität zur Multimodalität, zur Auswahl unter mehreren Mobilitätsoptionen, zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit öffentlichem Verkehr, mit Car Sharing, auch mit dem eigenen Auto. Je nach Bedürfnis, Entfernung und Angebot das geeignete Mobilitätsmittel wählen ist die neue Kultur der Mobilität.

These 2

Eine neue Kultur der Mobilität entsteht, wenn die Menschen mit ihrer Vernunft und ihren Emotionen in die Neugestaltung von Mobilitätsangebote einbezogen werden. Um die Menschen mitzunehmen, sind Emotionen sehr wichtig - sie dürfen weder verleugnet noch künstlich verstärkt werden, sie lassen sich in Szene setzen und ausdrücken. Kluge Mobilitätslösungen sind angesagt, die nicht nur passiv akzeptiert, sondern dank positiver Emotionen aktiv genutzt werden. (?) Dazu muss sich das Verkehrsverhalten verändern und die Erfahrungen zeigen, dass man mit Gewohnheiten und Routinen sehr wohl brechen kann, wenn die Politik ernsthaft, kontinuierlich und im Dialog mit ihren Bürgerinnen und Bürgern vorgeht. Vernünftige Argumente setzen sich im öffentlichen Dialog durch.

These 3

Die noch herrschende Automobilität erstickt an ihren negativen Folgen: 1,2 Millionen Verkehrsopfer weltweit jedes Jahr, Lärm und Luftverschmutzung, darunter die extrem gesundheitsschädlichen Feinstäube, Landschafts- und Flächenverbrauch, Verschandelung der Orte, Immobilität durch Staus, enorme soziale und ökonomische Kosten. Jede Autofahrt schädigt das Weltklima und die Klimaänderung wirft ihre bedrohliche Schatten voraus. Durch den enormen Verbrauch von fossilen Brennstoffen verringern sich die Ölreserven jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, und werden in zwei bis drei Generationen verbraucht sein. Der "Peak Oil", der Punkt der höchsten Förderung von Erdöl, ist in wenigen Jahren erreicht. Bei sinkender Produktion und steigender Weltnachfrage wird der Preis in die Höhe schnellen, auch mit möglichen weltweiten ökonomischen Verwerfungen. Dies ist Anlass genug, solange wir noch Handlungsspielraum haben, ein Verkehrssystem mit wählbaren Alternativen aufzubauen.

These 4

Reisen im motorisierten Verkehr, ohne das Klima zu schädigen, ist nicht möglich. Es gibt jedoch Strategien, um die Folgen für das Klima zu mildern. Sparsames Fahren, leichtere Fahrzeuge, effiziente Antriebe und regenerative Treibstoffe erlauben eine deutliche Reduktion der Treibhausgasemissionen. Sie stellen jedoch nur Bausteine dar, die auf dem Weg zu einer "solaren" Mobilität mit Verkehrverminderung kombiniert werden müssen. Wenn die erstbeste Lösung, nämlich die Vermeidung von Emissionen, zum Beispiel beim Fliegen, nicht möglich ist, können als zweitbeste Lösung die verursachten CO2-Emissionen an anderer Stelle in Klimaschutzprojekten kompensiert werden. Innovative Dienstleister bieten verantwortungsbewussten Menschen, Firmen und Organisationen diese Kompensationsmöglichkeit, auch für Veranstaltungen aller Art an. So sind auch die Toblacher Gespräche 2006 eine "klimaneutrale" Tagung, dank Investitionen in solare Gewächshäuser im Himalaja. Diese Kompensationsmöglichkeiten sollen aber nicht davon abhalten, wann immer möglich, die Alternativen zu wählen, die am wenigsten Belastungen erzeugen.

These 5

Es gibt mehrere Strategien, den Autoverkehr zu verringern. Die "City Maut" hilft, die Autos aus der Stadt herauszuhalten. (?) Die Befürchtungen, wonach der Einzelhandel Einbußen hinnehmen muss, hat sich nicht belegen lassen. Weniger belastend als die Nutzung des privaten Fahrzeuges ist die gemeinschaftliche Nutzung von Autos. Mit Car Sharing lassen sich die Automobilitätsbedürfnisse der Menschen wesentlich effizienter erfüllen. (?) Autos sind die meiste Zeit keine Fahrzeuge, sondern Stehzeuge. Ein erster Erfolg ist, dass weniger Autos herumstehen. Es zeigt sich zusätzlich, dass Nutzer von Car Sharing noch mehr darauf achten, Autoverkehr zu minimieren. Nicht der Besitz, sondern die Nutzung des Fahrzeugs ist die Devise.

These 6

(?) In Schweden hat man sich als Ziel die "Vision Zero" gesetzt, eine Zukunft, in der niemand mehr durch den Straßenverkehr getötet oder schwer verletzt wird. Straßen und Autos, so der Kern der Maßnahmen, sollen sich an die Menschen und ihr Verhalten anpassen, nicht umgekehrt. Dabei spielt die Geschwindigkeit eine zentrale Rolle: Überleben bei einem Aufprall mit 30 Stundenkilometern noch 90 Prozent der Personen, verschiebt sich diese Zahl drastisch bei 50 Stundenkilometern. Die Straßen müssen wieder zum Raum für Verkehr und für Begegnungen werden. (?) Mehr Eigenverantwortung, weniger Schilder und Ampeln, gemächliches Fahren und durch Augenkontakt gelenktes Verhalten erhöhen die Sicherheit. Zurück in die Zukunft: den Raum teilen und die Straße wieder als Lebensraum für alle begreifen.

These 7

Wir brauchen wieder mehr Lebens- und Bewegungsqualität in unseren Ländern. Generelles Ziel muss es sein, zukunftsfähige, belebte und wohnliche Städte und Dörfer zu gestalten. (?) Dazu sind neue urbanistische und regionale Konzepte notwendig. Für den ständig wachsenden Bedarf an Wohnfläche, die z. B. in Zürich mittlerweile 50 Quadratmeter pro Person beträgt, müssen Angebote oder Alternativen geschaffen werden. Während in den Innenstädten die Aufenthaltsqualität verbessert wird, wird die Peripherie zunehmend zum Problem. Arbeitsplätze, Freizeit-Events und Wohngebiete verteilen sich in den Zwischenstädten und im ländlichen Raum. Sie sind fast nur mehr mit dem Auto zu erreichen. Städtische Lösungen müssen in der Region unter Einbezug der Peripherie und des ländlichen Raums erweitert und vernetzt werden. Der unfruchtbare Konflikt zwischen Städten und Umland muss aufhören.

These 8

Orte mit Lebensqualität zeichnen sich nicht allein durch eine hohe Erreichbarkeit für alle aus, sondern bieten optimale Bedingungen für Nahmobilität, Nahversorgung und Naherholung. Zufußgehen ist die ursprünglichste und grundlegendste Art der Fortbewegung. (?) Die meisten Wege werden immer noch zu Fuß gemacht. Deshalb muss Fußverkehr in der Planung berücksichtigt und in der Verwaltung besser verankert werden. Neben dem Fußverkehr ist das Fahrrad das stadtverträglichste Verkehrsmittel. (?) Die Radmobilität muss zum Mobilitätssystem werden. Ein hoher Nahmobilitätsanteil entlastet nicht nur die verkehrliche Situation, sondern trägt entscheidend zur Lebensqualität und Gesundheit bei.

These 9

Ein multimodales Verkehrssystem stützt sich auf einen effizienten und attraktiven öffentlichen Verkehr. Züge, Busse und Straßenbahnen werden am besten von einer Mobilitätsagentur koordiniert und verknüpft. (?) Das fortschrittlichste Beispiel in Europa ist "Bahn und Bus 2000" in der Schweiz mit seinem Konzept der Knoten und den perfekten Umsteigerelationen, ein komplexes System, das sich ohne klaren politischen Willen und ohne Rückkopplung mit den Nutzern nie hätte realisieren lassen. Nicht die Maximierung der Geschwindigkeit, sondern die Minimierung der Reisezeit und ein flächendeckendes Angebot sind dabei das Ziel. Auch Unternehmen und Verwaltungen können sich mit einem betrieblichen Mobilitätsmanagement besser in die Systeme des öffentlichen Verkehrs einbinden, um die Wege zur Arbeit zukunftsfähiger zu gestalten.

These 10

Zur Förderung einer neuen Kultur der Mobilität ist Kommunikation unverzichtbar. Dazu gehören Information und Beratung über das gesamte Mobilitätsangebot, wie sie der Rhein-Main-Verkehrsverbund mit seinen Informationszentralen der neuesten Generation anbietet. Kommunikation muss aber weit über reine Information über das Bestehende oder Geplante hinausgehen. Eine neue Mobilität muss vermarktet, Mobilität muss inszeniert werden, wie in der Markenkommunikation. Das Beispiel der Radmobilität in Bozen zeigt, wie ein einheitliches Erscheinungsbild, das zur Marke geworden ist, und ein regelmäßiges Auffrischen der Beziehung mit den Nutzerinnen und Nutzer maßgeblich für den Erfolg verantwortlich sind und zur Identifikation nach außen und nach innen führen. Starke Marken lösen bei den Kunden Emotionen und Respekt aus, Schlüsselfaktoren zu einer tiefen emotionalen Bindung, nicht anders als in zwischenmenschlichen Beziehungen. Der übliche kommunikative Kurzschluss, Mobilität gleich Automobilität, beginnt bei den Kindern. Hier muss kreative Mobilitätsbildung ansetzen.

These 11

Die Alpen leiden besonders unter der automobilen Mobilität. Nicht nur örtliche Probleme, wie überfüllte Straßen, Lärm und Abgase beeinträchtigen die Lebensqualität, sondern auch der globale Klimawandel wird hier mit dramatischen Folgen wirksam. Auch die Alpentouristen, die oft von weither kommen, erzeugen Verkehr. Für den öffentlichen Verkehr stellen sie eine besondere Herausforderung dar, da sie oft zu ungewöhnlichen Zeiten und in schwer erreichbaren Orten mit ihren Touren beginnen. Auf der anderen Seite sehen sie die Veränderungen der Natur und die Folgen des Klimawandels besonders anschaulich. Das Beispiel "Alpenretour" des Schweizer Alpen Clubs zeigt einen Weg, die Bergwanderer auf Bahn und Busse zu führen. Einmal sensibilisiert, können sie zu Botschaftern für eine neue Mobilitätskultur (?) werden. Der vorwiegend auf Pendler ausgerichtete öffentliche Verkehr muss Dienste auch für die Freizeit anbieten.

These 12

Die Vision ist die Kultur einer neuen Mobilität. Die heutige autozentrierte Mobilität lässt sich nicht unverändert in das anstehende neue Solare Zeitalter hinüberretten. Die Wiedergewinnung der öffentlichen Räume als Lebensräume, kurze Wege, geringe Geschwindigkeiten, ein umfassendes multimodales Mobilitätsangebot, die Stärkung der Nahmobilität, effiziente Systeme von öffentlichem Verkehr, Mobilitätsdienstleistungen wie Car Sharing, umfassende Informationen und ein ansprechendes Marketing sind die Voraussetzung, um überhaupt auf die post-fossile Zeit vorbereitet zu sein. Für einen erfolgreichen Umbau des Mobilitätssystems ist eine konsequente Ausrichtung der Politik über einen längeren Zeitraum hinweg erforderlich. Als Ziele müssen positiv besetzte Werte der Gesellschaft, wie Stadt-, Umwelt- und Lebensqualität, Verkehrssicherheit und Klimaschutz in den Mittelpunkt gestellt werden. Die Mobilität der Zukunft soll langsamer, besser und schöner, mit weniger Autoverkehr sein.

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